Sehsüchte 2017: Sehtagebuch I

Schirmherr Andreas Dresen wünschte sich für das Studierenden-Filmfestival Sehsüchte nicht zuletzt Anarchie und Chaos. Und manche der Filme geraten tatsächlich in ein spannendes Wanken: Eine klischeebedrohte Prekariatsdoku spinnt allmählich feine Fiktionen, und eine Kamera entdeckt unverhofft ein menschliches Zuviel im Bett.

Walls

Als Schirmherr des 46. Internationalen Studierenden Filmfestivals „Sehsüchte“ wünschte sich Regisseur Andreas Dresen am Mittwochabend Anarchie, Chaos und scharfe Diskussion. In seiner Rede zur Eröffnung des Festivals am vergangenen Mittwoch spricht er davon, alte Regisseure wie ihn „wegzugfegen“. Ihm gegenüber steht Susanne Stürmer, Direktorin der ausrichtenden Filmuniversität Babelsberg, die sich ihrerseits programmatische Innovationen (Apps, VR, Games…) wünscht. Als dritten Anspruch legen sich die Organisatoren selbst den thematischen Fokus „Oberflächen/Surfaces“ auf – das Filmprogramm soll sich filmischen wie gesellschaftlichen Oberflächenphänomenen widmen.

Trotz akutem Etikettendruck – nicht zuletzt müssen Eröffnungen mit formaler, thematischer und nationaler Vielfalt glänzen – geht das anschließende Kurzfilmprogramm nicht unter. Coming-of-Age aus Mexiko (Un juego), surreale Animation aus Frankreich (Les courgettes de la résistance), ein Musikvideo über Mauern in Köpfen (Walls) sowie eine dokumentarische Übung über die Frau eines Mannes mit Locked-In-Syndrom (Herr und Frau Müller) erfüllen die Pflicht. Die Kür macht dann aber ein absurder 15-Minüter aus Belgien aus: Stacey en de Alien windet sich durch 90er-Kitsch und Standards des Teenie-Horrors, während die Trauerarbeit einer Jugendlichen, die gerade ihre Mutter verloren hat, eine eher lose, und doch kraftvolle Referenz bleibt.

Hinter dem Schneesturm (D 2016)

Hinter dem Schneesturm 1

So einfach das Setting von Levin Peters Dokumentarfilm Hinter dem Schneesturm sein mag, so vielschichtig ist dieser in den Zwischentönen: Im Schrank des eigenen Opas entdeckt der Regisseur ein Fotoalbum mit Bildern aus dem Zweiten Weltkrieg: Mariupol, Ukraine, 1943. Peter nähert sich daraufhin seinem Opa an, fährt selbst in die Ukraine, trifft Augenzeugen des Massakers an 10.000 Juden nahe der Stadtgrenze. Was nach Reißbrett der institutionellen Filmförderung klingen mag, konzentriert sich aber auf das Nicht-Kommunizierbare. Peter zeichnet mit und vor der Kamera ein Stimmungsbild aus Fotografien, atmosphärischen O-Tönen und nacherzählten Geschichten. Dieses Bild entzieht sich jedoch permanent dem Zugriff durch Worte, weshalb der Film vielmehr ein Ringen um geteilte Erinnerung illustriert als die Erinnerung an sich.

Zwischen den Stühlen (D 2016)

Zwischen den Stuehlen

Dass Zwischen den Stühlen in der klangvollen Reihe „Spotlight Produktion“ läuft, verwundert nicht. Jakob Schmidts Langzeitbeobachtung von drei Referendaren hatte nicht nur mit 400 Stunden Filmmaterial zu kämpfen, sondern bereits in der Entstehung mit unzähligen Genehmigungen von entsprechenden (Schul-)Behörden. Jakob Schmidts Dokumentarfilm positioniert sich dabei spürbar kritisch gegenüber dem maroden deutschen Schulsystem sowie der ausbaufähigen Lehrerausbildung – was zusätzliche Diplomatie seitens der Produktion erfordert. In letzter Konsequenz fällt dieser kritische Grundton jedoch betont deutlichen Metaphern zum Opfer. Seien es die Spuren im Sand, die ähnlich den Bemühungen der Lehrer im Wasser vergehen, oder das trabende Chinchilla im Laufrad als bedeutungsschwangeres Gleichnis: Die Verbindung aus unterhaltsamer Beobachtung angehender Lehrer und kritischem Statement verliert beizeiten an erzählerischer Geradlinigkeit.

Kontener (D 2017)

Kontener

Das Zentrum von Sebastian Langs 30-Minüter bildet eine stark inszenierte Szene im titelgebenden Container, der hier kein Ort von Transport und Transit ist, sondern einer polnischen Milchhof-Schichtarbeiterin als Rückzugs- und Schlafraum dient. Doch plötzlich ist da ein menschliches Zuviel im Bett. Quasi ohne Licht erkundet die Kamera die zwei an- und aufeinanderliegenden Körper, ohne dass diese je als solche wirklich fassbar werden. Stattdessen wird die höchst intime, aber nicht unbedingt auf Konsens beruhende Begegnung über schimmernde Gesichts-Fragmente, dunkle Schattenwürfe und vor allem die Stimme der Ich-Erzählerin erschlossen. Letztere löst sich auch in den anderen Teilen des Films immer wieder geisterhaft von den dunklen Bildern des oft beinahe horrorfilmartigen Settings ab. Und eine wirkliche Narration vorantreiben kann sie ohnehin nicht, das Schicksal der eigentlichen Hauptfigur, Tava, bleibt bis zuletzt erzählerisch wie visuell unklar. Durch diese Suspendierungen von Plot und Repräsentation entwickelt sich Kontener, der an der Filmuniversität Babelsberg entstand, quasi ausschließlich atmosphärisch, und zeigt dabei ein feines Gespür für Geräusch und Bildausschnitt.

