"Gestern war schön im Fernsehn"

Maskierte Bösewichte, schöne strahlende Retter in der Not, vor Spannung aufschreiende Trompeten: Harald Reinls Krimis sind triviale Reißer für erregbare Gemüter. Silvia Szymanski erinnert sich mit Vergnügen.

Ich kenne gar nicht so wenige Filme von Harald Reinl, habe ich gemerkt, als ich zu meinem Schreck wegen einer Einführung zu einer Filmreihe über ihn gefragt wurde. Doch das wird vielen so gehen, denn Reinl hat – „Kino ohne Rast“, wie der Titel der Reihe lautet – mehr als 60 Filme gedreht. Viele waren mega-erfolgreich und prägten die bundesrepublikanische Unterhaltungsfilmgeschichte. Angefangen mit schön dunklen, nebulösen Melodramen wie Hinter Klostermauern (1952). Dann blumig-sentimentalen Taschentuchfilmen mit Kinderstar Christine Kaufmann. Schön alberne und frische Schlager-Heimatfilmkomödien wie Grün ist die Heide (1972) mit Roy Black, der Ente Eulalia und dem It-Girl Monika Lundi. Reinls erfolgreichste Werke aber waren seine vielen legendären Genrefilme, Mabuse, Pauker, Jerry Cotton, Wallace, Winnetou.

Im Gegensatz zu deren bunten Fröhlichkeit und Abenteuerlichkeit, war Reinls Biographie ambivalent und zeitweise dunkel. In seiner Jugend war er ein Abenteurer und Ski-Ass; aber er war auch in der NSDAP und arbeitete mit Leni Riefenstahl, unter anderem bei ihren abgründigen Filmprojekten wie Tiefland, für den Sinti-Komparsen aus den Zwangslagern geholt und später in den Tod zurückgeschickt wurden. In Reinls Nachkriegsfilmen meint man, die Nachwirkungen jener Zeit in der dunklen Atmosphäre zu spüren. Später wurden seine Filme leichter. 1986 hat ihn seine letzte Ehefrau ermordet. Das war fast wie in den Heftchenthrillern, die vielen seiner Filme zugrunde lagen.

Im Fieber wurden die Filme multidimensional

In den 60er Jahren hatten diese trivialen, kleinen Reißer ihren festen Platz neben der Kasse im Herzen der inhabergeführten Lebensmittellädchen Westdeutschlands. Sie standen direkt neben den Zigaretten und machten genauso süchtig. Geschichten über Liebe – melodramatischer: „Schicksal“ – Wildwest, Krimi, Perry Rhodan, Grusel, Landser, Arzt. Ich war enttäuscht, dass im Gymnasium nicht solche Romane im Deutschunterricht gelesen wurden, sie galten als „Schund“, etwas für Hausfrauen, Dauer-Pubertierende und andere erregbare Gemüter. Die Verfilmungen aber lösten einen Boom aus.

Viele von uns haben Reinls Genrefilme zum ersten Mal als Kind gesehen; sie wurden oft im Fernsehen wiederholt, und spätestens wenn man krank war, durfte man sie gucken. Im Fieber, mit laufenden Nasen und keuchendem Husten wurden sie multidimensional. Alles war zwar winzig und in einen Kasten gesperrt. In Wirklichkeit aber war es hyperlebendig und dämonisch. Publikumserschrecker in der Geisterbahn, das Kino und das deutsche Fernsehen steckten alle unter einer Decke. Furchtverzerrte Schriften im Vorspann, unheilvoll schrillende Telefone. Die brütende Schwere der Materialien: Mit jedem Gegenstand könnte man töten. Handschuhe aus dickem, dunklem Leder, um keine Fingerabdrücke zu hinterlassen. Schwere Teppiche, um Leichen einzurollen für den Abtransport in Lastwagen mit unheimlichen Kühleremblemen wie dem Magirus Deutz. Strafende Blicke, markige Chef-Stimmen – „trockenhart knallen die knappen Dialoge“, schrieben die „Filmblätter“. Nicht weniger gefährlich aber: nette, joviale Onkels, die sich als böse entpuppten. Oder sadistische Verrückte mit ihrem fetischhaft gruseligen Lachen… das innere Kind erstarrt noch heute.

