Hachimiri Madness – Schmalfilm ohne Grenzen

Ein von ökonomischen Zwängen befreites Experimentierfeld. Das Forum widmet sich dem japanischen 8mm-Film der 1970er und 80er Jahre und zeigt dabei junge Regisseure wie Sogo Ishii, Shinya Tsukamoto und Sion Sono, die sich gegen eine normierte Gesellschaft auflehnen.

I am Sion Sono 01

Es gibt nur wenige Filme, die den unerschöpflichen Tatendrang eines angehenden Regisseurs so eindringlich vor Augen führen wie das Frühwerk von Sion Sono. Bereits als Student tobte er sich mit 8mm-Projekten aus, die vor ungebändigter Energie nur so strotzen. I am Sion Sono! (1985) etwa wirkt zunächst noch wie ein intimer Tagebuchfilm, mit dem der Regisseur sich der Öffentlichkeit vorstellt, erweist sich aber schon bald als radikaler Befreiungsschlag. Nachdem Sono mit grotesk verstellter Stimme ein Mädchen belästigt hat, rennt er wie von der Tarantel gestochen durch die Straßen. Die Kamera wackelt dabei so stark, dass man kaum noch etwas erkennt, und die hoffnungslos übersteuerte Tonspur dröhnt infernalisch in den Ohren. Der Film ist ein Angriff auf die Erzählkonventionen des Kinos, aber auch von der Weigerung durchsetzt, sich in eine Gesellschaft einzufügen, die ihren Freiheitsdrang unterdrückt und sich stattdessen in eiserner Disziplin übt.

Experimentierlust und Geltungsdrang

A Man s Flower Road

Sonos erster Langfilm A Man’s Flower Road (Otoko no hanamichi, 1986) ist im Grunde genommen die noch zügellosere Version seines Vorgängers. Wieder spielt der Regisseur darin die Hauptrolle, läuft die meiste Zeit nackt und schreiend durch die Gegend, kämpft gegen Altersgenossen in billigen Koboldkostümen und leidet unter einer unerfüllten Liebe. Auch dieser Film kennt kein Ziel, ja noch nicht einmal eine vorgegebene Richtung, er prescht einfach ohne Rücksicht auf Verluste drauflos – und wartet, was passiert. Sonos Geltungsdrang kann einem wahnsinnig auf die Nerven gehen, aber seine Atemlosigkeit und sein Zwang, sich über das Medium Film auszudrücken, wirken zweifellos auch faszinierend.

Saint Terrorism 01

Beide Filme sind im Rahmen der Reihe Hachimiri Madness zu sehen, mit der das Forum seine Tradition fortsetzt, sich während der Berlinale auf einen Regisseur oder ein Kapitel der japanischen Filmgeschichte zu konzentrieren. Diesmal stehen 8mm-Filme der 1970er und 80er Jahre im Mittelpunkt, die eine billig produzierbare, von ökonomischen Zwängen befreite Alternative zum bestehenden Kino boten. Der Retrospektive geht es dabei vor allem um die ersten filmischen Gehversuche von Regisseuren, die es später einmal zu größerer Bekanntheit bringen sollten. Neben Sono sind auch Sogo Ishii, Shinya Tsukaomoto, Nobuhiro Suwa und Shinobu Yaguchi vertreten. Die Liste der Protagonisten dieser Szene ließe sich problemlos fortsetzen, teilweise auch mit mindestens genauso interessanten Filmemachern wie Shinji Aoyama, Yoshihiko Matsui oder Kiyoshi Kurosawa. Aber um einen umfassenden Überblick geht es Hachimiri Madness nicht, eher um einen repräsentativen Ausschnitt, der zeigt, wie bedeutend das damals ursprünglich für den privaten Bereich entstandene Schmalfilmformat für eine bestimmte Generation japanischer Regisseure war. Und das gelingt dem Programm auch. Es zeichnet das vielschichtige Bild eines Kinos, in dem einerseits schon die charakteristischen Stile der Regisseure angelegt sind, das andererseits aber auch noch Experimentierfeld ist.

