Maysoon – Kritik
In rasantem Tempo erzählt Regisseurin Nancy Biniadaki, wie das vermeintlich geordnete Leben einer in Berlin lebenden Ägypterin plötzlich zusammenbricht. Maysoon ist eine eindrückliche Figurenstudie, die zwischen erfrischender Eigenwilligkeit und erzählerischer Holprigkeit schwankt.

Es beginnt als Idylle. Die aus Ägypten stammende, aber in Deutschland lebende Maysoon (Sabrina Amali) verbringt einen Tag am See mit ihren zwei Kindern und ihrem Ehemann Tobi (Florian Stetter). Bilder einer vertrauten Beziehung wechseln sich mit Momenten sommerlicher Glückseligkeit ab: Kinderlachen bei leichtem Wellengang und ein ruhiges Gespräch zwischen souveränen Eltern. Der Abend verläuft ebenso in gewohnten Bahnen, die Kinder werden zu Bett gebracht und die Eltern lassen sich wohlig-erschöpft auf ihr Sofa fallen. Doch was als Erholung beginnt, wird unvermittelt zu einer Lebenskrise: Auf Maysoons Nachfragen bezüglich Tobis unruhigem Auftreten, gesteht er ihr, dass er eine Affäre mit seiner Chefin hatte. Maysoon ist verletzt und erschüttert, sie schmeißt Felix aus der gemeinsamen Wohnung, bricht jeglichen Kontakt mit ihm ab und versucht dann, mühevoll nachzuvollziehen, warum ihre Beziehung gescheitert ist und ihr einst so geordnetes Leben nun im Chaos versinkt.
Zerspringen in Zeitlupe

Beim Schauen von Maysoon, dem zweiten Kinospielfilm der griechischen Regisseurin und Drehbuchautorin Nancy Biniadaki, drängt sich das Bild einer in Zeitlupe ablaufenden Explosion auf. Maysoons Wut und innere Unruhe schwappt auf ihr Verhalten gegenüber ihren Kindern über. Sie wird forsch und droht dadurch, das Vertrauen ihres Sohnes und ihrer Tochter zu verlieren. Als ausgebildete Ägyptologin ist Maysoon in ihrer Arbeit als Museumsführerin schon lange unterfordert, gähnend schreitet sie durch die Hallen der ägyptischen Ausstellung. Die emotionale Verbundenheit, die sie einst zu den Artefakten ihres Landes spürte, verkümmert mehr und mehr, je deutlicher ihr bewusst wird, wie sehr sie hier ihr wissenschaftliches Talent vergeudet. Die Menschengruppen, die sie durch das Museum führt, begegnen Maysoons Ausführungen entweder mit selbstgefälliger Ignoranz oder ignorieren sie ganz und stellen Maysoon stattdessen unangenehme Fragen, wie „Sind Sie ein Flüchtling?“.
Maysoons Lebenskrise entfaltet sich in immer dichteren Szenen, der ruhelose Schnitt und die Handkamera-Ästhetik erzeugen eine permanente Spannung, die den einzelnen Momenten immer weniger Raum zum Atmen bietet. Die Zerreißprobe, vor der Maysoon auf privater Ebene steht, wird noch dadurch verkompliziert, dass ihr Aufenthaltstitel auszulaufen droht. Zwar meldet sie sich seit Monaten beim zuständigen Amt, doch dabei stößt sie nur auf fadenscheinige Gründe, warum ihr Anliegen weiterhin verschoben werden muss. Diese undurchsichtige Verfügung über ihr Leben durch einen bürokratischen Apparat erinnert Maysoon an ihre Zeit in Ägypten, als sie während des Arabischen Frühlings als Aktivistin gegen ebensolche staatliche Willkür protestierte – eine Vergangenheit, die das Drehbuch nur in Andeutungen aufblitzen lässt, möchte Maysoon doch schon lange nichts mehr mit Politik zu tun haben.
Der Film erhält seine nach vorne drängende Energie auch dadurch, dass er die charakterliche Eigenwilligkeit seiner Hauptfigur in keiner Sekunde mundgerecht erklärt oder gar abmildert. Maysoon verzichtet wiederholt auf die Hilfe anderer, wimmelt Freund:innen ab, die anbieten, auf ihre Kinder aufzupassen oder die ihr raten, das Gespräch mit Tobi zu suchen, den sie seit seinem Geständnis gänzlich meidet. Ihr Beharren auf Eigenständigkeit mag zunächst als positiver Ausdruck von Stärke und Unabhängigkeit erscheinen, verkommt aber irgendwann zu einem selbstzerstörerischen, starrsinnigen Drang nach Isolation.
Dramaturgische Knoten

So emotional vielschichtig Maysoon als Figur auch ist, was auch dem herausragenden Schauspiel von Sabrina Amali geschuldet ist, so verwirrend fühlen sich ihre Handlungen manchmal an. Die Skizzenhaftigkeit, mit der Maysoon die Beziehungen zwischen seinen Figuren zeichnet, schmälert irgendwann seine emotionale Wucht, weil der zu Anfang noch konkrete Anlass von Maysoons Problemen immer mehr aus dem Blick gerät und ins Ungenaue abdriftet. So setzt der Film etwa das klärende Gespräch zwischen Maysoon und Tobi zwecks größtmöglicher Spannung ins letzte Drittel, was zur Folge hat, dass die Beziehung der beiden kaum an Kontur gewinnt und Maysoons Rückzug vor Tobi wie eine künstliche, dramaturgische Setzung wirkt und nicht wie das nachvollziehbare Verhalten einer psychologisch komplexen Figur.
Dennoch nutzt Maysoon genau diese Vagheit an anderer Stelle effektiv, um die Vergangenheit seiner Protagonistin als Geistergeschichte zu erzählen. Als Maysoon bereits in Deutschland lebte, verhaftete die ägyptische Polizei ihren Bruder, der schließlich im Gefängnis getötet wurde. Dieser Bruder ist eine hintergründige Präsenz, die in unterschiedlichen Formen durch den Film schreitet: Im Streit mit Tobi wirft Maysoon ihm vor, nicht zu verstehen, was sie für ihr Leben in Deutschland geopfert habe. In anderen Szenen erwähnen Maysoons Freund:innen seine Beerdigung, worauf sie stets ihren Kopf wegdreht und die Augen schließt. In einigen Einstellungen meint man sogar, eine Gestalt im Hintergrund des Bildes zu sehen, die Maysoons Bruder stark ähnelt. Durch die Häufung dieser gespenstischen Momente werden die Ehe-Krise, die Ermüdung, die Maysoon in ihrer Arbeit verspürt, und die Angst um ihren Aufenthaltstitel stets rückgebunden an Maysoons traumatische Vergangenheit, an die Verdrängung eines immer noch brennenden Verlusts. Doch die Verdrängung verstärkt bekanntlich die Macht des Verdrängten und irgendwann droht Maysoon unter der Last der Erinnerung endgültig zusammenzubrechen. Die friedlichen Momente am See wirken dann nur noch wie eine ferne Erscheinung.
Neue Kritiken
Exit 8
Paris Murder Mystery
Das Glück der Tüchtigen
When the Waves Are Gone
Trailer zu „Maysoon“

Trailer ansehen (1)
Bilder




zur Galerie (4 Bilder)
Neue Trailer
Kommentare
Es gibt bisher noch keine Kommentare.










