Westliche Filmästhetik, arabische Geschichten: Filmfestival Marrakesch (2)

Das junge arabische Kino auf dem Filmfestival Marrakesch ist nur selten wirklich aus heimischer Produktion. Doch wie wichtig ist es, hier nach der Herkunft zu fragen?

Auf Filmfestivals geht es meist nur darum, was zu sehen und zu hören ist. In Marrakesch gibt es dagegen auch eine Menge zu riechen. Es ist zunächst einmal ungewohnt, wie direkt hier in verschiedenen Lebensbereichen der Geruchssinn angesprochen wird – ob auf den Märkten der Stadt, auf den Toiletten von besseren Restaurants oder in Hotels wie dem fürstlichen La Mamounia, dessen exklusiv kreierter Duft dezent, aber berauschend die schummrigen Gänge erfüllt. Auch im Kinosaal wehen immer wieder Düfte an einem vorüber – von den Besuchern, aber auch von den teilweise schwer gestylten Security-Männern: ein bisschen Bergamotte, ein bisschen Rose, ein bisschen von dem auf Räucherholz basierenden Oud, das in Marokko eine lange Tradition hat und von den großen Parfümmarken dieser Welt erst vor Kurzem entdeckt wurde. Interessant ist aber auch, dass viele französische Besucher eine der orientalischen Variationen aus dem Hause Hermés tragen und damit gewisse Düfte wieder in die Heimat bringen. Es ist zwar nicht das, was sich John Waters mit seinem Odorama vorgestellt hat, aber der Kinobesuch ist hier zweifellos ein Geruchserlebnis. Er verleiht den Filmen eine eigene Note, die sie sonst nicht unbedingt hätten.

Manierismen des Festivalkinos

The Blind  Christ

Tatsächlich wurde vieles, was in Marrakesch im Wettbewerb läuft, schon auf anderen Festivals gezeigt. Mister Universo von Tizza Covi und Rainer Frimmel etwa, der im Sommer in Locarno lief, Asli Özges deutschsprachiges Debüt Auf einmal, der im Panorama der Berlinale zu sehen war, Christopher Murrays The Blind Christ, der Teil des Wettbewerbs von Venedig war, oder The Fits von Anna Rose Holmer, der seine Premiere in Sundance feierte. Unabhängig davon, wie freiwillig der Verzicht auf Uraufführungen ist, ist es mir grundsätzlich sympathisch, wenn sich ein Festival von einem bockigen Exklusivitätsanspruch befreit. Dann geht es plötzlich nicht mehr darum, etwas zu zeigen, was noch nirgendwo anders gelaufen ist, sondern darum, was gut ist – zumindest theoretisch. Denn auch wenn es sich der künstlerische Leiter Bruno Barde zur Aufgabe gemacht hat, unbekanntere Regisseure ins Rampenlicht zu stellen, könnte die Auswahl spannender sein. Es gibt zwar wenig Totalausfälle, aber auch wenig Herausragendes und dafür umso mehr aus dem Mittelfeld.

So sehen hier viele Filme so aus, wie die meisten Filme auf Festivals eben aussehen; schön, aber wenig aufregend fotografiert, sich einem sozialkritischen Thema oder moralischen Fragen widmend, mit einer Geschichte, die nicht so durchstrukturiert erzählt ist wie im Arthouse- oder Hollywood-Mainstream, aber auch keine großen Wagnisse eingeht. Man kann diesen Filmen letztlich wenig vorwerfen – außer dass sie ein bisschen öde sind. The Blind Christ veranschaulicht das sehr gut. Er handelt von einem jungen Mann, der im verarmten Norden Chiles wohnt und sich für einen Heiligen hält. Neben der Suche des Jungen nach einem alten Freund erzählt der Film auch immer wieder von den Widrigkeiten des dortigen Lebens, der Perspektivlosigkeit der Menschen, den prügelnden Ehemännern und den kranken Müttern, um die sich niemand kümmert. Und während die kontroversen Reaktionen auf den Protagonisten immer wieder gezeigt werden, wird lange nicht verraten, ob er nun wirklich Wunder vollbringen kann. Aber The Blind Christ zeigt uns, dass das eigentlich egal ist, weil der Glaube unter den prekären Umständen, in denen seine Figuren leben, auch dann Trost spendet, wenn er ins Leere läuft. Christopher Murray setzt in seinem Film auf Bilder und Sounds, die das Transzendentale zwar immer wieder beschwören, sich aber zu nichts Konkretem formen. Der Film wirkt nicht deshalb unentschlossen, weil er seine Message nicht klar ausstellt, sondern weil er jedes Mal, wenn er sich festlegen müsste, auf die Manierismen des Festivalkinos zurückgreift.