Der Frosch und Die unsichtbaren Krallen haben manches gemein. Ich verrate nur das, was man eh schon gleich am Anfang… nun, eigentlich ja nicht sieht: nämlich unsichtbare und maskierte, akribisch abgezählte und durchnummerierte Bösewichte. Zum Glück sorgen in beiden Filmen faire Leute für Licht im Dunkel und Erleichterung. Karin Dor, das schöne Wesen. Lex Barker, leicht Mitchum-artig in seiner ruhigen Souveränität und dem Sinn für Komik in den lächelnden Augen. Die junge, sexy Eva Pflug. Eva Anthes, ehrbares Love Interest im Young-Romy-Schneider-Stil. Joachim Blacky Fuchsberger, „vertrauenswürdiger Beschützer verfolgter Frauen“.

Siegfried Lowitz hingegen fungiert in beiden Filmen als markant kartoffelige Spaßbremse.

Geisterhafte Popoabdrücke: Die unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse

Was ist eigentlich ein Mabuse? Wir alle kennen Motsi, die Tänzerin aus dem Fernsehen. Ich kannte einen Rolf Raguse aus Frelenberg. Wenn man aber anfängt zu recherchieren: Mabuse, das ist eine ganze Welt!

1920 erfand ihn der bestürzend germanophile, kriegsfreiwillige Schriftsteller Norbert Jacques (1880–1954) aus dem hübschen, kauderwelschenden Luxemburg. Er beobachtete eines Tages auf einer Fahrt über den Bodensee, der damals ein belebter Schwarzhandel-Umschlagplatz war, einen Mitpassagier, dessen Statur und Gesicht ihn inspirierten. Jacques setzte sich noch an diesem Tag in eine Wirtschaft und begann, zu schreiben. Er machte aus dem kleinen Schieber mit der berührenden Ausstrahlung einen genialen Großverbrecher mit „tausend Gesichtern“, Verkleidungen und Fähigkeiten der Beeinflussung. Großer Erfolg. Mabuse und viele weitere Romane finanzierten dem Autor seine künftigen Abenteuerreisen. Fritz Lang verfilmte ihn als erster. Doch Reinls Mabuse (1962) ist anders.

Drehort war Berlin. Man kennt vielleicht so manches wieder. Besonders flashen die surrealistisch und collagenhaft wirkenden Tricks rund um einen Unsichtbaren, der mit Accessoires hantiert und drollige Auswirkungen auf die Umgebung hat: ein Opernglas schwebt in der Loge, Gardinen ziehen sich wie von allein zurück, der Teppichflor krümmt sich unter Geisterfüßen, ein Kissen zeigt den Abdruck eines Popos, als der Unsichtbare aufsteht.

Das gibt es ja gar nicht

Als Handlungslegasthenikerin scheint mir die Story verwickelt. Ich glaube aber zu verstehen, es geht um Hypnose und Weltherrschaft, auch um die über eine Frau. Daran beteiligt: Satelliten, Wissenschaft, Atomphysik.

Ich fand den Film am Anfang etwas unredlich. Das gibt es ja gar nicht, dass man sich unsichtbar machen kann. Aber ein fachkundiger Experte vom kosmographischen Institut erklärt das in dem Film einleuchtend. Selbst ich als unbedarfte Filmmaus habe es mir danach zugetraut, einen Frequenzkoordinator selbst zu bauen.

Lex Barker. „Das Idealbild eines moralisch integren Helden, der sich durch Intelligenz, Geschicklichkeit und eine fast übermenschliche Körperkraft auszeichnete“, schrieb ein Kollege. Ein schöner Mann. Fünfmal verheiratet, einmal sogar mit Lana Turner. Ein Vorfahre von ihm war Gründervater von Rhode Island, ein anderer Generalgouverneur von Barbados. Lex sollte eigentlich ins väterliche Baugeschäft einsteigen. Aber er wurde Schauspielernovize bei Orson Welles am Broadway, ein bedeutender Tarzan und schließlich ein europäischer und besonders in Deutschland sehr erfolgreicher Abenteuerfilmstar.

