Viennale-Notizen 2

Filme aus dem Tschad, den USA und den Philippinen handeln von mehr oder weniger dramatischen Familienbeziehungen und verhalten sich sehr unterschiedlich zu übergeordneten filmischen Bewegungen.

Un Homme Qui Crie

Un homme qui crie beginnt mit einem innigen Vater-Sohn-Verhältnis, das durch ökonomische Zwänge schließlich zur Rivalität wird. Beide arbeiten als Poolboys in einem Hotel; dem Vater, einen ehemaligen Leistungsschwimmer, der von allen nur „Champ“ genannt wird, bedeutet dieser Job aber sehr viel mehr als seinem Sprössling. Dann müssen Stellen gestrichen werden, und der Sohn darf den Pool hüten, während der Vater an die Eingangsschranke versetzt wird. Der im Land herrschende Bürgerkrieg gibt ihm schließlich die Möglichkeit, seinen Sohn als Soldaten in den Krieg zu schicken, um seine alte Stellung wiederzubekommen.

Der tschadische Regisseur Mahamat-Saleh Haroun (Darrat) versucht in seinem neuesten Film eine persönliche Geschichte mit der politischen Lage des Landes zu verknüpfen und bekommt dabei doch nichts Zufriedenstellendes zustande. Un homme qui crie ist grundsätzlich kein schlechter Beitrag, er verweigert sich etwa fast konsequent einem sentimentalen World Cinema. Der von französischen und belgischen Geldern finanzierte Film sieht aber dann auch so aus wie eine austauschbare europäische Arthouse-Produktion. Gegen eine einfache Geschichte oder Inszenierung ist nichts zu sagen, ganz im Gegenteil. Wie sich Haroun aber einer etablierten filmischen Sprache annimmt, ist weitgehend vorhersehbar und banal. Die Bilder und ihre Auflösungen bleiben stets brav, ohne formales Wagnis.

Engkwentro

Auch die Ästhetik des philippinischen Beitrags Engkwentro wirkt auf den ersten Blick vertraut, und zwar vor allem aus den mittlerweile auch in den deutschen Kinos angekommenen Filmen von Brillante Mendoza. Eine wackelige Handkamera kämpft sich durch die engen Gassen eines Slums und heftet sich an die ständig in Bewegung befindlichen Figuren. Doch eigentlich, das lässt sich schnell feststellen, geht Pepe Dioknos Regiedebüt in eine ganz andere Richtung. Hier verliert sich die Kamera nicht im lärmenden Gewusel Manilas, ebensowenig wie der Regisseur gezielt die dokumentarische Wirkung seiner Ästhetik einsetzt. Engkwentro ist unübersehbar ein durch und durch fiktionales Werk, obwohl er sich auf reale Missstände bezieht. Gleich im Vorspann hören wir die Rede eines Politikers, der den Kriminellen den Kampf ansagt. Es ist ein offenes Geheimnis auf den Philippinen, dass Killertruppen der Regierung ihre eigene Art der Verbrechensbekämpfung praktizieren und teilweise sogar Kleinkriminelle exekutieren. Immer wieder dringt diese Rede aus dem Off und begleitet ein archaisches Familiendrama.  Ein junger Mann, der von einer dieser Killertruppen gejagt wird, plant mit seiner Freundin durchzubrennen und gerät mit seinem kleinen Bruder aneinander, der sich einer gegnerischen Gang angeschlossen hat. Anders als bei Mendoza entwickelt sich die Geschichte bei Diokno nicht organisch aus Beobachtungen, sondern bleibt teilweise zu sehr als Drehbuchkonstrukt erkennbar. In der Welt des fiktiven Slums – es handelt sich hier um keinen realen Slum, sondern eine Kulisse – „spielen“ die Figuren ganz offensichtlich, oft auch noch mit einem arg melodramatischen Gestus. Gerade im Gegensatz zu Mendoza, der sich immer etwas zu lange in Nebensächlichkeiten verliert, handelt es sich bei Engkwentro aber eben auch um einen sehr dicht inszenierten Film, nicht zuletzt wegen seiner kompakten Länge von einer Stunde.

Cold Weather

Ohne politische Untertöne und weitaus weniger dramatisch widmet sich dagegen Aaron Katz in seinem Film Cold Weather Familienbeziehungen. Katz zählt zu den Hauptvertretern der Mumblecore-Bewegung, jenes geschwätzigen Independentkinos, das sich den Beziehungen unter Mittelschicht-Twens widmet. Das Charmante an Cold Weather ist, dass er Klischees des Genres gleichzeitig bedient und sich ihnen entzieht. Es geht darin um den Akademiker Doug, der mit seiner Schwester zusammenlebt und nach langer Arbeitslosigkeit einen Job in einer Eisfabrik annimmt. Schon den Blick auf die Figuren und ihre gesellschaftliche Einordnung vollzieht der Film in alltäglichen Situationen ungewohnt präzise und ernsthaft. Doch auch die Dialoge und Bilder – nicht das übliche Gewackel und unmotivierte Gezoome – wirken sorgfältig ausgewählt. Die Figuren stehen nicht penetrant als übergroße Egos im Vordergrund, sondern sind in die morbid winterliche Landschaft Portlands eingebettet. Und als Dougs Ex-Freundin plötzlich verschwindet, liebäugelt der Film mit einem Thriller, jedoch ohne die Figuren aus ihrem sozialen Alltag zu entwurzeln. Doug versucht sich schließlich mit seiner Schwester und seinem Arbeitskollegen als Nachwuchsermittler. Zwischen genretypischen Verfolgungsjagden und Observationen nimmt  sich Cold Weather dann auch immer wieder Zeit für typische Mumblecore-Momente: So müssen die Privatermittlungen kurz ruhen, damit sich Doug eine Pfeife kaufen kann, wie sie sein Vorbild Sherlock Holmes besitzt. Katz ist hier wirklich ein sehr schönes filmisches Hybrid gelungen, das auf unaufdringliche Weise spannend und witzig ist.

Kommentare zu „Viennale-Notizen 2“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.