Magische Momente in der Mittagspause

Road to Mandalay  2

Auch Midi Z. bewegt sich mit seinem sozialen Engagement, der sanften Dramatisierung und den halb kunstvollen, halb dokumentarischen Bildern innerhalb dieser Ästhetik. Aber The Road to Mandalay ist eben auch ein Film, der genau weiß, was er will – ohne es sich dabei jedoch zu einfach zu machen. Frühere Arbeiten des burmesischen Regisseurs wie Return to Burma und Poor Folk waren in ihrer Erzählung immer ein bisschen zerfranst, fingen dabei aber auf unaufgeregte, doch präzise Weise die gesellschaftlichen Umwälzungen in Z.s Heimat ein. Mit seinem ersten richtigen Spielfilm Ice Poison bewies der Regisseur dann, dass er gerade innerhalb einer Fiktion und einem enger abgesteckten dramaturgischen Gerüst sein Talent am besten entfalten kann. Sein zweiter Spielfilm The Road to Manderlay erzählt nun die Geschichte einer jungen Burmesin, die nach Thailand flieht, um dort einen gut bezahlten Job zu bekommen. Doch wegen fehlender Papiere muss sie als Schwarzarbeiterin schuften. Ihre Kontakte mit der Außenwelt offenbaren, wie korrupt das System ist, in dem sie sich bewegt. Ob es Polizisten, Beamte oder Arbeitgeber sind, jeder hat seinen Anteil an der Ausbeutung.

Obwohl der Film, wie schon Ice Poison, auf eine brutale und pessimistische Schlusspointe setzt, gibt uns The Road to Mandalay – und das macht ihn besonders – zugleich eine Ahnung davon, dass alles noch schlimmer kommen könnte. So gehen die Freundinnen der Heldin etwa anschaffen, versichern ihr aber zugleich, dass das für sie nichts wäre. Die Welt, in der wir uns hier befinden, hat hässliche wie auch schöne Seiten. Wir sehen die harte körperliche Arbeit in einer gigantischen Textilfabrik, den Dreck, den Schweiß und die Erschöpfung, aber auch magische Momente wie eine Mittagspause, in der sich die Angestellten mit Wasser vollspritzen und ausgelassen tanzen. Und schließlich gönnt der Film seiner Heldin auch eine Liebesbeziehung mit einem ebenso feschen wie aufopferungsvollen Landsmann, der sie jedoch vor lauter Liebe besitzen will und ihren unermüdlichen Freiheitsdrang als Bedrohung sieht. Midi Z. hat keinen so prägnanten Stil, keinen Signature Look wie viele andere, bekanntere Kollegen, aber man wird in nächster Zeit gewiss noch einiges von ihm hören. Und man muss dem Festival auch anrechnen, dass es so einen Film im Wettbewerb zeigt und nicht, wie in Venedig, in einer kleinen Nebenschiene versteckt.