Spielerische Selbstreflexivität und recycelte Posen

Hanasareru Gang

Mitunter haben die Filme starke Ideen, leiden aber darunter, mit Nachdruck beweisen zu müssen, was sie schon alles können. Ein gutes Beispiel dafür ist Nobuhiro Suwas Hanasareru Gang (1984) – eine Art Meta-Remake von Godards Außer Atem (À bout de souffle, 1959), das letztlich von seinen eigenen Ambitionen erdrückt wird. Wenn der Film mit Probeaufnahmen der Schauspieler beginnt, die über ihre Rollen sprechen, schwebt zunächst noch eine spielerische Selbstreflexivität in der Luft. Wenn Suwa jedoch die Liebesgeschichte zwischen einem Mädchen und einem gehörlosen Gangster immer wieder mit möglichen Handlungsvariationen unterbricht, verhindert er auch, dass man sich überhaupt einmal auf seinen Film einlassen kann. Am Schluss macht sich das Gefühl breit, dass von dem Geschehen auf der Leinwand nur die recycelten Posen der Nouvelle Vague und eine bockige Verweigerungshaltung gegenüber dem Publikum bleiben.

Isolation of 1880000

Da lässt sich Sogo Ishii mit seinem tollen Isolation of 1/880000 (Hachijyu-Hachi-Man Bun no Ichi no Kodoku, 1978) schon mehr auf seine Handlung ein. Mit leichtem Sarkasmus, aber auch zärtlicher Einfühlsamkeit erzählt er von der emotionalen Verwahrlosung eines Nerds. Schon die dicke Brille und der Klumpfuß isolieren den Protagonisten von seiner Umgebung. Die Unfähigkeit, zwischenmenschliche Kontakte einzugehen, tut ihr Übriges. Wenn er nicht gerade für die Aufnahmeprüfung an der Uni büffelt, beobachtet Teramitsu heimlich seine attraktive Nachbarin oder klammert sich an kurze Begegnungen mit alten Klassenkameraden, die ihn an eine Zeit vor der totalen Einsamkeit erinnern. In vielen Filmen der Reihe sind es junge Menschen, die versuchen, sich gegen den Leistungsdruck und die Gleichförmigkeit der japanischen Gesellschaft aufzulehnen.Der Anti-Held aus Isolation of 1/880000 hat diesen Kampf schon von Anfang an verloren.

Die unbedingte Bereitschaft zu träumen

The Adventure of Denchu-Kozo

Auch in späteren Filmen sollte sich Ishii ein Faible für gesellschaftliche Randfiguren bewahren. Er drehte Filme über rebellierende Biker, jugendliche Delinquenten oder Punkbands wie The Stalin und die Einstürzenden Neubauten. Die wilde Montage, der Einsatz von Zeitraffer, die postapokalyptischen Settings sowie die Faszination für körperliche Transformationen nehmen auch in mehrfacher Hinsicht das Kino von Shinya Tsukamoto vorweg – der im Forum mit seinem Science-Fiction-Film The Adventure of Denchu-Kozo (Denchu Kozo no boken, 1988) vertreten ist. Doch auch im Hinblick auf ähnliche künstlerische Vorstellungen, die zu verschiedenen Karrierewegen führen, ist der Vergleich zwischen den beiden Regisseuren aufschlussreich. Während Ishii nämlich schon frühe Langfilme wie den ruppigen Crazy Thunder Road (Kuruizaki sanda rodo, 1980) für das Riesen-Studio Toei drehte, ist Shinya Tsukamoto mit seiner Produktionsfirma Kaijyu Theater trotz großer Publikumsreichweite bis heute ein unabhängiger Filmemacher geblieben.

Unk 01

Noch entschiedener als Ishii und Tsukamoto wendet sich Macoto Tezuka – Sohn des Astro-Boy-Erfinders Osamu Tezuka – dem populären Film zu. Schon sein kurzer Horrorfilm High-School-Terror (1979) ist ein bemerkenswerter Bastard aus Genre-Motiven und experimenteller Ästhetik. Geradezu meisterhaft ist jedoch Tezukas UNK (1979); eine mit liebevoll gestalteten Miniaturbauten und beeindruckenden Special Effects versehene Hommage an Steven Spielbergs Unheimliche Begegnung der dritten Art (Close Encounters of the Third Kind, 1977). Den eher persönlichen und realistischen Ansätzen vieler seiner Kollegen setzt Tezuka die unbedingte Bereitschaft zum Träumen entgegen. Spätestens wenn man diesen aufgeregt flackernden und bunt schimmernden Bilderrausch erlebt hat, begreift man, welches Potenzial im 8mm-Format steckt. Leider erzählt Hachimiri Madness von einem Material, dass letztlich nicht zu sehen sein wird. Denn aufgrund seiner Zerbrechlichkeit werden alle Filme in Berlin nur in digitalisierter Form gezeigt.

Kommentare zu „Hachimiri Madness – Schmalfilm ohne Grenzen“

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