Die Wahrhaftigkeit des Trivialen

Die endlose Liste seiner Bewunderer reicht von Fassbinder über Todd Haynes und Pedro Almodóvar bis zu Dominik Graf. Das Berliner Zeughauskino widmet sich mit einer opulenten Retrospektive dem Werk von Douglas Sirk – und gibt Aufschluss darüber, wie vielseitig der vor allem durch seine Hollywood-Melodramen bekannte Regisseur eigentlich war.

La Habanera

An diese impulsiven Lateinamerikaner muss man sich erst einmal gewöhnen. Doch die Schwedin Astrée (Zarah Leander) ist im Gegensatz zu ihrer meckernden Tante sehr angetan vom tropischen Klima Puerto Ricos und dem heißblütigen Gemüt seiner Bewohner. Wenig später stiehlt sie sich vom Kreuzfahrtschiff, um für immer zu bleiben – in den Armen des pensionierten Stierkämpfers Don Pedro de Anvilla (Ferdinand Marian). Und obwohl die Einheimischen hier seltsamerweise berlinern, zeichnet sich schnell ab, dass die unterschiedlichen Mentalitäten nicht zusammenpassen. Mit einem eleganten Pathos vergangener Tage verkörpert die Sängerin Zarah Leander das kühle nordische Naturell, das meilenweit entfernt ist von der vermeintlichen südländischen Lebensfreude. So sitzt Astrée in ihrem goldenen Käfig, rollt gurrend das „r“, haucht jedes Wort, als ob es ihr letztes wäre, und singt traurige Lieder, in denen sich Schmerz auf Herz reimt.

Camp, Reflexion oder Propaganda?

Hitler s Madman

Der große Hollywood-Regisseur Douglas Sirk, damals noch Detlef Sierck, drehte mit dem Melodram La Habanera (1937) seinen letzten deutschen Film. Man kann viel darin sehen: ein Camp-Feuerwerk etwa, das mit lustvoll überzeichneten Stereotypen und reichlich Dialogwitz zu bezaubern weiß. Oder auch eine Reflexion über die romantische Verklärung exotischer Länder.Was für Astrée im Urlaub noch neu und aufregend war, weicht schnell dem ernüchternden Alltag. Doch wenn man sich ansieht, wie sehr der Film mit der damaligen Nazi-Ideologie kompatibel ist, bekommt das Ganze einen schalen Beigeschmack. Es ist wohl kein Zufall, dass alle Ausländer in La Habanera korrupt sind und interkulturelle Beziehungen der Natur des Menschen widerstreben. Dabei bewahrt sich Sirk jedoch kleine Widersprüchlichkeiten, die den nationalistischen Subtext zumindest teilweise brechen. Wenn Astrée am Ende von ihrem schwedischen Jugendfreund in die Heimat zurückgebracht wird und vom Kreuzfahrtschiff noch einmal auf Puerto Rico blickt, ist ihr Abschiedsschmerz unübersehbar. Plötzlich geht es wieder weniger um Politik als um die Unbelehrbarkeit des Menschen; dass er immer genau das haben will, was er gerade nicht bekommen kann.

Erschütterndes Bild der Menschheit

All that Heaven Allows

Sirk verließ Deutschland noch im selben Jahr – wegen seiner jüdischen Frau, aber auch aufgrund seiner politischen Überzeugung. Nach Zwischenstationen in der Schweiz und den Niederlanden landete er schließlich in den USA, wo er mit Hitler's Madman (1943) gewissermaßen ein radikales Gegenstück drehte. Im Gewand eines ruppigen B-Movies zeichnet Sirk darin den Weg des Kriegsverbrechers Reinhard Heydrich nach und entblößt schonungslos das Böse im Menschen. Kaum zu glauben, dass wir es hier mit dem Regisseur von quietschig bunten Melodramen wie Was der Himmel erlaubt (All That Heaven Allows, 1955) und Solange es Menschen gibt (Imitation of Life, 1959) zu tun hat. Wobei auch in Sirks aufgrund seiner vermeintlichen Trivialität seinerzeit belächelten Spätwerk ein ziemlich erschütterndes Bild der Menschheit gezeichnet wird. Wer gegen soziale Normen aufbegehrt, nicht standesgemäß heiratet oder auch nur eine andere Hautfarbe hat, wird mitleidslos verstoßen. Obwohl sich Sirks Filme aus dieser Zeit überwiegend im Privaten abspielen, erzählen sie nicht nur von den Machtspielen und Manipulationen innerhalb der Familie, sondern auch von gesellschaftlicher Gewalt.

Shock Proof

Bis zum 18. September bietet das Berliner Zeughauskino im Rahmen einer großen Retrospektive die Möglichkeit, fast das komplette Werk Sirks kennenzulernen. Aufschlussreich ist die Reihe, weil man darin erfährt, dass Sirk mehr war als der Regisseur subversiver Hollywood-Melodramen. Im Laufe seiner Karriere inszenierte er auch düstere Heimatfilme (Das Mädchen vom Moorhof), virtuose Musicals (Meet Me at the Fair), herrlich krude Film Noirs (Shock Proof), Technicolor-Kriegsfilme über moralische Zwickmühlen (Battle Hymn) und sogar einen 3D-Western (Taza, Son of Cochise). Vielleicht wird es die letzte Gelegenheit überhaupt sein, Sirks Werk in diesem Umfang und auf 35mm zu sehen. Nach der Pressevorführung lässt sich sagen, dass die Kopien aus den US-amerikanischen Studioarchiven so jungfräulich klar sind und wundervoll leuchten, dass sich ein Besuch in jedem Fall lohnt.

Das gesamte Programm gibt es hier 

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