Valentina (D 2016)

Valentina

Zu Beginn ist da latente Enttäuschung, scheint Valentina doch in alle Klischeenäpfchen des dokumentarischen Prekariatsfilm zu tapsen: in dunklem und kontrastreichem Schwarzweiß gedreht, fangen lange, stillgestellte Einstellungen das Leben einer Roma-Familie im Stadtteil Shutka in der mazedonischen Stadt Skopje ein. Wir schauen in große, gegerbte Gesichter mit dunklen Augen, einem Huhn wird der Kopf abgeschnitten, die Kamera hält drauf, das Intim-Authentische tropft etwas zu gewollt von der Leinwand. Doch Regisseur Maximilian Feldmann und Kamerafrau Luise Schröder, die sich viele Wochen und Monate in Mazedonien aufhielten, haben enormes Glück mit ihrer Protagonistin, die als titelgebende Heldin den Diplomfilm mal eben fast alleine schultert. Mit ihrem anekdotenartigen Erzählstil, der trotz aller Souveränität doch auch immer wieder von kindlicher Naivität durchsetzt ist, und ihrer energetischen Bewegtheit teilt sie die engen Räume des Films ein, präsentiert und provoziert. Zu jedem der vielen Familienmitgliedern gibt es eine kleine Geschichte, die der Film dann teils auch noch mit zusätzlichen Fotografien füttert. Doch Valentina dient nicht nur als sympathischer Anker des Dokumentarischen, sondern bricht ihre (repräsentierte) Welt oft auch in Richtung der Fiktion auf. Immer wieder geht es ihr um Träume und Was-Wäre-Wenn-Situationen. Von denen dann wiederum doch eine ganz konkret daherkommt: Valentinas Vater, als bettelnder Müllsammler im Film nicht in der Lage, seine Familie zu ernähren, verkörperte eine Nebenrolle in Emir Kusturicas Schwarze Katze, weißer Kater (1998). Sicherlich die tollste und gleichzeitig traurigste Anekdote des Festivals.

Dil Leyla (D/Türkei 2016)

Dil Leyla

Aslı Özarslan wollte einen Porträtfilm machen, über Leyla İmret, die jüngste Bürgermeisterin der Türkei, die bei den Kommunalwahlen 2014 in der Kurdenhochburg Cizre an der syrischen Grenze ins Amt gewählt wurde, davor jedoch in Bremen groß geworden ist. Eine ganze Weile lang geht das auch gut, doch dann wird der realgeschichtliche Druck des (wieder aufflammenden) kurdisch-türkischen Konflikts zu groß und die positive Existenz, ihre Erzählung sowie auch ihre Bilder teilweise brutal zersplittert. Die Geschichte (in beiderlei Verständnis) wird in Dil Leyla strukturiert von drei Amateurfilm-Sequenzen. Die erste gleich zu Beginn zeigt die gewalttätige Auflösung eines kurdischen Neujahrsfestes im Jahr 1993, und stellt den Bezug zu İmret Leylas persönlicher Familiengeschichte her: Ihr Vater starb zu jener Zeit als PKK-Aktivist. Das zweite Video zeugt von Geschehnissen im Zusammenhang mit dem Bombenanschlag auf eine Veranstaltung der linksgerichteten Partei HDP während des Wahlkampfes 2015 – jener Zeit der Eskalation, die dann auch den Plot von Dil Leyla unverhofft zerbersten lässt (İmret ist Mitglied der mit der HDP kooperierenden Partei DBP). Die dritte dann ist eine Video-Botschaft von İmret selbst, erstellt nachdem die Filmemacher von Dil Leyla knapp drei Monate gar keinen Kontakt mehr zu ihrer Hauptfigur hatten (haben konnten), nachdem Erdogan die Offensiven gegen die PKK forciert hatte, die Stadt Cizre belagert und schwer beschädigt wurde. Bilder von Trümmern, anklagenden Opfer und eine müde und getroffene İmret Leyla, die im Verlauf dieser Entwicklungen ihres Amtes enthoben wurde, pusten den Optimismus, den vor allem das Einfangen ihrer ruhigen, aber bestimmten Art, Lokalpolitik zu machen zu Beginn des Films verspüren ließen, im Nu weg. Das Private ist (mal wieder) im schlimmsten Sinne politisch geworden, und auch wenn sich die Protagonistin des Films gegen Ende durchaus kämpferisch zeigt, muss sich Dil Leyla erst einmal als Kapitulation anfühlen.

Offenlegung: Hannes Wesselkämper leitete 2014 die Programmgruppe des Sehsüchte-Festivals.

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