Horror von unten – Zum Tod von George A. Romero

Der moderne Zombiemythos geht ganz allein auf ihn zurück. Statt sich jedoch eine goldene Nase in Hollywood zu verdienen, kämpfte der Regisseur mit der Finanzierung seiner Filme und reizte die Toleranz seiner Fans aus. Um mangelnde Sympathie musste er sich trotzdem keine Sorgen machen. Ein Nachruf.

Martin

Die Scherze, dass George A. Romero bald als Untoter wiederkehren werde, ließen nicht lange auf sich warten, nachdem am 16. Juli 2017 die Nachricht von seinem Tod die Runde gemacht hatte: Sie verdeutlichten noch einmal, welche eminente (pop-)kulturelle Bedeutung der Filmemacher zu Lebzeiten erlangt hat. Man muss sich das wirklich vor Augen führen: Der moderne Zombiemythos geht ganz allein auf ihn und seinen Die Nacht der lebenden Toten (Night of the Living Dead, 1969) zurück. Immer, wenn in Film oder Fernsehen, in Comics, Romanen, Computerspielen oder auf Plattencovers Zombies abgebildet werden, dann verdanken wir das jenem Mann, der die geniale Idee hatte, eine Spukgestalt aus dem karibischen Raum einer Modernisierung zu unterziehen. Ob er damals ahnte, was er da lostrat – dass er dabei war, einen Archetyp neu zu erfinden? Nur die Allerwenigsten können sich mit einer ähnlichen Großtat rühmen. Und demnach ist es auch kein Wunder, dass Romero wie nur ganz wenige andere Filmemacher mit dieser Schöpfung verbunden wird – besonders natürlich unter Freunden des fantastischen Films, die Zombie (Dawn of the Dead, 1978) mittlerweile in- und auswendig kennen.

Schausteller und Untergangsvisionen

Knightriders 1

George A. Romero hatte keine durchschnittliche Karriere. Andere wären nach dem Riesenerfolg von Dawn of the Dead dem Ruf Hollywoods gefolgt und hätten sich eine goldene Nase verdient, aber Romero ging einen anderen Weg. Er drehte Knightriders – Ritter auf heißen Öfen (Knightriders, 1981), einen (wunderbaren) kleinen Film über eine Gruppe von Schaustellern, die Ritterspiele auf Motorrädern veranstalten. Das Werk verfehlte zielsicher sein Publikum und verprellte die Fans, die sich auf ein weiteres Splatter-Spektakel gefreut hatten. Die unheimlich verrückte Geisterstunde (Creepshow, 1982) darf man als Versuch einer Wiedergutmachung werten, aber der Regisseur trat dabei in der Wahrnehmung hinter den Autor Stephen King zurück, der die Vorlage geliefert hatte. Zombie 2 – Das letzte Kapitel (Day of the Dead, 1985) entwickelte sich zum Albtraum, denn niemand wollte die Umsetzung von Romeros aufwändigem Script finanzieren. Der Film entstand in abgespeckter Version als Low-Budget-Produktion, die an der Kasse unterging. Der grimmigen Untergangsvision einer Menschheit, die es einfach nicht versteht zusammenzuarbeiten, wollte sich in einer Zeit, in der man täglich Angst vor dem Ausbruch des Dritten Weltkriegs oder dem Super-GAU hatte, niemand aussetzen. Romero arbeitete danach regelmäßig im Horrorgenre, ohne noch einmal an alte Erfolge anzuknüpfen oder gar etwas annähernd Einflussreiches zu schaffen. Sein schöner Film Land of the Dead (2005), den er nach fünfjähriger Schaffenspause als Fortsetzung seiner großen Erfolgsreihe drehte, ließ noch einmal aufmerken, konnte mit kleinen Abstrichen an den Geist von Dawn of the Dead oder Day of the Dead anknüpfen. Vielleicht hätte er es dabei bewenden lassen sollen, denn Diary of the Dead (2007) und Survival of the Dead (2009) wirken zerfahren, improvisiert, unüberlegt und müde.

Haltung der Empathie

Day of the Dead

Interessant ist, dass Romero nie wirklich in Ungnade gefallen ist, wie das anderen (Genre-)Filmemachern passiert, denen es nicht mehr gelingt, die Klasse ihrer Meisterwerke zu erreichen – ich denke da etwa an Tobe Hooper oder Dario Argento. Das mag daran liegen, dass Romero bis zum Ende seiner Karriere ein gewisses Niveau halten und außerdem zwei absolut unantastbare Meilensteine vorweisen konnte. Man erfindet den Zombie nicht zweimal. Ich glaube aber, dass die uneingeschränkte Sympathie, die man Romero immer entgegenbrachte, vor allem daher rührt, dass er mit seinen Zombiefilmen – aber auch mit Crazies (The Crazies, 1973) und Martin (1978) – Horrorkino „von unten“ gemacht hat. Er war, prosaisch gesprochen, „einer von uns“, kein entrückter Künstler oder herablassender Intellektueller, der aus seinem Elfenbeinturm auf das Fußvolk hinabschaute. Die messerscharfe Kritik am Materialismus des Mittelstands konnte Romero sich erlauben, weil er sich mit den Schwächsten solidarisierte, seinen eher durchschnittlichen Helden auch im Moment ihres größten Versagens nie die Freundschaft aufkündigte und auch dem schlimmsten Schurken diesen Tod niemals gönnte: von gierigen, halbverwesten Zombies zerrissen zu werden. Die Menschen sollten lernen, miteinander zu leben, anstatt sich gegenseitig zu zerfleischen. Darin ist sich Romero seine ganze Karriere lang treu geblieben, auch wenn das Niveau seiner Filme Schwankungen unterworfen war. Es ist eine Haltung, die wir heute gut gebrauchen könnten, wo sich überall genau jene Fronten errichten, an denen die Protagonisten von Romeros Zombiefilmen zerbrechen. Aber er hat ja alles gesagt, seine Filme sind da, werden bleiben. Er muss nicht von den Toten zurückkehren, er hat genug getan. Rest in Peace, George.

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