Der Unernst der Frauen – Underdox 2026

Das Münchner Underdox ist ein eigenwilliger Monolith unter den Dokumentarfilmfestivals, dem es nicht um Wettbewerb sondern um Echos und Verzweigung geht. Zur Eröffnung feierte Bernardo Zanottas kurioser Insieme, Insieme visuell schwelgerisch das Polymorph-Perverse. Als Highlight des Abends erhob sich Nicolás Peredas Lo demás es ruido fröhlich über feste Institutionen und Rituale.

Es gibt Festivals, die sind einfach nur schön. Manche würden das auch von Bologna behaupten, der Duisburger Filmwoche, dem Kurzfilmfestival Hamburg. En miniature kommen diese drei Festivals in ihrer Eigenwilligkeit in Münchens Underdox zusammen, einem Monolithen unter den Dokumentarfilmfestivals. Es vereint Dokumentarisches mit Experimentellem, bajuwarischen Charme mit besonderen Spielorten. Und präsentiert ein Programm, das gerne Ungewöhnliches oder auch Randständiges zeigt – darunter Produktionen die dem sog. „künstlerischen“ Film zuzuordnen sind, Performatives, Auslesen aus vorangegangenen Festivals. 2006 wurde Underdox von Dunja Bialas (Artechock) und Bernd Brehmer (Werkstattkino) ins Leben gerufen, mit einem programmatischen Manifest: „Wir schicken Filme in keinen Wettbewerb. Uns geht es um die kuratorische Sorgfalt und den inneren Dialog, die die Filme im zusammengestellten Programm entfalten. Fluchtlinien, Verzweigungen, Abzweigungen und Echos wirken auf die einzelnen Filme als Verstärker ihrer Kunstform. […] Uns sind die Filme und ihre Machart wichtig, ihre oft eigenwillige Annäherung an die Wirklichkeit. Unsere Programmierung enthält Vorschläge für ein anderes Kino.“

Fragwürdig über kurios bis zu absolut hinreißend

Das legendäre Werkstattkino ist schon als Raum und Ort ein „anderes“ Kino; Filme lassen sich allein aufgrund der Räumlichkeiten anders sehen – auch das kann ein Grund sein, ein Festival zu besuchen. Die Eröffnung aber fand im wunderbaren Saal des Filmmuseums München statt. Und das sicher das letzte Mal in dieser Form, bevor eine Renovierung ansteht, von der niemand sagen kann, wie lange sie dauern (und was das Ergebnis sein) wird. Der Saal ist voll, das Publikum scheint zu einem großen Teil aus Filmstudent*innen zu bestehen, aber es gibt ebenso ein älteres Stammpublikum, das eine familiäre Stimmung erzeugt. Immerhin ist dies die 21. Ausgabe. Gefördert wird u.a. vom FFF Bayern, und Filmstadt München bietet einen strukturellen Rahmen. Eine Schwerpunktsetzung dieses Jahr ist mit Archivprogrammen, Lectures und Diskussionsveranstaltungen dem Erinnern gewidmet – nicht dem Substantiv als festgeschriebenem Bestand und Zustand, so die Veranstalter, sondern dem Verb, dem prozesshaften Verlauf, der unvorhersehbar und unbestimmbar ist seinen Formen, Materialien, ästhetischen und inhaltlichen Verbindungen. Zur Eröffnung gibt es zwei Kurzfilme und einen Langfilm; eine vielleicht unbeabsichtigte Dramaturgie lässt eine Steigerung entstehen, von, für mich, fragwürdig über kurios bis zu absolut hinreißend.

Desktopmentalität und Lust an kleinen Perversionen

Im Fokus auf junge Kurator*innen – Young People‘s Choice – stellt Stella Kluge, die ein Praktikum im Archivo Aperto in Bologna absolviert hat, zunächst einen thailändischen found footage Film vor. Ukrit Sa-nguanhais wiederverwendet in Trip After (2022) Propagandafilme des historischen US-amerikanischen „Informationsdienstes“ (USIS) aus den 1960er Jahren, die in der Provinz Isan in Thailand gedreht wurden. Das Material wird mit Gegenwartsaufnahmen aus derselben Region kombiniert und auf verschiedene Wände und Materialien projiziert. Found Footage ist nicht umsonst eines der fruchtbarsten Genres im sog. Experimentalfilm, und eine Aufarbeitung von Archiven stellt schon seit langem einen wachsenden Bereich der Auseinandersetzung und Gestaltung in der Film(erinnerungs)kultur dar. Mit dem Programm des Archivo Aperto, greift das Münchener Festival einen Randbereich des Kinos auf, der, wie das große Archivfestival Il Cinema Ritrovato, in Bologna angesiedelt ist und als kleines Festival von der Fondazione Home Movies – Archivio Nazionale del Film di Famiglia – ausgerichtet wird. Es widmet sich den kleinen Formaten, dem Super 8 Familienfilm, den sogenannten Amateuren und Experimentalfilmer*innen, was durchaus neben unbekannten auch sehr berühmte Vertreter*innen einschließt. Trip After allerdings bot in der Beliebigkeit seiner Bilder und Leichtfertigkeit des Umgangs mit historischem Material eine Art Desktopmentalität an, die dem Erinnern keinen Gefallen tut.

