Perspektive Deutsches Kino 2013

Das junge deutsche Kino zeigt sich durchaus experimentierfreudig und richtet sich vor allem an der Schnittstelle von Dokumentar- und Spielfilm ein.

Silvi 02

Will man Schneisen schlagen in das diesjährige Programm der Perspektive Deutsches Kino, so fällt produktionsästhetisch zunächst einmal die verhältnismäßig hohe Anzahl an unabhängig finanzierten Werken auf. Mit Sven Halfar, Sebastian Fritzsch und Nico Sommer haben gleich drei Regisseure ihre Langfilme unabhängig von Fernsehgeldern und Fördermitteln realisiert. Wie es dazu kam und was das bedeutet, darüber sprechen die drei im Rahmen der Reihe „Made in Germany – Reden über Film“ am 12. Februar mit Sektionsleiterin Linda Söffker. Eine größere ästhetische Freiheit folgt daraus allemal, die vor allem Sommer mit seinem spielerischen, aber inszenatorisch sicheren Mix aus dokumentarischen und fiktionalen Versatzstücken nutzt. Sein gelungenes Charakterdrama Silvi sticht heraus. Am (nichtigen?) Grenzverlauf von dokumentarischen und fiktionalen Darstellungsmodi arbeiten sich außerdem noch zwei andere Produktionen ab (Zwei Mütter, Die Wiedergänger). Als stilistisches Mittel wirkt sich das, in durchaus sehr unterschiedlicher Weise, vor allem auf die emotionale Mobilisierung des Zuschauers aus, bringt aber nicht zwingend einen besonderen Mehrwert mit sich. Obgleich es insgesamt zu mehr formalen Experimenten kommt, gibt es gattungstechnisch keine großen Überraschungen: die favorisierte Form ist das Beziehungs- bzw. Familiendrama, auf der Leinwand wird viel gelitten, im Kinosaal wenig gelacht. Dem Kammerspielartigen, das nicht allein den Produktionsverhältnissen geschuldet sein kann – wenige, hermetische Räume, ein konstantes Figurenkabinett, unzählige Nah- und Großaufnahmen, wenig Mimik, viel Gestik – steht die motivische Faszination für den Wald gegenüber: ob als Ort des Rückzugs (Die Wiedergänger) oder der Befreiung (Freier Fall), als existenzialistische Bühne oder auch ästhetisiertes Natursymbol für die Kraft des (Über-)Lebens (Endzeit, Metamorphosen).

Dead 01

Halfars DeAD (2012) ist eine in leider kaum ausgereizter Tarantino-Manier  mit Anleihen aus dem B-Picture-Kosmos arbeitende Rachegeschichte. Der gewaltbereite Rockabilly-Gangster Patrick (Tilman Strauß) lädt sich zusammen mit seinem Buddy Elmer (Niklas Kohrt) auf dem 60. Geburtstag seines Vaters ein, der bisher nichts von ihm wusste und den er für den Selbstmord seiner Mutter verantwortlich macht. Das Ziel: die Party crashen, aber so richtig. Was anfangs als trashig überzogener Pulp beginnt und sich an der Ladentheke der Genregeschichte mit reichlich Western und Roadmovie eindeckt, kippt dann recht unverhofft in ein klassisches Kammerspiel mit reichlich skurrilem Figurenkabinett. Das allmähliche Degenerieren der versammelten Patchwork-Familie ist gut entwickelt, so richtig was traut sich DeAD aber dann doch nicht. Das überzeichnet Comichafte des Beginns wird nicht eingelöst, insgesamt wirkt der eigentliche Exzess im und ums Haus doch recht brav, kalkuliert und in der Länge verwässert. Das Rigorose des Soundtracks – immer wieder werden akustische Genreversatzstücke des Westerns und Popsongs offensiv eingesetzt – hätte man sich auch auf Bild- und Handlungsebene gewünscht. Stattdessen drückt der Film auf die Bremse und scheint es sich fast noch einmal anders überlegen zu wollen: Für Alltagshorror à la Hanekes Funny Games ist es jedoch zu spät: Die Posen sind etabliert, der Film weit entfernt von einem dafür nötigen subtilen Naturalismus.

Endzeit 02

Radikal existenzialistisch geht es im Filmdebüt des Essener Künstlers Sebastian Fritzsch zu. Endzeit (2012) wurde in den Kärntner Bergen gedreht und erzählt von einer nicht näher bestimmten Region, deren städtische Zivilisation nach einem verheerenden Meteoriteneinschlag völlig ausgelöscht ist. Einige wenige Überlebende schlagen sich zumeist auf eigene Faust in den Wäldern durch. Die entschleunigte Narration nimmt in wackligen Handkamerabildern das Schicksal der Hauptfigur (Anne von Keller), einer Art erwachsenen Ronja Räubertochter, in den Blick. Auf der Suche nach Nahrung und einem trockenen und sicheren Schlafplatz trifft sie in einer verlassenen Hütte auf einen attraktiven Leidensgenossen (Alexander Merbeth), mit dem sie sich nach anfänglichem Zögern verbündet. Nach und nach werden etwas schematisch weitere Figuren eingeführt und die Handlung in einen alten Hof verlegt, um die Problematik um schicksalhafte Abhängigkeiten und latentes Misstrauen in einer Extremsituation am Leben zu erhalten. Seine Laufzeit von immerhin 90 Minuten rechtfertigt der Film so nur bedingt.

