Szenenapplaus für die Liebe – Filmfestival Marrakesch (1)

Ein Royal Dinner mit dem Prinzen: Als europäischer Besucher auf dem Festival von Marrakesch fühlt man sich mitunter, als sei die Kolonialzeit nie zu Ende gegangen. In den Kinos herrscht dagegen oft ausgelassene Partystimmung.

Das fängt ja gut an! Gleich bei meiner Ankunft in Marrakesch werden mir von der Pressebetreuerin zwei Einladungen für den Abend in die Hand gedrückt – einmal für die abendliche Gala-Premiere und einmal für das anschließende „Royal Dinner“ mit Prinz Moulay Rachid. Mich überfordert das erstmal, aber der Blick der Dame sagt mir: „Sowas schlägt man nicht aus!“ Und außerdem ist das Essen bestimmt gut, wenn der Prinz einlädt. Man muss dazu erwähnen, dass das Filmfestival Marrakesch von Rachids Bruder, König Mohammed dem VI., gegründet wurde. Der Monarch bildet eine Art Gegenpol zu den fundamentalistischen Kräften im Land – und ist angeblich ein Liebhaber des Kinos. Ein Blick ins Programm verrät, dass es ihm jedoch auch darum ging, ein Festival mit internationalem Renommee zu haben.

Auf dem Line-Up befinden sich eher Werke jüngerer oder noch nicht ganz so bekannter Filmemacher, die schon auf den A-Festivals dieser Welt liefen. Man trifft also vor allem auf typisches Festivalkino, was Arthouse-Crowdpleaser ebenso umfasst wie politischen Sozialrealismus und spielerische Formexperimente. Der Fixpunkt bleibt dabei aber doch meist das klassische Erzählkino. Arabische Filme gibt es nur vereinzelt, man ist mehr darum bemüht, das Weltkino möglichst umfassend abzubilden. Und während das Programm gerade nicht auf die großen Namen setzt, lässt man sich bei den Jurymitgliedern und Ehrengästen nicht lumpen. Paul Verhoeven ist dieses Jahr etwa da, Lisandro Alonso, Shinya Tsukamoto, Bruno Dumont, Isabelle Huppert, und noch viele mehr.

Ceasefire

Großer Exodus aus dem Kino

Von denen geht allerdings niemand über den roten Teppich, als ich fast alleine mit meinem verknitterten Smoking im großen Saal des Palais des Congrés sitze. Anscheinend war ich der Einzige, der nicht wusste, dass den Premieren am Abend ein langes Prozedere vorausgeht. Bevor es dann mit dem Hauptprogramm losgeht – Emmanuel Courcols außer Konkurrenz laufendem Kriegsdrama Ceasefire – gibt es erstmal noch eine Stunde lang Action auf dem roten Teppich und eine kurze Hommage an Abbas Kiarostami, die sich in puncto Bühnentechnik vor den Oscars nicht zu verstecken braucht. Und dann, als endlich der Hauptfilm beginnt, bricht der große Exodus aus und der Saal leert sich, um mehr als die Hälfte. Die Ansagerin versucht noch, an den Anstand der Meute zu appellieren, weil auch das Filmteam anwesend sei, aber es hat alles keinen Zweck mehr. Man hätte diese Massenflucht zumindest verstehen können, wenn die Leute schon gewusst hätten, was auf sie zukommt. Ceasefire erweist sich nämlich als unheimlich behäbig und altbacken inszenierte Geschichte über die Traumata des Ersten Weltkrieges. Genau wegen solchen Filmen hat das Genre „Historienfilm“ einen so schlechten Ruf.

Später beim Essen erzählt mir mein Tischnachbar, dass er dieselben Fluchterscheinungen schon am Vortag erlebt hat und meinte, das wären die Leute, die sich nur auf dem roten Teppich präsentierten, sich aber nicht für die Filme interessierten. Das Dinner selbst ist auf eine seltsame Art und Weise interessant. Der Prinz sitzt umringt von Security bei der Jury. Die internationalen Gäste essen von goldenen Tellern. Und die mit einem Fes bekleideten Kellner schenken Mineralwasser aus Plastikflaschen nach. Man fühlt sich ein bisschen so, als wäre die Kolonialzeit nie zu Ende gegangen.

