Tobby

Der Jazz geht um in der BRD.

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Deutschland Anfang der 1960er Jahre: Der Schlager regiert die Charts. Der Jazz gastiert als Underground-Phänomen in den Kellern der Republik. Verehrt von der Jugend, gespielt von einigen Liebhabern aus Leidenschaft, mit der sich eher schlecht als recht Geld verdienen lässt.

Vor diesem Hintergrund folgt Hans Jürgen Pohland in seinem ersten Langspielfilm Tobby (1961) dem Jazz-Sänger und Perkussionisten Toby Fichelscher durch West-Berlin. Der düst auf seinem Fahrrad von einem nächtlichen Auftritt zur nächsten Jam-Session, anschließend von der Party zum Frühschoppen. Immer in Begleitung treibender Jazz-Rhythmen. Im Morgengrauen kommt er zu Hause an, um dort von seiner Ex-Frau, mit der er samt ihren beiden gemeinsamen Söhnen als moderne Patchwork-Familie immer noch unter einem Dach lebt, mit „Bier oder schlafen“ begrüßt zu werden. Toby nimmt das Bier, schläft, raucht eine Zigarette zum Aufwachen und isst sein Frühstück aus dem Topf. Das Image des verwegenen Rockstars – zumindest für damalige Verhältnisse – bestätigen auch vornehmlich weibliche Konzertbesucherinnen in Interview-Situationen. Er sei „animalisch, ursprünglich und etwas verranzt“. Heute würde man ihn wohl einfach als Lebemann bezeichnen.

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Ausgedehnte Konzertaufnahmen zeigen Toby in regelrechten Improvisationsduellen mit verschiedenen Musikern. Zuerst wetteifert seine Stimme mit einer Trompete um die genialste Schöpfung. Dann wirbeln seine blanken Hände auf Bongos und kämpfen um die kreative Vorherrschaft mit den Sticks eines Schlagzeugers. Wie bei einer Dialogszene wechselt die Kamera zwischen den Akteuren samt ihren Instrumenten hin und her. Die Musik ist Ausdrucksmittel, über sie wird kommuniziert. Für Toby bedeutet sie Emotionen, und er will nichts anderes als fühlen. Verbale Unterhaltungen folgen dann auch erst auf den Sex, und dann soll vor allem sie reden. Oder sie werden auf Englisch geführt, in der Sprache des Landes, wo der Jazz geboren wurde. Außermusikalische Dialoge sind selten, denn zuallererst ist Toby Entertainer.

Zwei Jahre vor Tobby erscheint mit Schatten (Shadows, 1959) – dem Debüt von John Cassavetes, der in der Jazzszene in New York angesiedelt ist – die Initiation des Direct Cinema als filmische Erneuerungsbewegung in den USA. Angelehnt an deren dokumentarischen Stil der getreuen Wiedergabe der Wirklichkeit, bemüht sich Pohland anhand von Tobys Musikeralltag um eine Art deutsche Version: eine Milieustudie der Jazzer in Berlin. Alles beruhe auf wahren Gegebenheiten, versichert uns ein Untertitel zu Beginn. Noch dazu spielt die ganze Familie Fichelscher sich selbst. Die Dramaturgie speist sich aus dem Zwiespalt zwischen der Chance auf das große Geld und dem Ausverkauf: Toby hat ein lukratives Angebot einer sechsmonatigen Tour erhalten. Doch nicht für „seine“ Musik. Schlager soll es sein.

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Durch das Wirtschaftswunder begann Ende der 1950er Jahre die große Welle der deutschen Urlauber in den Süden hereinzubrechen. Von Sehnsucht erweckenden Schlagertexten der damaligen Zeit angeheizt und besonders auf Italien projiziert, wird der Traum von der mediterranen Idylle der dekadenten Wirklichkeit gegenübergestellt. Eine Fahrt entlang einer sonnigen Mittelmeerküste mit glitzernd blauem Wasser. Als einzige Farbaufnahme romantisiert, erinnert sie uns an einen paradiesischen Urlaub. Parallel dazu montiert sind in Reih und Glied geordnete leere Strandkörbe an der Ostsee. Schon in der nächsten Einstellung ist der ganze Strand überströmt mit Menschenmassen. Eine animierte Hand mit ausgestrecktem Finger hebt Toby für uns aus der Menge hervor. Der suhlt sich geradezu in weiblicher Aufmerksamkeit, nackte Haut regiert. Eine Szene, die auch als Seitenhieb auf die biedere Moral des Heimatfilms gelesen werden kann.

Doch Pohland ist sich vor allem auch der internationalen Ästhetik seiner Zeit bewusst. Die Szene auf einem Trödelmarkt, der als Auffangbecken für Maler, Dichter und Musiker dient, lässt an Partys der Boheme aus Rivettes ein Jahr zuvor entstandenem Paris gehört uns (Paris nous appartient, 1960) denken. Nur dass hier die intellektuellen Konversationen in ausgelassene Trinkgelage gipfeln. Nach dem Sex mit einem Groupie erinnert die Mise-en-scène in ihrem Apartment an Richard Hamiltons Pop-Art-Collage Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing? aus dem Jahr 1956.

Abseits des muffigen Bildes, das Heimatfilm und Schlager in den 1950er Jahren von West-Deutschland generierten, wirkt Tobby ein Jahr vor der Veröffentlichung des Oberhausener Manifests wie der Pionier eines frischen deutschen Kinos. Hans Jürgen Pohland, einziger Nicht-Münchener der Unterzeichner, evoziert aus der Jazz-Musik das Lebensgefühl einer jungen BRD im Aufbruch. Schwungvoll, wild und leidenschaftlich. 

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