Wiedergaenger 01

Das wohl sperrigste Werk im Programm präsentiert Andreas Bolm mit Die Wiedergänger (2012). Der ohne Dialog auskommende Film verfolgt in fragmentiert-dokumentarischen Bildern das (zugegeben scheinbar ziemlich seichte) Leben eines älteren Paares, das abgeschieden in einem heruntergekommenen Landhaus im Wald wohnt. Rumsitzen, rauchen, etwas handwerkeln. Dieses Nicht-Geschehen wird mit einem weiteren Erzählstrang verwoben: Ein Junge läuft durch Wald und Felder, baut sich eine Höhle, nähert sich dem Haus. Radiomeldungen berichten von verseuchtem Gemüse, dann wieder nimmt der Zuschauer an einer improvisierten Bandsession mitten im Wald teil. Plötzlich bricht die Inszenierung auf, das Paar macht einen Ausflug in die unendliche Weite des Wattmeers. Zusammenhänge bleiben narrativ äußerst implizit: Ist der Junge  ein Eindringling? Oder tatsächlich ein Wiedergänger, eine Geistererscheinung aus der nordischen und slawischen Mythologie? Ein Off-Kommentar erzählt uns die Geschichte eines Verlustes. Ist er der verlorene Sohn oder dessen Mörder? Die Wiedergänger geht suggestiv vor, will Grenzen der Fiktion ausloten und Imaginationsräume öffnen, gibt sich dabei aber selbst – auch durch eine etwas unausgewogene Bildsprache – immer einen Tick zu wenig preis. Ein überaus persönlicher Film.

Chiralia 01

Der zusammen mit Die Wiedergänger programmierte Kurzfilm Chiralia (2012) ist ein filmisches Möbiusband, eine Narration im endlosen Wechsel zwischen einer, wenn man so will, mehr inneren und einer mehr äußeren Fiktion. Lange fahrende oder schwenkende Einstellungen sind betont stringent und eindimensional montiert, nehmen in sich aber schon die Bewegung des ganzen Films vorweg: Immer wieder holen sie sich durch ungeschnittene Kreisbewegungen selbst wieder ein, nehmen das Motiv ihres Beginns erneut in den Blick. Ein Junge geht mit seinem Vater im See schwimmen, taucht und ist plötzlich verschwunden. Die Bewohner des Waldcampingplatzes verständigen die Polizei, einige beginnen die Suche. Ein junges Paar zeltet etwas abseits, unaufgeregt wird das Abendessen zubereitet. Alles bleibt im Fluss, doch die Erzählung schweift ab, vernäht sich selbst mit der nie bildlich werdenden Erinnerungsebene des jungen Mannes. Der See wird auch für eine ältere Dame zur Projektionsfläche, bleibt gleichzeitig aber auch konkret. Sie geht schwimmen, und auf einmal beißt sich der Film selbst in den Schwanz: Am Ufer steht der kleine Junge und geht mit seinem Vater im See schwimmen.

Metamorphosen 01

In der (reinen) Dokumentarfilm-Sektion sticht Sebastian Mez’ erschütterndes Werk Metamorphosen (2012) über die skandalträchtigen Vorkommnisse rund um ein radioaktiv stark verseuchtes Gebiet im russischen Südural klar heraus (siehe Kritik). Völlig gegensätzlich, in äußerst stumpfer deutscher TV-Manier präsentieren sich die anderen beiden Produktionen. Thematisch durchaus nicht uninteressant und mit einigen selten gesehenen Archivaufnahmen – beeindruckend die historischen Bilder eines aufbegehrenden Leipzig kurz vor der Wende – wartet Einzelkämpfer (2013) auf: visueller Geschichtsunterricht über das Sportsystem in der DDR, mit einer vor allem gegen Ende hin nicht zu unterschätzenden Dramaturgie. Die in Deutschland zumeist überstrapazierte persönliche Betroffenheitsbeziehung zum Stoff bleibt auch hier nicht aus – die Filmemacherin war in den 80er Jahren selbst Turmspringerin im ehemaligen Osten. Auf eine unangenehme Spitze getrieben mutiert dieses Ineinandergreifen von persönlicher und filmischer Geschichte in Die mit dem Bauch tanzen (2013) dann zu einem regelrechten Selbstfindungstrip. Eine junge Frau begleitet mit ihrer Kamera und einem naiven und auch formal indiskutablem Off-Kommentar ihre Mutter und deren Freundinnen aus der gemeinsamen Bauchtanzgruppe. Der generationenübergreifende Blick will um die großen Themen des Lebens in deren Alltäglichkeit kreisen, wirkt aber zu jedem Zeitpunkt arg konstruiert, abgedroschen und formal unbeholfen.

Kommentare zu „Perspektive Deutsches Kino 2013“


Stefan

Die Wiedergänger wurden noch zu positiv besprochen - der Film ist eine Zumutung. Die Bilder stehen in keinerlei Zusammenhang zur intendierten Erzählung und die Szenen wirken beliebig. So sollte Kino nicht sein.






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