Pinoy Cinema 1970–89: Das zweite Goldene Zeitalter des philippinischen Kinos

Eine der spannendsten Kinonationen verliert ihr Filmerbe. Zeit, es zurück ins Rampenlicht zu bringen. Mit einem großen Special widmen wir uns in den nächsten Wochen einem besonderen Kapitel der philippinischen Filmgeschichte. 

Equalizer 2000

Wenn man auf philippinischen Webseiten verkehrt, trifft man immer wieder auf das Wort Pinoy. Ursprünglich waren damit nur jene Bewohner des Archipels gemeint, die in den 1920er Jahren nach Amerika auswanderten. Erst allmählich hat sich der Ausdruck als umgangssprachliche Eigenbezeichnung etabliert. Dass sich die Filipinos damit selbst einen Namen gegeben haben, ist wichtiger, als man zunächst meinen könnte. Wer mit dem Kino des Inselstaates nicht vertraut ist, dürfte sich darüber wundern, dass die Darsteller häufig spanische Namen tragen oder fließend zwischen Tagalog und Englisch wechseln. Die nationale Identität der Philippinen ist stark geprägt von äußeren Einflüssen. Schließlich blickt das Land auf eine fast vierhundertjährige Besatzungszeit zurück. Erst kamen die Spanier, dann die Amerikaner und schließlich noch für ein paar Jahre die Japaner. Vor diesem Hintergrund ist es nicht überraschend, dass die Geburt des philippinischen Kinos nicht auf die Einheimischen, sondern auf Ausländer zurückgeht. So stammt der erste philippinische Film zwar bereits aus dem Jahr 1897, der erste Film von einem Filipino allerdings erst aus dem Jahr 1919. Selbst in den 1970er Jahren hinterließ die Besatzungszeit noch deutliche Spuren. Mit finanzieller Unterstützung der American International Pictures entstanden etwa mehrere Filme, bei denen philippinische Regisseure in ihrer Heimat mit amerikanischen Schauspielern drehten.

Ein Filmerbe verschwindet

Manila By Night

Man sollte sich von solchen Einflüssen aber nicht in die Irre führen lassen. Die Philippinen sind nicht nur eine große und bedeutende Kinonation, sondern auch durchaus eigenständig. Wo sonst gibt es ein Phänomen wie das Metro Manila Film Festival, auf dem seit 1975 nahezu alle Kinos der Hauptstadt für eine Woche nur heimische Produktionen zeigen. Selbst in heutigen Krisenzeiten boomt die Filmindustrie noch, und die Kinobegeisterung des Publikums bleibt ohnehin seit Beginn des 20. Jahrhunderts fast ungebrochen. Umso tragischer ist es, dass man gleichzeitig einem Filmerbe von unschätzbarem Wert beim Verschwinden zusehen muss. Während es erst seit 2011 (!) ein nationales Kinoarchiv gibt, sind die meisten alten Kopien entweder gar nicht mehr existent oder schon schwer vom Essig-Syndrom geschädigt. Ältere Filme bekommt man, besonders außerhalb der Philippinen, auch kaum auf DVD. Als die führende Produktionsfirma Regal Entertainment vor einigen Jahren ausgewählte Klassiker in räudiger Qualität herausbrachte, war das lediglich ein denkwürdiger Einzelfall. Auf YouTube und anderen Seiten findet man dafür eine ebenso große wie leidenschaftliche Fangemeinde, die sich von schlierigen Bildern und blechernem Sound nicht davon abhalten lässt, ihre aufregende Filmgeschichte zu feiern. Englische Untertitel sind dabei leider ein seltener Luxus.

Batch 81

In den Tiefen des Netzes findet man aber auch noch Filme, die trotz ihrer minderwertigen Bild- und Tonqualität dazu in der Lage sind, alles zu überstrahlen. Gerade aus den 1970er und 80er Jahren existieren zahlreiche Meisterwerke, die das Schattendasein, das sie fristen müssen, nicht verdient haben. Nicht umsonst ist diese Ära als zweites goldenes Zeitalter des philippinischen Kinos bekannt (das erste war in den 1950er Jahren). In den nächsten Wochen wollen wir diese filmisch aufregende und vielfältig schillernde Ära im Rahmen eines großen Specials vorstellen. Mit Texten von Lukas Foerster, Michael Kienzl, Nino Klingler, Ekkehard Knörer, Maurice Lahde, Oliver Nöding, Nikolaus Perneczky, Marco Siedelmann und Silvia Szymanski werden wir uns unter thematischen Gesichtspunkten dem widmen, was vom philippinischen Kino aus dieser Zeit übrig geblieben ist.

