Von Schönheit erschlagen: Filmfest Hamburg 2026
Christliche Echos in einem Bordell und eine Pilgerreise zu Death-Metal-Klängen: Die Filme des diesjährigen Filmfests Hamburg hatten die angenehme Bereitschaft, ihre Erzählung links liegen zu lassen, wenn es stattdessen Bilder zu entdecken gibt.

Sein Leben lang arbeitete Kamel für das, was man in Israel der arabischen Arbeiterklasse an Krümeln zuwirft. Nachdem er von Fremden krankenhausreif geschlagen wurde, braucht Kamel Monate, um wieder zu laufen. Aber den Kopf zu heben, dass lernt er nicht mehr. Er sieht seine Ehre unrettbar beschädigt und beschließt, Jerusalem zu verlassen und in die USA auszuwandern. Dort schuftet er und trotzdem reicht es gerade für ein Dach über dem Kopf. Kamel senkt den Kopf noch tiefer und kehrt nach Jerusalem zurück. Dort ist seine Frau mittlerweile an Krebs gestorben und Wael, sein Sohn ist ertrunken. Ertrunken, aber niemals offiziell für tot erklärt worden. Kamel ringt darum, die wahren Todesumstände ans Licht zu bringen. Auf der Tonspur das ständige Rauschen des Meeres, die titelgebende Conversation With the Sea (Muayad Alayan, 2026).
Alayan erzählt dies alles moralisch komplex: Wie viel ist die Ehre eines Einzelnen wert im Vergleich zur Ehre der Familie? Sind diese Ansprüche wirklich voneinander trennbar? Dabei verharren die schematisch durchgetakteten Bilder im drögen, festivalverkuschelten Neorealismus. Die handgeführte Kamera lässt kaum eine visuell interessante Einstellung entstehen. Wahrscheinlich auch der Preis dafür, an Realschauplätzen in Jerusalem zu drehen: Man achte auf die verpixelten Gesichter in den wenigen Straßenszenen und darauf, wie viele dieser Szenen nachts spielen. Ich winde mich manchmal in meinem Sitz, wünsche mir einfach etwas mehr Willen zur Form, zum Experiment, zur Geste, zum Kino.
Ausgeatmete Landschaften

Zwei Tage später sehe ich Yesterday the Eye Didn’t Sleep (Rakan Mayasi), wo der Kameramann eine Nennung als Ko-Drehbuchautor bekommt. Laut der Einführung wurde der Film mit Laien und ohne Drehbuch produziert. Der Film ist nur Formwille, 4:3-Bilder, modisch in langen Master-Einstellungen. Totale auf Landschaften, die einen mit Schönheit erschlagen wollen, aber menschenlos ausgeatmet daliegen. Langsame Zooms auf Körper, gerne vor Fenstern platziert, die mal enthüllen und mal verdecken. Dazwischen lange, handgeführte Einstellungen oder auch ein ekstatischer Zeitraffer, wenn mal geheiratet wird. Doch wenig hat hier dramatisch Hand und Fuß, es ist kein Interesse an den Charakteren oder am Erzählen spürbar. Nach einer Stunde dämmere ich weg, auch wenn der Film immer wieder für ein, drei Bilder zum Leben erwacht: Säcke, die von oben präzise auf einem Laster landen. Ein kurzer Dialog, wo der Gegenschuss in den Rückspiegel eines Autos verlegt wird. Die finale Einstellung, in der Rin zum Vogel werden muss, um endlich frei zu sein.
Keine Revolution ohne Begehren

