Sehsüchte 2017: Sehtagebuch II

Stilisiertes Ringen, lapidares Boxen: Im zweiten Teil unseres Sehtagebuchs geht es um zwei Kampfsportfilme, die unterschiedlicher nicht sein könnten – aber auch um Drohnen, den Islam und eine brandenburgische Fliesenlegerin.

Schultersieg (D 2016)

Schultersieg 1

Der Dokumentarfilm Schultersieg erkundet die Entwicklung der vier heranwachsenden Frauen Janny, Lisa, Debby und Michelle, die in einem Sportinternat in Frankfurt an der Oder ihren Traum verfolgen, erfolgreiche Ringerinnen zu werden. Vier Jahre lang begleiteten die Filmemacherinnen Anna Koch und Julia Lemke immer wieder ihre Protagonistinnen. Angesichts dieser langen Zeitspanne erscheinen die Stringenz, Einheitlichkeit und Begrenztheit der präsentierten Welt etwas überraschend, aber natürlich ist das auch der Punkt: Leistungssport heißt völlige, ganzheitliche Ausrichtung. Die Kamera darf in Schultersieg fast überall dabei sein: beim Training in der Halle, auf den Zimmern der Mädchen, bei ihren Familien zuhause, bei Einzelgesprächen mit dem Trainerteam. Letzteres schwört auf die Methoden alter (ostdeutscher) Schule, die harte und direkte Gangart kollidiert dabei immer wieder mit der Verletzlichkeit und dem Trotz der weiblichen Jugendlichen. Gleichzeitig wird dabei aber auch immer wieder die Paradoxie des Leistungssports entlarvt, die im Kampfsport nochmals zugespitzt zutage tritt und die Protagonistinnen des Films teilweise auseinanderzureißen droht: einerseits das ständige Einfordern von Härte und Wille – das Schreien des Trainers dominiert weite Teile der Tonspur –, andererseits aber auch das ständige Beteuern, sich nicht zu viel Druck aufzubauen. Was das mit einem jungen Menschen wirklich macht? Man wünscht sich, Schultersieg hätte in den Interviews noch etwas tiefer bohren können. Visuell wird dieser Gegensatz zwischen dreckiger Härte und Geschmeidigkeit in den Kampfszenen gespiegelt, stellt doch der Film den nicht besonders ansehnlichen Körperknäuel in Echtzeit immer wieder auch aufgehellte Zeitlupen-Sequenzen gegenüber, die die beindruckende Eleganz der trainierten Körper und ihrer Bewegungen aufzeigen.

Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki (FIN, S, D 2016)

Der gluecklichste Tag im Leben des Olli Maekki

Der finnische Boxfilm läuft im Programmblock „Glänzend“, und das funktioniert zumindest als Antithese ganz gut, ist der schwarz-weiße Zweitfilm von Cannes-Liebling Juho Kuosmanen doch durchaus als Gegenentwurf zum shiny Sportfilm amerikanischer Prägung lesbar. Erzählt wird die wahre Geschichte des finnischen Boxers Olli Mäki, der im Jahr 1962 mit einem WM-Kampf gegen den Amerikaner Davey Moore die größte Chance seiner Karriere bekommt. Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki konzentriert sich über fast die gesamte Spielzeit auf die Vorbereitung des Kampfes. Weil deren Rhythmus erheblich gestört wird, setzt eine stark mäandernde Erzählung ein, der das Sportliche – und da ist der Film seinen US-Vorbildern dann vielleicht doch näher als gedacht – lediglich als Folie dient. Mäki ist überfordert von den Anforderungen, die solch ein großer Kampf außerhalb des Ringes und in Person seines in Geldnot steckenden Managers an ihn stellt. Pressekonferenz, Fototermin, Sponsoren-Essen, ein Filmdreh? Eigentlich will er sich nur in Ruhe vorbereiten, und dann ist da auch noch seine neue Freundin Raija, mit der er am liebsten jede Minute verbringen möchte (die schönsten Szenen des Films zeigen die beiden beim Tanzen oder beim Radfahren). Kuosmanen setzt statt auf melodramatisch überladenen Pathos auf Leichtigkeit und eine Komik des Lapidaren, bei der die wortkarge Hauptfigur – und das ist dann wieder eine schöne Gleichung für den Profiboxsport – als (eben höchstens widerständige) Variable und nicht als eigenständige Funktion, als Held erscheint. Warum auch, das Glück der Tage findet sich ja oft gerade auch so.