Archaische Männlichkeit in quadratischer Kadrage

Heaven Sent 1

Das junge arabische Kino dagegen läuft fast ausnahmslos in der kleinen Nebensektion „From the Heart“. Der Gedanke dahinter mag sein, den Filmen wegen ihres Heimvorteils eine eigene Sektion zu widmen, aber von wirklich heimischen Produktionen kann dann oft gar nicht die Rede sein. Denn das arabische und afrikanische Kino, das weder entschieden populär noch völlig unabhängig und Low-Budget ist, kommt selten ohne europäische Koproduzenten aus. Und im Programm von Marrakesch ist auch ein Regisseur wie Oliver Laxe (Mimosas), der zwar in Marokko gedreht und mit Darstellern von dort gearbeitet hat, selbst aber aus Frankreich kommt, keine Seltenheit. Es ist ein bisschen wie bei den Düften von Hermés, die sicher auch einige als Cultural Appropriation sehen. Aber wenn man sich zu lange mit der Frage nach der wahren Herkunft aufhält, verstellt man sich nur selbst den Blick. Und der Gedanke eines verwässerten nationalen Stils ist in einer derart von Migration und kulturellem Austausch geprägten Welt wie der unseren wahrlich nicht mehr zeitgemäß. Das muss nicht heißen, dass die Filme deswegen schon zwangsläufig interessant sind. Aber anstatt ihre unklare Identität zu kritisieren, kann man sie auch als Möglichkeit sehen, Brücken zu bauen, zwischen einer internationalen, aber eher westlichen Filmästhetik und dezidiert arabischen Geschichten.

Ein gutes Beispiel hierfür ist Wissam Charafs Heaven Sent (Tombé du ciel), der in Cannes auf dem Gegenfestival ACID seine Premiere gefeiert hat. Eigentlich ein sehr stilisiertes Werk, das in seinen statischen Einstellungen eine absurde Komik entwirft, die nicht selten an den lakonischen Tonfall von Aki Kaurismäki erinnert. Der Plot von einem Soldaten, der von den Toten wiederkehrt, um seinen Bruder in Beirut zu besuchen, ist zwar manchmal etwas verworren und landet nicht mit jeder Pointe einen Volltreffer, dafür findet er eine Form, die streng ist, aber nicht aufgezwungen wirkt. Innerhalb der fast quadratischen Kadrierungen wird ein brüchiges Bild archaischer Männlichkeit gezeichnet. Wenn sich der Film nicht gerade seinen beiden Hauptfiguren – zwei Grobianen mit einem gewissen Charme – widmet, inszeniert er minimalistische Sketche mit sonderbaren alten Männern, die ihr Umfeld terrorisieren. Dass er dabei auf oft irritierende Weise zwischen Komik und Ernsthaftigkeit wechselt, bewahrt ihn davor, sich zu sehr an der eigenen Skurrilität zu laben. Und obwohl der Film besonders in seiner zweiten Hälfte auch etwas rätselhaft und sperrig ist, kommt er beim Publikum hörbar sehr gut an. Hätte ich den Film damals in Cannes gesehen, hätte ich wahrscheinlich gedacht, dass das wieder nur so ein Fake-arabischer Film für europäische Festivalbesucher ist.

Hier geht es zum ersten Teil unserer Berichterstattung aus Marrakesch

Kommentare zu „Westliche Filmästhetik, arabische Geschichten: Filmfestival Marrakesch (2)“


Marion F. Hellmann Theurer

Der russische Film "Zoology", der im Wettbewerb lief, ist weder westlicher noch arabischer Filmästhetik zuzuordnen. Er ist schlicht albern und irritierend, dass sowas im Wettbewerb gezeigt wird. Hingegen für den isländischen Film "Heartstone", mit ansprechenden Photos, einer guten Geschichte und jungen Darstellern mit hoher Professionalität, muss seinesgleichen bei westlichen Filmmachern erst gefunden werden. Mit Freude vernahm ich, dass die beiden jungen Darsteller einen Preis gewonnen haben. Schliesslich der Film der mich am meisten aufgewühlt hat, war Shepherds and Butchers, ein spannendes und beklemmendes Drama um Recht und Gerechtigkeit, von Oliver Schmitz. Überraschend order nicht, wahrscheinlicht nicht, von der Jury wurde der Film nicht gewürdigt; trotz spannender sozialkritischer Geschichte, beeindruckenden Bildern und hervorragenden Darstellern und ein überzeugendes Plädoyer gegen die Todesstrafe. Schade, tausende Menschen werden jedes Jahr grausam hingerichtet. Die Ächtung der Todesstrafe hat weiterhin Aktualität und die Jury hat dem nicht Rechnung getragen.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.