Provokation der Wirklichkeit. Die „Oberhausener"

Die DVD des gleichnamigen Projekts Provokation der Wirklichkeit stellt 50 Jahre nach der Veröffentlichung des Oberhausener Manifests die erste systematische Sammlung der Filme aller Unterzeichner dar.

Oberhausen Jugend Photographiert 07

In ihrem Manifest bezeichneten 26 junge Männer am 28. Februar 1962 in Oberhausen den Kurzfilm als „Schule und Experimentierfeld des Spielfilms“. Der neue deutsche Spielfilm, den sie zu schaffen proklamierten, wird jedoch vor allem ab 1966 einer zweiten Generation von Regisseuren, wie Fassbinder, Herzog und Schlöndorff, auf die Fahnen geschrieben, die nach dem Zusammenbruch der westdeutschen Filmindustrie 1961 von den Strukturen aus Filmförderung (Kuratorium des jungen deutschen Films, ab 1965) und Filmausbildung (Institut für Filmgestaltung an der Hochschule für Gestaltung Ulm, ab 1962) profitieren konnten, die die Oberhausener geschaffen hatten. Die Manifest-Unterzeichner selbst drehten neben einigen wenigen Spielfilmen in ihrer aktivsten Zeit von 1958 bis 1965 vor allem Kurzfilme. Aus dieser wenig bekannten Ära des deutschen Films finden sich nun 19 restaurierte Arbeiten auf einer Doppel-DVD.

Oberhausen Schatten 01

Da lässt zum Beispiel Hansjürgen Pohland die titelgebenden Schatten (1960) zu treibenden Jazz-Rhythmen durch ein urbanes Ambiente aus Häuserfassaden, Dächern und Straßen tanzen. Ein Motiv, das er ein Jahr später in seinem ersten Spielfilm Tobby (1961) weiterentwickeln wird. Der Alltag wird zu Beton, zu Pflasterstein. Kinder auf dem Spielplatz, im Wind wehende Äste, Passanten auf der Einkaufsstraße werden zu schwarzweißer Oberfläche.

Immer wieder spielt der autonome Einsatz des Tons eine Rolle. In Trab, Trab (1959) oszilliert der Status der Rennpferde zwischen Lebewesen und reinem Sportgerät, indem Detten Schleiermacher sie samt Sulky zu Orgelmusik traben lässt, um wenig später ihr Tempo mit Dampflokgeräuschen oder elektronischen Klängen herauszustreichen. Kontrapunktisch montiert er zu verlassenen Wetthallen und einer leeren Trabrennbahn die ekstatischen Jubelschreie vorangegangener Zuschauer. Euphorie, die ohne den zeitlich passenden Kontext befremdet.

Oberhausen Menschen im Espresso 04

Mit den Oberhausenern entstand eine „Kultur des Dokumentarischen“, auch wenn die Dokumentation als Genre speziell für das Kino vom amerikanischen Direct Cinema insitutionalisiert wurde. Mit einer Toncollage aus schäumenden Kaffeemaschinen, klimpernden Tassen und Spielautomaten etabliert Herbert Vesely in Menschen im Espresso (1958) das Ambiente einer Café-Bar, um wenig später die jungen Leute beim Plaudern und Zeitunglesen auf der Gästeterrasse zu Radio und Straßenlärm zu beobachten. Sehen und gesehen werden. In Veselys „Studie“ philosophiert der Off-Kommentar über den Einzug des mediterranen Flaneurs in die westdeutschen Cafés der 1950er Jahre. Mit einem ähnlichen ethnologischen Blick beleuchtet Pitt Koch in Glühendes Eiland Kreta (1959) das einfache, von Arbeit geprägte Leben der Leute auf der griechischen Insel. Der Kommentar wird hier immer wieder von volkstümlichen Liedern und Gesängen durchdrungen.

Der Tonfall kann jedoch auch ganz anders ausfallen. Ironisch provokativ berichtet Peter Schamoni in seinem ersten Film von den Weltjugendspielen 1957 in Moskau. Aus dem in der Sowjetunion gedrehten Material existieren insgesamt fünf Versionen. Darunter Moskau 57 (1957), in der die Jugendspiele nicht erwähnt, sondern ein modernes Moskau einem Moskau der Arbeiter gegenübergestellt wird, und Jazz im Kreml (1957), eine Parodie auf die Jugendfestspiele, sowie zwei weitere von 2009. Mit Moskau ruft! (1959) befindet sich die dritte Fassung auf der DVD, die am exponiertesten eine antikommunistische Haltung einnimmt.