An seiner Seite: Karin Dor, die damals mit Harald Reinl verheiratet war und bald international Karriere machte – in dem Bond-Film Man lebt nur zweimal (1967) und in Hitchcocks Topas (1969). Auch prima: Werner Peters, bekannt z. B. aus Staudtes Der Untertan. Und Walter Bluhm, die deutsche Stimme von Stan Laurel, hier als Portier im „Metropol“.

„Das treueste und älteste Warnsystem der Welt“, sagt ein Polizist in einer rührend handlungsirrelevanten Liebeserklärung an den Polizeihund.

Chice Streifenpullis: Der Frosch mit der Maske (1959)

"Gestern war schön im Fernsehn" erzählte mir meine Kollegin Röschen in der Chemischen Reinigung, wo ich mal gearbeitet habe. "Otkar Wollis. Den Tatort, weißt du? Der Hund auf den Mann los, ej! Und nachher, wo die da alle in der Kirche lagen, mit die Tücher. Das war ALLES mit Tücher! Das war ... ich kann gar nicht sagen, wie. Schön." Eine verblüffend zutreffende Kurzkritik, stellte ich viel später fest, als ich selbst endlich Das indische Tuch sah.

Edgar Wallaces Biographie beginnt wie etwas von Charles Dickens. 1875 in London unehelich geboren als Baby einer ledigen Schauspielerin und eines verheirateten Komödianten, dann adoptiert von einem kinderreichen Fischträger und seiner Frau. Edgar schwänzte die Schule, brach sie mit 12 Jahren ab und wurde Zeitungsjunge, Druckergehilfe, Schleppnetzfischer, um mit dem selbstverdienten Geld ins Theater zu gehen. Mit dem Schreiben begann er als Kriegsberichterstatter. Später: mehrere Storys gleichzeitig, ein Roman in 3 Tagen, 175 Bücher, übersetzt in 45 Sprachen. Exzessiver Lebensstil: Pferderennen. Glücksspiel. „Romane voller Einfachheit, Kraft und Tempo“, schrieb die Kritik, „in denen alles passieren konnte“.

Der Frosch mit der Maske war die erste deutschsprachige Verfilmung eines seiner Romane und kam am 4. September 1959 auf die Welt. Mehr als 3,2 Millionen sahen ihn im Kino, er wurde in viele Länder exportiert; 1974 lief er zum ersten Mal im deutschen Fernsehen. 37 weitere Wallace Verfilmungen mit deutscher Beteiligung sollten folgten. Viele eiferten ihm nach.

Nachkriegsangst im crazy London

Froschmänner im Film waren Anfang der Sechzigerjahre – vielleicht auch ausgelöst durch diesen Film – en vogue. Sie tauchten aus der Themse auf oder in Gestalt des Forschers Hans Hass aus einem Weltmeer. Man warnte die Kinder davor, sich selbst nach Froschanzugmanier in Plastik zu verpacken, weil so „die Haut nicht atmen kann“.

Der Frosch legte seine Schwimmhautfinger aber noch auf eine andere Nachkriegsangst: Einer bricht ein. Viele hatten große Angst, dass „was passiert“ und böse Männer nachts ins Haus einbrechen. Männer waren zwar nicht von Natur aus böse, aber durch ihr Rollenverständnis allzu oft bereit, auf inneren oder äußeren Auftrag hin Böses zu tun. Solche Männer sind auch die „Frösche“ in diesem Film. Diese gestapoartige Geheimorganisation hat schon über 100 Mitglieder und treibt seit Jahren ihr Unwesen, ohne dass die Polizei ihr auf die Schliche kommt. Der Oberfrosch gilt als extrem wandlungsfähig. Er könnte praktisch jeder sein.

