No Good Men – Kritik

Berlinale 2026 - Eröffnungsfilm: Scheinbar eine klassische RomCom, wird No Good Men von der brutalen Wirklichkeit im Afghanistan nach Rückkehr der Taliban eingeholt. Die Verbindung von Realität und Fiktion verleiht dem Film eine Kraft, die über seine konventionelle Form hinausgeht.

Die Freundin, die aus den USA zurückgekehrt ist, hat ein Geschenk mitgebracht: einen vibrierenden, zuckenden, verdammt nach dem real thing aussehenden Dildo. Eine Kollegin mit eng anliegendem Kopftuch wagt nicht, das Ding zu berühren. Naru dagegen, die von der Regisseurin und Drehbuchautorin Shahrbanoo Sadat gespielte Kamerafrau, ist belustigt, wenn nicht gar begeistert. Besser als der eigene Mann, der sie betrogen hat und von dem sie getrennt lebt, ist das Teil allemal. Wobei für Kabul und Afghanistan auch im Jahr 2021 sowieso gilt: Nach guten Männern kann man sehr lange suchen. Bei einer Straßenumfrage, die Naru für ihren TV-Sender durchführt, erzählen alle Frauen von Männern, die sie beleidigen oder schlagen. Keine hat jemals ein „Ich liebe dich“ gehört, wie Liebesheiraten ohnehin eine Seltenheit sind.

Minimale Chancen

Die Handlung setzt im Jahr vor dem Abzug der Amerikaner aus Afghanistan ein. Noch hängt das Porträt des Präsidenten der islamischen Republik Ashraf Ghani an der Wand. Noch können sich Frauen sogar ohne Kopftuch durch die Straßen bewegen. Noch ist es ihnen möglich, wie Naru einen Job als Kamerafrau bei Kabul News auszuüben. Andererseits gehört es sich für sie, sich im Restaurant in die dunkle Ecke zu setzen, ist es alles andere als normal, dass sie sich als Kamerafrau nicht auf die für sie vorgesehenen Sendungen für Frauen beschränken. Und es ist ebenfalls klar, dass ihre Chancen bei einem Sorgerechtsstreit um ein Kind minimal sind.

Für Naru ein großes Problem. Liam, der Sohn, um den sie sich kümmert, weil sich der Vater um seine Affären kümmert und sonst erst mal um nichts, ist drei Jahre alt. Und Naru wagt nicht, die Scheidung einzureichen, um den geliebten Liam nicht zu verlieren. Das ist der Stand der Dinge, als sie eine Chance bekommt. Nein, das ist falsch. Sie bekommt sie nicht, sie ergreift sie. Weil ein männlicher Kollege ausfällt, nimmt sie der Star des Senders, Qodrat (Anwar Hashimi), zu einem Interview mit einem Taliban mit. Der ist unwillig, spricht obstinat nur Paschtu mit Qodrat und bricht das Gespräch erzürnt ab, weil Narus Kopftuch nicht ordentlich sitzt. Nichts als ein Vorwand, das weiß auch Qodrat, dessen weiteres Verhalten Narus Männer-Skepsis hart auf die Probe stellen wird.

Eine RomCom, der die Realität brutal reingrätscht

Sadat hat No Good Men noch in Afghanistan konzipiert. Sie ist in Teheran als Tochter afghanischer Flüchtlinge geboren, hat dann seit sie elf war in einem Dorf bei Kabul gelebt und sich mit enormer Willensstärke Möglichkeiten zur Ausbildung als Regisseurin gesucht. Ihr zweiter Langfilm Wolf and Sheep lief in Cannes in der Quinzaine, nun wollte sie eine Komödie drehen. Von der RomCom, die es werden sollte, ist nicht zuletzt der Dildo geblieben. Und es ist schon auch so, dass No Good Men von der Annäherung zwischen Naru und Qodrat erzählt. Lange Blicke, Beinahe-Küsse, Autofahrten, die der seinerseits verheiratete Kollege und Vater mehrerer Kinder als zur Affäre mit Naru bereite Gentleman unternimmt. Kein Wunder, dass die dem Braten nicht traut, die weiteren, teils heiteren, teils bedrohliche Entwicklungen scheinen vorprogrammiert.

Dann aber kamen der afghanischen RomCom die sich überstürzenden politischen Ereignisse auf denkbar brutale Weise dazwischen. Die Amerikaner ziehen aus Afghanistan ab, die Taliban stürmen erst die Provinzen und dann die Hauptstadt, Shahrbanoo Sadat flieht, und zwar nach Deutschland, wo sie den geplanten Film nun dreht, aber umkonzipiert. Sowjet- und Plattenbauten in Berlins Osten müssen nun staatliche Gebäude und Wohnhäuser in Kabul mehr oder weniger überzeugend vertreten. Dokumentarische Aufnahmen aus der realen Stadt sind gekonnt dazwischen geschnitten. Aus der Liebesgeschichte wird, weil es die Geschichte erzwingt, doch ein politisches Drama.

Im besten Sinn programmatisch

Über dem blütenbunten Vorspann noch bollywoodeske Musik – der Film ist über lange Zeit das bittere, aber feministisch-kämpferische Porträt einer durch und durch patriarchalischen Gesellschaft. Und dann bricht mit großer Gewalt die noch einmal ganz andere Realität der Unterdrückung und des Frauenhasses herein, in der Afghanistan seit dem Sieg der Taliban lebt. Für die Berlinale ist das als Eröffnungsfilm im besten Sinn programmatisch: Sie stellt sich selbst einen Film voran, der den Einbruch des Realen in eine vergleichsweise schöne Fiktion vorführt. Keine Filmkunst, ästhetisch ist das von Anfang bis Ende so gekonnt gemacht wie konventionell. Aber das Festival hat seine Prioritäten klar. Es sind in Zeiten wie diesen sicher nicht die verkehrten.

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