Oberhausen Es muss ein Stueck vom Hitler sein 09

Mit Notizen aus dem Altmühltal (1961) gelingt Hans Rolf Strobel und Heinrich Tichawsky eine leicht polemische Satire über die beiden vermeintlichen Kontrahenten Heimatpflege und industrieller Fortschritt im Altmühltal, der die FBW (Deutsche Film- und Medienbewertung) ein Prädikat verweigerte. Nicht nur in zeitgenössischen Phänomenen von Landflucht und blinden Industrialisierungsglauben bayerischer Provinzbewohner beäugen die Filmemacher eine von der Vergangenheit ungetrübte Stimmung im Angesicht des deutschen Wirtschaftswunders. Mit dem Ziel, sich der Vergangenheit zu stellen, evozieren sie ein Aufeinanderprallen von damals und heute. „Uns trennt von gestern kein Abgrund, sondern die veränderte Lage“: Ganz nach seinem Motto aus Abschied von Gestern (1966) kombiniert Alexander Kluge mit Peter Schamoni in Brutalität in Stein (1961) Archivaufnahmen vom Jubel der Massen, Trommelwirbel und einer Rede von Hitler mit eigenen, zeitgenössischen Aufnahmen des Nürnberger Parteigeländes. Der Kameramann Wolf Wirth, analog zur „Neuen Welle“ aus Frankreich der Raoul Coutard des frühen, jungen deutschen Films, fängt den bedrohlichen Größenwahn der Naziarchitektur mit einer Betonung von deren Ecken, Kanten und Spitzen ein. Noch deutlicher prangert Walter Krüttner den Führerkult-Tourismus am Obersalzberg in Es muss ein Stück vom Hitler sein (1963) an.

Oberhausen Das magische Band 10

Bleibt die Frage, warum der Industriefilm – von großen Firmen eigens in Auftrag gegebene, längere Werbefilme mit Informationscharakter – lediglich mit Das magische Band ( 1959) von Ferdinand Kittel auf der Doppel-DVD vertreten ist, wo vor allem auch Edgar Reitz, Haro Senft und Herbert Vesely etliche solcher Kurzfilme drehten. Die im Booklet angedeuteten Schwierigkeiten um Materiallage und Rechtssituation dürften hier neben anderen Auswahlkriterien eine Rolle gespielt haben.

Jedenfalls wird die künstlerische Vielfalt der Oberhausener in der Bandbreite der ausgesuchten Arbeiten sichtbar. Neben Dokumentation und Industriefilm finden sich auch Beispiele für Animation (Wolfgang Urchs: Das Unkraut, 1962) und Puppentheater (Boris von Borresholm: Marionetten 1964).

Oberhausen Marionetten 05

Das Oberhausener Manifest selbst enthält keinerlei Konkretisierung. Die alten Verhältnisse werden angeprangert, lediglich ein „geistiger, formaler und wirtschaftlicher Neuanfang“ wird postuliert. Da jeder der Unterzeichner mit mindestens einem eigenen Werk oder einem, das unter seiner Mitarbeit entstand, vertreten ist, bietet die Zusammenstellung Provokation der Wirklichkeit 50 Jahre nach dem schriftlichen Manifest der Oberhausener dessen ästhetische Ergänzung.

Originaltitel: Provokation der Wirklichkeit. Die „Oberhausener“ (Doppel-DVD)
Produktionsland: Deutschland
Jahr: 2012
Copyright: film&kunst GmbH
Filmauswahl und Redaktion: Ralph Eue, Stefan Drössler

Filme: BRD 1958-65

Filme von: Christian Doermer, Bernhard Dörris, Ferdinand Kittel, Alexander Kluge, Pitt Koch, Walter Krüttner, Hansjürgen Pohland, Edgar Reitz, Peter Schamoni, Haro Senft, Wolfgang Urchs, Herbert Vesely, Wolf Wirth, u.a.

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