Wie ein rostiger Nagel – Amateurfilmer David „The Rock“ Nelson
Er pfeift auf erzählerische Konventionen und filmhandwerklichen Anspruch. Dennoch gelingen Horror-Enthusiast David „The Rock“ Nelson regelmäßig kleine Meisterwerke von radikal subjektiver Originalität und eindringlicher Schönheit.

Wann ist ein Film ein Film? Wie weit lässt sich das Medium reduzieren, bevor man nur noch von Schnappschüssen ohne Anspruch auf Form, von privaten Aufzeichnungen sprechen kann? Und ab wann stellt sich so etwas wie künstlerischer Ausdruck ein? Auf sehr eigene Weise loten die Filme von David „The Rock“ Nelson diese Grenze aus.
Die private Welt des Home Video

Der Filmemacher ist eine Kultfigur des filmischen Undergrounds. Er war bei den Marines, hat jahrelang in der Amateurliga geboxt und als Vertreter für Wörterbücher gearbeitet. Seit über drei Jahrzehnten dreht er in seiner Heimatstadt Des Plaines, einem Vorort von Chicago, Monsterfilme, die sich jeder gängigen Kategorisierung entziehen – über 40 Regiearbeiten sind es inzwischen. Selbst würde er sie wahrscheinlich als Horror-Comedys bezeichnen, die ihre Zuschauer in erster Linie unterhalten sollen. Dafür lässt er die Ikonen des klassischen Hollywood-Horrors wiederauferstehen: Dracula, Frankenstein und der Wolfsmann, aber auch mutierte Insekten spuken durch die private Welt des Home Videos.
Das Besondere an Nelsons Werk besteht darin, dass er nahezu alle Konventionen des Filmemachens ignoriert, sie schlicht und einfach nicht kennt. Er zieht sich billige Halloween-Masken über den Kopf und rennt knurrend und schreiend durch seinen Vorgarten oder die Nachbarschaft. Er dreht mit einfachsten Camcordern, besetzt Freunde, Familienmitglieder, Nachbar*innen – und vor allem sich selbst. Selten gibt es Filmmusik, kaum ein Skript, der Schnitt wie auch das Schauspiel sind dilettantisch. Die Filme sind derart eigenwillig und exzentrisch, dass man zuweilen an der geistigen Gesundheit ihres Machers zweifeln muss. Zugleich verströmen sie jedoch enormen, beinahe kindlichen Enthusiasmus und üben eine eigentümliche Faszination aus. Sie sind weder Parodie noch bewusster Trash, haben nichts Kalkuliertes, nichts Zynisches an sich. Sie sind naive Hommagen an den Horrorfilm, getragen von Begeisterung für das Genre.
Mit verschwitztem T-Shirt auf Monsterjagd: Conrad Brooks vs. the Werewolf

Ein frühes Highlight seiner „Karriere“ ist Conrad Brooks vs. the Werewolf von 1994. Für diesen Film verließ Nelson erstmals seinen vertrauten Hinterhof und reiste nach Baltimore, um den Schauspieler Conrad Brooks vor die Kamera zu holen. Brooks, ebenfalls eine Randfigur der Filmgeschichte, erlangte im Zuge der Ed-Wood-Renaissance Anfang der 1990er-Jahre kurzzeitig Mirkoprominenz. Er gehörte einst zu den Saufkumpanen Ed Woods und spielte in einigen von dessen Filmen kleine Nebenrollen. Neben Plan 9 From Outer Space (1957) trat er in einem weiteren Anwärter auf den schlechtesten Film aller Zeiten auf: The Beast of Yucca Flats von 1961. In der Begegnung zwischen ihm und David „The Rock“ Nelson treffen zwei Epochen des schlechten Films aufeinander: hier der Veteran aus Ed Woods Entourage, dort der obsessive Amateurfilmer der Videoära.
Zur Besetzung von Conrad Brooks vs. the Werewolf gehören auch Brooks’ zwei deutlich ältere und um einiges gebrechlichere Brüder. Sie werden Opfer des Werwolfs, gespielt von Nelson in Gummimaske. Brooks schwört Rache und begibt sich bewaffnet mit Baseballschläger, Spielzeugkanone und verschwitztem T-Shirt auf die Jagd nach dem Ungeheuer. Die rudimentäre Handlung folgt keiner konventionellen Logik, sondern reiht lose Szenen aneinander. Es ist eine Reise in den Wahnsinn. Brooks streut immer wieder Meta-Referenzen zu Ed Wood, Tor Johnson oder Bela Lugosi in seine improvisierten Monologe ein. Das Ganze erreicht seinen bizarren Höhepunkt, wenn er im Finale 10 Minuten lang den Werwolf mit einem Auto im Vorwärts- und Rückwärtsgang überfährt und dabei irre lachend: „This is for the marines! This is for my good friend Ed Wood! This is for my favorite actor Bela Lugosi!“ ruft. Aus dem Bodensatz der Werwolf-Epigonen sticht Nelson als absurdeste Inkarnation hervor wie ein rostiger Nagel.
Heidenspaß und Geduldprobe: The Devil Ant