Vielleicht einfach ein Kritikerproblem, diese krankhafte Sehnsucht nach der filmischen eierlegenden Wollmilchsau. Wenn man sie denn nicht ab und an auch wieder finden würde. Marie Madeleine (Gessica Généus) wurde in Jacmel mit einem haitianischen Cast gedreht. Généus, die auch die Hauptrolle übernimmt, erzählt unbeschwert und frei von der Last herkömmlicher Sehgewohnheiten. Jede Einstellung ist rein visuell konzipiert. Langatmige narrative Entwicklungen werden hier oft einfach übersprungen, wenn es stattdessen Bilder zu entdecken gibt.
Marie Madeleine hatte eine Fehlgeburt. Joseph findet sie auf der Straße. Die Kamera auf Bodenhöhe, aus M.M.s Perspektive, leicht nach oben blickend. Joseph kommt langsam in den Fokus, sein Gesicht doppelt sich, seine Bewegungen wie in Zeitlupe. Er bringt M.M. ins Krankenhaus, das sie prompt abweist: überfüllt. M.M. überlebt, trauert, ihre Wunden verheilen etwas. Als sie erneut den Kontakt zu Joseph sucht, schickt der sie weg. Zwei Einstellungen später sitzen die beiden zusammen auf einer Treppe, teilen ihr Essen und reden über ihre Eltern. Emotionen sind in diesem Film immer situativ, sie wechseln und wenden sich.
Joseph wandelt zwischen den Welten und kämpft mit seiner Körperlichkeit, seinem Begehren. Das Bordell, in dem M.M. als Sexarbeiterin tätig ist, wird zum wertefreien Experimentierraum. Ich denke an D.H. Lawrence und seine wunderbare Novelle The Escaped Cock in der Jesus nach seiner Wiederauferstehung nach Griechenland zieht und eine Beziehung mit einer Priesterin beginnt. Keine Revolution – innen oder außen, individuell oder staatlich – ohne Körperlichkeit, ohne Begehren.
Das Christentum hat sich in Jacmel längst in die Häuserfassaden eingeschrieben. Joseph will M.M. von der Bibel erzählen, von Maria Magdalena, aber diese lacht nur und erzählt ihm lieber von ihrer Großmutter – selber Name, selber Beruf –, die dahinterkam, dass die Regierung die hungernde Bevölkerung einfach in Booten aufs Meer hinaus fuhr, um sie dort hinzurichten. Aus Liebe zu einem Soldaten stieg sie selbst in ein Boot und folgte ihrem Liebsten in den Tod.
Steht da wie eine Salzstatue und weint das Meer an

Eine Frau steht einsam am Strand und die Wellen scharren gegen ihre Füße. Man ist kurz verwirrt, dass man nicht Lee Kang-Sheng erblickt, den Hauptdarsteller aller bisherigen „Walker“-Filme von Tsai Ming-Liang. Doch die Frau scheint genauso traurig, genauso suchend zu sein. Nur ist sie weniger in Bewegung. Stattdessen steht sie da wie eine Salzstatue und weint das Meer an. Dann doch noch: Schnitt zu Lee Kang-Shengs Walker – mehr Tanz als Performance –, der in Dust (Tsai Ming-Liang) zu Fuß durch die Straßen und das Umland San Sebastians pilgert. Immer noch so langsam, dass es die Sehgewohnheiten reizt. Von einem der ausging, um sich zu entschleunigen.
Dust ist vor allem wieder ein schöner Landschaftsfilm geworden. Tsai hat ein weiterhin gutes Auge für die Glasfassaden, Rolltreppen und Statuen, die das heutige Stadtbild europäischer Metropolen prägen. Indem er Walkers Langsamkeit gegen diese Starrheit stellt, lässt der Film kleine optische Zerrungen entstehen. Das Bild scheint zu vibrieren, beruhigt sich dann wieder. Wir schneiden zu einem lokalen Club und befinden uns plötzlich in einem Konzertfilm. Death Metal und Bierlachen. Dazwischen der Walker, der sich mit angespanntem Gesicht wieder nach draußen schiebt.
Der Blick des Films ist ein demokratischer, er findet den Bauern und die Frau, er findet einen jungen Mann – und Anong Houngheuangsy, Tsais neue Muse, der mit Taschenlampe bewaffnet durch einen Tunnel schreitet. Es ist, als würde der Film mit Körpern malen. Dust ist bereits der vierte Teil von Tsais Walker-Serie und man spürt, dass in diesem Konzept noch viele weitere kompositionelle Ideen schlummern. Manchmal erkennt man das beste Kino eben daran, dass es einem zeigt, was noch zu sehen sein wird.












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