Der darauffolgende Kurzfilm von Bernardo Zanotta bot einen kleinen Vorgeschmack auf die Retrospektive, die das Festival mit den Filmen des brasilianischen queeren Filmemachers als „artist in focus“ ausrichtet. Insieme Insieme (2022), eine Art Dreiecksgeschichte, während der Pandemie bei einem Italienurlaub entstanden, schwelgt in schrägen Einstellungen, knalligen Farben und einem skurrilen Handlungsverlauf, der Lust an kleinen Perversionen und großen Absurditäten zeigt. Der Abspann nimmt Bezug auf Laclos Les Liaisons Dangereuses und Plato. Hoch gegriffen. Jenseits dieser Ambitionen werden filmische Anleihen bei Douglas Sirk und Werner Schroeter deutlich, vielleicht erinnert das Knallige auch an Almodovar. Ganz klar geht es dem Filmemacher um einen stark stilisierten, visuell-schwelgerischen Ausdruck, der das polymorph Perverse feiert.

Alle Anwesenden bitte die Augen schließen, auch das Fernsehteam

Das absolute Highlight des Abends war der sich anschließende Langfilm des Mexikaners Nicolás Pereda Lo demás es ruido (2026). Seine Filme wurden schon in vielen Retrospektiven (z. B. im Museo Reina Sofía in Madrid, im Musée National d'Art Moderne in Paris, im Guggenheim und MoMA in New York) sowie auf vielen Filmfestivals (u.a. Cannes, Berlin, Venedig) gezeigt – für mich aber war es eine neue, hinreißende Begegnung. Eine Cellospielerin soll von einem kleinen Fernsehteam, bestehend aus Kamera- und Tonmann, interviewt werden und findet ihre Wohnung nicht passend dafür. So bittet sie eine befreundete Musikerin, das Ganze bei ihr stattfinden zu lassen. Der zum Teil in Anschlag gebrachte Begriff „Kammerspiel“ lässt nicht die ungemeine Lakonie des Films vermuten in seiner hintergründig witzigen Alltagsbeobachtung von Vorgängen und Situationen, in denen scheinbar nichts passiert. Die erste, sehr lange Einstellung bereitet den kommenden distanziert-ironischen Beobachtungsgestus vor: Von oben ist der Blick auf eine Verkehrskreuzung gerichtet, in der sich Autos verkeilen, nicht vorwärtskommen, unsinnige Manöver veranstalten (entfernte Anklänge an Tati), aber irgendwann, irgendwie gelangen alle in die richtige Bahn. Der Rest des Films spielt sich in einer Wohnung mit vielen Grünpflanzen und eher unübersichtlichen Sitzgelegenheiten und Möbelarrangements ab, in der die Cellospielerin und Komponistin ihr Interview geben soll und das Team erwartet wird. Vor dessen Ankunft allerdings entstehen Auseinandersetzungen mit Nachbarn – das Instrument sei zu laut, der Hund belle zu oft – und dann erscheint plötzlich die Tochter der befreundeten Musikerin im Pyjama. Später wird sie ein selbst komponiertes Stück vortragen und alle Anwesenden darum bitten, die Augen zu schließen, auch das Fernsehteam.

Leichtfüßige Demontage etablierter Formate

Im Verlaufe des Films findet unter der Hand eine leichtfüßige Demontage statt, die nicht nur etablierte Formate wie Künstlerportrait und Fernsehinterview, sondern subtil auch Geschlechterverhältnisse betrifft – in einer so verhaltenen Weise, dass es zunächst kaum auffällt, bis es im Schlussbild eine lässige Zuspitzung findet. Im Lauf der sogenannten Handlung zerfällt alles, was klassische Dramaturgie oder Narration sein könnte – auch das aber gänzlich undramatisch, völlig nebensächlich. Ausgehebelt wird die Inszenierung vom Unernst der Frauen, ihrer Gelassenheit, die auch Gleichgültigkeit gegenüber den Tonaufnahmen, den Bildausschnitten und der scheinbaren Ehre und Bedeutung eines Fernsehinterviews sein könnte. Gegen Ende des Films tritt noch der Vater und Exgatte von Mutter und Tochter zu einem gemeinsamen Abendessen auf, ein selbstgefälliger Patriarch, auch Musiker und Komponist, der eigentliche Wichtige, der Maestro. Als sein Verhalten, seine Aussprüche, seine Gesten, seine Selbstinszenierung genau die Formen annimmt, die die Frauen vorhergesehen und – gesagt hatten, bricht bei ihnen hemmungsloses Gelächter aus. Wie dieses den Film beendende Lachen der Frauen patriarchale Strategien und Verhältnisse unwirksam werden lässt, erinnert in der Freude an Respektlosigkeit an Marleen Gorris feministischen Klassiker Die Stille um Christine M (1982), in dem drei Frauen von einem Boutiquebesitzer bei einem Diebstahl ertappt und fälschlich eines Mordes bezichtigt werden – und vor Gericht mal schweigen, mal in Gelächter ausbrechen. So bildete dieses fröhliche sich über feste Institutionen und Rituale erhebende Lachen einen schönen Ausklang für den Eröffnungsabend, der heiter zum Empfang entließ. Spannende Tage folgten.

Das Underdox Festival läuft noch bis 14. Oktober. 

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