Nelsons Opus Magnum folgte 1999 mit The Devil Ant – ein über zweistündiger Monsterfilm im Geiste von Sci-Fi-Horrorstreifen der 1950er-Jahren wie Them! (1954) oder Tarantula (1955). Das titelgebende Ungetüm ist eine handtellergroße Gummiameise, die Nelson Freunden, Bekannten und allen Leuten, die ihm begegnen, ins Gesicht wirft, während er aus dem Off raunt: „The Devil Ant strikes another victim!“ Die meisten Beteiligten gehen auf den Spaß ein. Ein Detective und ein verrückter Professor, jeweils gespielt von Nelson selbst, treten auch auf. Wieder ist die narrative Struktur absolut zweitrangig. Entscheidend ist die Beharrlichkeit, mit der David „The Rock“ Nelson eine Handvoll Szenen immer und immer wieder wiederholt. Die Ameise zappelt vor der Kamera, findet ihr nächstes Opfer, Detective Nelson sitzt in seinem Hobbykeller und stopft Junkfood in sich hinein, anstatt auf Monsterjagd zu gehen.
In den improvisierten, aus dem Stegreif gedrehten Szenen geraten ihm immer wieder zufällig auch prominente Personen vor die Kamera, die kurzerhand in den Film integriert werden. Neben Protagonisten der Horror- und Trashfilmgeschichte wie Roger Corman, Tom Savini oder Fred Olen Ray wird sogar Hillary Clinton (!) zum Opfer der Teufelsameise. Ob ihr bewusst ist, dass sie Teil dieses Films geworden ist, darf stark bezweifelt werden. Für die Zuschauer*innen ist das alles zugleich ein Heidenspaß und eine Ausdauerprobe. Ganz unerwartet gelingen Nelson in seinen Schnittbildern von Sonnenaufgängen, Landstraßen und Vorortnachbarschaften immer wieder Aufnahmen von eindringlicher Schönheit, die durch die Low-Fi-Videoqualität beinahe etwas Gespenstisches bekommen. Fast wie bei einem experimentellen Diary-Film, ein Genre, von dem Nelsons Film der künstlerischen Intention nach nicht weiter entfernt sein könnte, bezieht The Devil Ant seinen Reiz aus der eigensinnigen Originalität und radikalen Subjektivität, die der Filmemacher in beinahe transzendenter Weise ins Bild setzt.

David „The Rock“ Nelson spielt mit den Klischees und Versatzstücken des Horrorfilms. Er verfolgt dabei aber keine subversive Agenda, er beabsichtigt nicht, Schluss zu machen mit der Fiktion. Vielmehr hält er – trotz aller Albernheit – liebevoll an ihr fest. Er ist ein exzentrischer, unkonventioneller und kompromissloser Künstler, der in seiner eigenen Realität lebt. Wir können uns glücklich schätzen, dass er uns gelegentlich Einblick in diese vertraut unheimliche Welt gewährt.
Conrad Brooks vs. the Werewolf und The Devil Ant sind beide als Blu-ray bei Vinegar Syndrome erhältlich.












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