Das Kino als Zufluchtsort

Im Prinzip ist jedes große Filmfestival eine Parallelwelt – sei es die Berlinale, bei der das Publikum überwiegend ein bürgerliches und gebildetes ist, oder Cannes, das bei aller Liebe eigentlich nicht mehr als ein aufgeblasenes Branchentreffen ist, bei dem das „normale“ Publikum so gut wie keinen Zugang hat. Dass mich der triste Glamour von Marrakesch ein bisschen mehr stört, liegt wahrscheinlich nur daran, dass ich hier niemanden kenne, mit dem ich drüber lästern kann. Nach dem ersten Abend habe ich zumindest meine Lektion gelernt und gehe anschließend nur noch zu den Wiederholungen ins Le Colisée, das sich im modernen Vergnügungsviertel Guéliz befindet und noch den Charme alter Filmpaläste versprüht. Man merkt hier sofort, dass das Publikum deutlich bodenständiger und einheimischer ist; und vor allem auch, wie extrem jung die marokkanische Bevölkerung ist (das statistische Durchschnittsalter liegt bei 27 Jahren). Neben den Filmen gibt es gleich noch ein ethnografisches Sonderprogramm mit dazu. Immer wieder schweift mein Blick von der Leinwand zu diversen Teenager-Pärchen – Jungs mit akkuraten Kurzhaarschnitten und Mädchen, mal mit, mal ohne Kopftuch –, die sich ganz an den Rand des Saals setzen, sich aneinander kuscheln und miteinander tuscheln. Vermutlich ist das Kino für sie ein seltener Zufluchtsort.

Souvenir 2

Bei anderen Vorführungen kommen weniger romantische Gefühle auf. Da verwandelt sich der sentimentale Blick schnell mal in ein Augenrollen. Oben auf dem Rang sitzen immer mehrere Gruppen von Jungs, die während den Vorführungen die Handlung kommentieren, Geräusche nachäffen oder reingrölen. Von den Ermahnungen älter Besucher fühlen sie sich nur weiter angestachelt. Ein richtiges System – bei welchem Film es still ist und wann Partystimmung herrscht – habe ich dabei noch nicht erkannt. Besonders ausgelassen wird es aber auf jeden Fall, wenn Sex auf der Leinwand zu sehen... ach, eigentlich reicht auch schon ein Kuss. Besonders betroffen davon ist Bavo Defurnes Vintage-Puppenstuben-Film Souvenir, wobei man gar nicht sagen kann, ob der Lärm gegen den Film gerichtet oder tatsächlich ein Ausdruck von Unterhaltung ist. Isabelle Huppert spielt darin eine ehemalige Grand-Prix-Teilnehmerin, die sich in einen jungen Boxer verliebt und sich, beflügelt von der Liebe, an einem Comeback versucht. Die beiden müssen sich auf der Leinwand nur einen sinnlichen Blick zuwerfen und bekommen dafür Szenenapplaus.

Allein mit den Radau-Brüdern

Wenn man im Le Colisée sitzt, wirkt das Marrakesch Film Festival wie ein Fenster zur Welt. Zum einen, weil es Zuschauer mit einer Art von Kino in Berührung bringt, die sie offenbar nicht kennen. Einige aus dem Publikum sind typische Mittelschichts-Jugendliche, die aussehen wie überall. Aber es gibt auch jüngere und proletarischere Radau-Brüder, die auf die Filme oft mit Irritation oder Desinteresse reagieren, manchmal aber auch inspiriert wirken. Zum anderen gibt es hier die Möglichkeit, Dinge auf der Leinwand zu sehen, die im eigenen Land nicht möglich sind. Das ist natürlich überall so, aber mir scheint es doch etwas Besonderes zu sein, dass man hier – in einem im Vergleich zur westlichen Welt kulturell äußerst konservativen Land, in dem einen einvernehmliche homosexuelle Handlungen ins Gefängnis bringen können – einen sehr freizügigen Film ebenso sehen kann wie ein Coming-Out-Drama. Auf Dauer würde ich diesen Geräuschpegel zwar nicht aushalten. Aber zu sehen, wie das Kino auch noch ein sozialer Ort sein kann, an dem die Filme nicht die Hauptsache sind –  aber doch nicht gänzlich unwichtig – und an dem man noch mit Dingen konfrontiert wird, die einen herausfordern, das ist schon etwas Schönes.

Hier geht es zum zweiten Teil unserer Berichterstattung aus Marrakesch

Kommentare zu „Szenenapplaus für die Liebe – Filmfestival Marrakesch (1)“


Marion F.+Hellmann+Theurer

War auch jeden Tag im Le Colisée und mir kam es auch so vor, dass das Le Colisée als Zufluchtsort für junge Pärchen und als sozialer Ort gesehen wird, wo man schon mal im Dunklen die Sau rauslassen kann. Schade, das wir uns nicht getroffen haben, hätte gerne über einige Filme mitgelästert.






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