Kein Kanon

Himala

Dabei soll es nicht darum gehen, einen Kanon mit den besten Filmen zu erstellen. Das ist zum einen wenig reizvoll, weil die interessantesten Filme nicht unbedingt die besten sind, zum anderen aber auch unmöglich, weil man sich an dem orientieren muss, was überhaupt noch da ist. Unsere Reihe soll eine Suche ohne konkretes Ziel sein, nach allen Seiten offen und nie wirklich abgeschlossen. Im Vordergrund steht der Versuch, verschiedene Handschriften, Genres und Produktionsbedingungen vorzustellen, aber auch zu zeigen, wie das Kino die Vergangenheit sowie die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der Gegenwart reflektiert hat.

Silip - Daughters of Eve

Der Begriff des zweiten goldenen Zeitalters ist nur Ausgangspunkt dieser Entdeckungsreise. Meist wird diese Ära zwischen den Jahren 1974 und 1985 angesiedelt, jener Zeit also, in der Diktator Ferdinand Marcos das Kriegsrecht verhängte, strenge Zensurbestimmungen einführte und das Land – um mit den Worten des Regisseurs Lino Brocka zu sprechen – regelrecht vergewaltigte. Man darf es als Ironie des Schicksals verstehen, dass das Kino ausgerechnet in dieser finsteren Zeit in voller Pracht erblühte. Junge Regisseure wie Brocka und Ishmael Bernal, die bis heute zu den Säulen des philippinischen Kinos zählen, aber auch Mike De Leon, Mario O’Hara und Marilou Diaz-Abaya sorgten damals mit sozial brisanten und formal außergewöhnlichen Werken für Aufmerksamkeit.

Perfumed Nightmare

Doch nicht nur diesen Autoren und auch nicht nur dem Filmschaffen unter Marcos wollen wir uns widmen, sondern auch Vertretern des Exploitationkinos wie Eddie Romero und Cirio H. Santiago sowie den Regisseuren Elwood Perez und Joey Gosiengfiao, deren ziemlich durchgeknallte Arbeiten sich nur schwer kategorisieren lassen. Was fast alle Filme vereint, ist, dass sie im Herzen populäres und narratives Kino sind. Es gibt unter anderem Komödien, Horrorfilme, Erotikfilme und natürlich Melodramen, die so exzessiv sein können wie in kaum einem anderen Land und sich in beinahe jedes Genre, selbst bis ins Actionkino schleichen. Ebenso berücksichtigt werden sollen die wenigen Gegenpositionen, etwa die persönlichen Dokumentarfilme von Nick Deocampo oder die experimentelleren Arbeiten von Kidlat Tahimik, der sich einst von Werner Herzog abgelaufenes Filmmaterial schenken ließ, um sein Debüt Perfumed Nightmare (Mababangong bangungot, 1977) realisieren zu können.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Oliver

Das aktuelle philippinische Kino, zumindest jenes, das auf Festivals präsentiert wird, bewegt sich häufig in einer Tradition von Tahimik und Deocampo. Einer der bekanntesten Vertreter ist Lav Diaz, der mit seinen epischen, jeglichen zeitlichen Rahmen sprengenden Werken der Erzählökonomie den Stinkefinger zeigt. Doch selbst ein Außenseiter wie Diaz sieht sich auch als Vertreter einer nationalen Filmkultur. Als er 2007 in Venedig für seinen Film Death in the Land of Encantos (Kagadanan sa banwaan ning mga Engkanto, 2007) ausgezeichnet wurde, beschloss er seine Preisrede mit den Worten: „Long Live Philippine Cinema!“ Die Hoffnung, dass sich diese Forderung nicht nur für den Nachwuchs bewahrheitet, sondern auch für das Filmerbe, stirbt zuletzt. Immerhin wurden in den letzten Jahren mit Manila in the Claws of Light (Maynila: Sa mga kuko ng liwanag 1975) und Himala (1982) zwei Meilensteine des philippinischen Kinos digital restauriert. Man kann sich nur wünschen, dass das erst der Beginn einer großen Wiederbelebung war.

Die aktuell einzige verfügbare Publikation zum philippinischen Kino ist Brian L. Yeatters "Cinema of the Philippines: A History and Filmography, 1897-2005". Zwar setzt der Autor etwas seltsame Prioritäten (vor allem auf Klatschgeschichten und sehr ausführliche Inhaltsangaben), das Buch gibt aber trotzalledem einen guten, ersten Überblick über Filmgeschichte, Starsystem und Filmpolitik der Philippinen. 

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