Bruder Jakob (D 2016)

Bruder Jakob

Eine äußerst spannende Filmemacher-Protagonisten-Konstellation bietet Elí Roland Sachs’ Dokumentarfilm, in dem er der Entscheidung seines Bruders Jakob, zum Islam zu konvertieren, und den Folgen dieser Entscheidung auf den Grund geht. Sachs spricht zu Beginn mit alten Freunden und dem Patenonkel, die mit Unverständnis, Ärger und immer auch leichtem Hohn auf die plötzliche Glaubenswende und vor allem auf Jakobs Fixiertheit und teilweise aggressiven Missionierungsversuche reagieren. Sachs’ eigene Einschätzung bleibt auffällig im Hintergrund. Seine Perspektive offenbart sich erst einmal nur über eingestreute, tagebuchartige Beschreibungen, in denen es vor allem um einen schlimmen Traum geht. Das ist insofern angenehm, als dass er sich damit keiner Errettungs- oder Anklageposition hingibt. Sachs filmt, um zu verstehen, und nicht um zu entblößen. Das ist ein schmaler Grat, ein prekäres Unterfangen, welches Setzungen und Auslassungen erfordert: Kaum einmal geht es vor der Kamera impulsiv zu, der Duktus des bürgerlichen Ausdiskutierens und Abwägens wird teilweise bis ins Komische gedehnt. Bruder Jakob wird dadurch nebenbei auch zu einer Reflexion des Unterschieds von geschriebenem und gesprochenem Wort, wird doch den Email-Texten Jakobs alsbald sein mündliches Sinnieren gegenübergestellt – in dem sich nicht nur sein eigenes Zweifeln, sondern immer auch die Widersprüchlichkeit religiösen Glaubens manifestiert. Eine Leerstelle, die völlige Absenz der Eltern nämlich, bleibt dann aber doch bis zum Schluss rätselhaft, gerade weil sich immer wieder andeutet, wie entscheidend die Umstände des Aufwachsens und der Erziehung nicht nur für Jakobs beinahe zwanghaftes Suchen, sondern auch für die Formen des Umgangs und der Auseinandersetzung beider jungen Männer sind.

Find Fix Finish (D 2017)

Find Fix Finish

Während der Obama-Administration wandelte sich das bisherige Credo militärischer Operationen, „Find, Fix, Capture“, zusehends zum titelgebenden, drastischer gedachten Befehl „Find, Fix, Finish“. Was auf sprachlicher Ebene nur bedingt deutlich wird, lässt Mila Zhluktenkos und Sylvain Cruiziats Filmessay spürbar werden: die Beliebigkeit eines Menschenlebens im Drohnenkrieg. Zwanzig Minuten lang bleibt die Kamera das vermeintlich allsehende Auge am Himmel: teils starr, teils suchend, aber auch taumelnd bis an die Schwindelgrenzen des Publikums. Der Status des Gezeigten bleibt dabei unklar und reflektiert die unterschiedlichen Spielarten des Drohnenblicks: als Spielzeug, private Filmaufnahme oder militärisches Werkzeug. Zhluktenko und Cruiziat präsentieren ländliche Gegenden ebenso wie touristische Orte von oben. Ist der entfernte Pixelhaufen eine ausgelassene Poolparty im gemieteten AirBnB-Domizil oder ein konspiratives Treffen in der Villa eines hochrangigen Terrorchefs? Zugespitzt werden diese Beobachtungen von Off-Texten US-amerikanischer Whistleblower, die allerdings – wie erst im Abspann ersichtlich wird – eher fiktional angereicherte Collagen denn wahrheitsgetreue Wiedergabe sind. Das Taumeln der Kamera wird zum Modus des Nicht-Verstehens, denn perfide Kriegsführung und Faszination an der eigentümlichen Flachheit der Bilder greifen ineinander. Find Fix Finish ist ein bemerkenswerter Beitrag im Diskurs um die Vereinnahmung filmischer Bilder der Kontrolle, nicht unähnlich des unermüdlichen Schaffens Harun Farockis in diesem Feld.

