Karlovy Vary 2013: Kurzkritiken (1)

Bezahlter Sex zur Selbstfindung in Concusssions Suburbia, genuschelte Liebe im Kurhotel von Love Steaks und freundliche Abiturienten der Class of ’09 im quebecischen Irgendwo.

Concussion von Stacie Passon

Concussion 01

Stacie Passons Debüt ist ein US-Independent-Film der unaufgeregten Sorte. Concussion tritt den Beweis an, dass die filmischen Probleme und Sehnsüchte von lesbischen Frauen Mitte vierzig vergleichbar sind mit denen von heterosexuellen in den vielen Reife-Frau-findet-zu-sich-Dramen. Abby (Robin Weigert) ist die perfekte Mutter für ihre beiden Kinder, was an den Wäschebergen abzulesen ist, die sie zu Hause faltet, während ihre Frau in der Anwaltskanzlei sitzt – und daran, dass sie es kein einziges Mal verpasst hat, Tochter und Sohn von der Schule abzuholen. Im Laufe ihrer bald angetretenen Sexabenteuer muss das dann natürlich einmal passieren. Interessant an der Klischee-Kiste, die Passon unangestrengt auspackt, ist vor allem, wie die Regisseurin und Drehbuchautorin alles in Fragen der Vermarktung und des Konsums übersetzt: Die Selbstverwirklichung von Abby beginnt mit dem Herrichten eines Lofts in der angrenzenden Großstadt zum gewinnbringenden Wiederverkauf; nach ersten Sexkapaden, für die sie zunächst noch aufkommt, macht ihr ein Call-Girl das Angebot, selbst Geld für den Sex zu verlangen. Im Hintergrund steht stets die Frage des persönlichen Herrichtens: Yoga, Pilates, Spinning, Sex. Concussion, der dramatisch beginnt mit einer heftigen Kopfverletzung, ist bald schon angelangt im selbstgenügsamen Bestätigen der amerikanischen Suburbia. Überraschenderweise hinterlässt der Film allerdings weniger fahlen Beigeschmack als die schlichte Erkenntnis seines besonderen Blickwinkels. Passon macht keinen Hehl aus ihren eigenen Ambitionen und denen ihrer Figuren. Die Gehirnerschütterung ist vorbei, der Konsum geht weiter.

Love Steaks von Jakob Lass

Love Steaks 01

Liebe im Kurhotel: Sein Setting teilt Love Steaks mit vielen Fernsehfilmen, die in der Kur ein Heils- und Wohlfühlversprechen sehen. Jakob Lass siedelt dort ein Liebesdrama an, das sowohl vom Problem- wie vom Coming-of-Age-Film Momente entlehnt. Alkoholismus und Schüchternheit: Lara (Lana Cooper) und Clemens (Franz Rogowski) müssen beide an sich arbeiten, und gemeinsam ist man ja stärker. Rastlosigkeit sucht die Kamera zu evozieren, zwischen sehr nah und weit wechselnd, oft bewegt und fast immer ohne Zentrum. Selbst das Zögern und Zaudern von Clemens führen nie zu Momenten der Kontemplation – dafür ist der Blick zu unsicher. Vielmehr übernimmt der Film die Schüchternheit seiner Figur als Perspektive und schaut nie genau hin, lieber knapp daneben. Leichtigkeit suggerieren der Pop/Rock-Soundtrack mit Geschrammel und die Story, die sich um pubertäre Probleme der ersten Liebe und der sexuellen Erkundung dreht. Dass Love Steaks keinen nennenswerten Plot hat, keinen Strang und auch keine Gerichtetheit, das kann man für und gegen ihn auslegen. Als Momentaufnahme fehlt dem Drama leider das Interesse für Schauplatz und Figuren, eher noch eignet es sich als diffuse Projektionsfläche von Teenage-Angst. Das ist vor allem dem Spiel der beiden Hauptdarsteller zu verdanken, die hier sinnlich und eigen sein dürfen, ohne dafür Offenheit einzubüßen. Trotz des Gemurmels von Rogowski reiht sich Jakob Lass dabei nicht in das von seinem Bruder Tom bespielte German Mumblecore ein, dafür wandelt er doch zu nahe an der Grenze zum Kurhotelfilm.

Class of ’09 (Finissant(e)s) von Rafaël Ouellet

Class of 09 01

Der Quebecer Rafaël Ouellet hatte 2012 in Karlovy Vary eine Independentproduktion mittleren Budgets vorgestellt, das Familiendrama Camion. 2013 nun hat er einen älteren Film mitgebracht: die im Sommer 2009 entstandene, aber erst kürzlich fertiggestellte Doku-Fiktion Class of ’09. Ouellet hat in seinem Heimatdorf eine recht große Anzahl von Abiturienten gefilmt, um einen Moment des Übergangs einzufangen – den Augenblick kurz vor Verlassen des Nestes. Abgesehen von einigen offensichtlich fiktionalisierten, weil stark dramatisierten Szenen besteht der Film zum allergrößten Teil aus  langsamem Alltag. Ouellet beginnt mit dem Abschlussball und lässt die Jugendlichen sich dann gegenseitig filmen und zu ihrer Zukunft befragen. Das Ergebnis dieses Experiments wirkt unheimlich irritierend. Ouellet transportiert auf effektive Weise ein ambivalentes Gefühl von Heimat, das für die Jugendlichen aber auch stets mit der Leere ihres Dorfes verbunden ist, in dem fast nichts passiert. Als Außenstehender sind vor allem die in Großaufnahmen gerahmten Gesichter interessant zu beobachten. Sie verweisen auf eine zwar medial vermittelte, dennoch sehr fremde Wirklichkeit einer quebecischen – das heißt US-amerikanisch und frankophon geprägten – Gemeinde. Die Jungen und Mädchen sind umwerfend freundlich, aufgeschlossen und einander wohlgesinnt – meilenweit entfernt sind die Bösartigkeiten der US-Highschool-Filme. Gleichzeitig sind sie noch im Werden, in ihren Erzählungen spiegelt sich stets das Potenzial einer im Aufbruch begriffenen Jugend. Sie berichten von Träumen und Zielen, in aller Bescheidenheit. Ouellet rahmt diese schlichten Berichte durch zwei tragische Vorkommnisse, fügt ihnen eine pessimistisch-realistische Note hinzu, die die Hoffnungen umso stärker in den Vordergrund treten lässt.

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