Das verrückte London mit dem pulsierenden Picadilly Circus und den Neonreklamen! Bobbys tragen die Bügel ihrer Helme unter der Unterlippe, und Eddi Arent sieht mit seiner Melone surreal aus wie etwas von René Magritte. Beweglich und elektrisierend ist auch die Filmmusik, die überallhin mitkommt, jede kleine Bewegung kommentiert und mit reißerischen Trompeten und Saxofonen aufschreit, wenn es spannend wird. Ihr Komponist war Willy Mattes, der Papa der Schauspielerin Eva Mattes.

Bei Edgar Wallace wirken die Verbrechen oft mysteriös. Doch alles hat eine einfache, natürliche Erklärung. Diese im detektivischen wie philosophischen Sinne „aufklärende“ Botschaft präsentiert im Frosch Joachim „Blacky“ Fuchsberger.

Blacky und Eddi: Sexy Judo mit dem Butler

Blacky war der Beckenbauer des deutschen Kinos und TVs, eine stimmungsaufhellende Lichtgestalt. Die Nazizeit hatte er als Kind erlebt und als an die Front geschickter 16-Jähriger. Dank seiner Jugend und freundlichen Natur wurde er aber nicht in sich gekehrt und ernst. Viel mehr stand er für Neuanfang, demokratischen Aufbruch, Fairness und Weltoffenheit. Im „Frosch“ ist er ein junger, reicher Erbe und Amateurdetektiv mit Sportwagen und einem hübschen britischen, eigentlich dänischen Landschloss. Dänemark war Koproduktionsland, weshalb man im „Frosch“ auch manch länglich-markantes Ingmar-Bergmann-Gesicht sieht. Andere Szenen wurden brav im echten London gedreht.

Ich bin mit Blacky nicht ganz glücklich hier, besonderes mit seiner dominanten Anmache Ellas und dem kaltschnäuzigen Umgang mit seinem Butler und ständigen Begleiter James. Den James sollte ursprünglich Harald Juhnke spielen. Aber Eddi Arent in der Rolle ist ein Glücksgriff, mit seiner ungewohnten, noch jugendlichen Weichheit, wenn er sich drollig zusammennimmt, um in jeder Lage den Stil und Benimm auszustrahlen, den man ihm in der Butlerschule beigebracht hat. Manchmal will Blacky, dass er mit ihm Judo trainiert. Das sieht ein bisschen erotisch aus.

Sehr erotisch: Eva Pflug als Bardame der „Lolita-Bar“. Später, in der Kult-TV-Serie Raumpatrouille, sah man sie streng in einen erstickend hautnahen Raumanzug gepfercht. Hier aber in zarter Spitze und mit einem schönen Chanson auf den Lippen. Chice Streifenpullis stehen ihr auch. Die Kostüme entwarf Charlotte Flemming, in den Sixties eine der bedeutendsten und meistbeschäftigten Kostümbildnerinnen des deutschsprachigen Films.

Jeder hat seine eigenen „Who done it?“-Fragen. Ich wüsste beispielsweise gern, ob Hans Billian, der von mir geschätzte Co-Autor des Frosch hinter manch besonders flotter und überraschender Wendung steckt. Wie hinter dem „fiebrig intensiven“ (schreibt Kollege Lukas Foerster), aber faulen Halbstarken Ray (Walter Wilz) und dessen Familie mit ihrer geheimnisvollen Einstellung zur Arbeit… aber genug gespoilert! Wer mehr wissen will, muss die Filme schauen. 

Der Text ist eine überarbeitete Fassung einer Einführung für die Reihe „Filme ohne Rast“ im Berliner Zeughauskino. Der Frosch mit der Maske läuft dort noch einmal am 22.5. (davor der ebenfalls empfehlenswerte Die Fischerin vom Bodensee) und Die unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse am 8.6.. Der Frosch mit der Maske kann man außerdem gerade in der ZDF-Mediathek streamen.

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