Gabi (D 2017)

Gabi 2

Michael Fetter Nathanskys 30-Minüter ist kein Film für kurze Programmhefttexte. Der einzelne Frauenname im Titel, ein paar Worte über eine brandenburgische Fliesenlegerin und das Wunder des Alltäglichen – allzu schnell verpuffen solche Filme im Festivalalltag, denn sie laufen im Überfluss und fesseln selten. Dass sich Nathanskys Film, der seine Premiere bei der diesjährigen Berlinale in der Perspektive Deutsches Kino feierte, behaupten kann, liegt vor allem an zwei Faktoren. Zum einen spielt Gisa Flake die stoische Protagonistin konsequent subtil. Häufig in nahen Einstellungen eingefangen, scheint nach andauernden Schicksalsschlägen und allgemeiner Perspektivlosigkeit nur noch kathartisches Losheulen zu helfen. Doch Flake huscht lediglich ein Schimmer der Melancholie über das Gesicht. Sollte es doch zum Gefühlsausbruch kommen, ist das – und damit der zweite Faktor – nur Teil eines großen Spiels mit ihrem Umfeld, der Kamera, dem Zuschauer. Immer wieder zieht Gabi dieses Moment des Spiels ein, indem sie ihre Gesprächspartner und sich selbst in Manier eines tadelnden Regisseurs auf die Ausgangspositionen schickt. Derselbe Streit soll dann noch einmal unter anderen Vorzeichen passieren, dieselbe schockierende Beichte konkreter vorgetragen, der überraschende Kuss etwas besser orchestriert. Gabi erkämpft sich – wie die Titelfigur auch – den nötigen Raum, um authentisch und nicht platt, emotional und nicht rührselig zu wirken.

Die Körper der Astronauten (D 2017)

Die Koerper der Astronauten

Mit einem kleinen Cast junger Schauspieler beschreibt Alisa Berger in ihrem Abschlussfilm an der Kunsthochschule der Medien einen auseinanderdriftenden Familienkörper. Die Zwillinge Linda und Anton drängen nach dem geschafften Abitur aus dem Zugriff ihres alkoholkranken, alleinerziehenden Vaters. Während Anton an einer Langzeit-Bettruhestudie teilnimmt, um seinem Traum vom Astronautendasein näherzukommen, entdeckt Linda ihre Sexualität mit allen Konsequenzen. Irene, die jüngste Schwester, muss sich zunächst allein den alkoholbefeuerten Wutausbrüchen des Vaters stellen. Die Körper der Astronauten findet über 74 Minuten Laufzeit zu einer ganz eigenen Textur der Bilder, die jenes Auseinanderdriften illustriert. Extreme Close-ups, unklare Zwischenbilder und verfremdetes Archivmaterial drängen zwischen die stringente Handlung des Films. Wenngleich sich die einzelnen Glieder des Familienkörpers nach eigenen Maßgaben bewegen, sind sie doch Teil dieser stofflichen Einheit, die hier filmisch ergründet wird. Diese teils widersprüchliche Verantwortung des Einzelnen im größeren Körper zeigt sich dann auch im Zueinanderfinden zumindest der drei Kinder, die wiederum nur als Untereinheit ihrem autoritären Vater entgegentreten können.

Offenlegung: Hannes Wesselkämper leitete 2014 die Programmgruppe des Sehsüchte-Festivals. 

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