Götz Spielmann – Emotionale Eruptionen am Rande des Genres

Das Heimspiel Filmfest widmet dem österreichischen Regisseur Götz Spielmann eine Werkschau. Eine lohnenswerte Unternehmung, wie ein Blick auf seine Filme verrät.

Revanche

Die Gefühle beherrschen uns. Fortwährend, doch immer hintergründig und diffus. Schwierig ist es, dieses Regiment der Emotionen zu vergegenwärtigen. Eine Aufgabe für das Kino. Der österreichische Filmemacher Götz Spielmann hat sich mit seinem Werk dieser Herausforderung angenommen. Es sind Erkundungstouren durch die wahre Komplexität dieses menschlichen Faszinosums, Reflexionen über die Auswüchse dieser mächtigen unbewussten Maschinerie. Das Emotionale, sagt Spielmann in einem Interview, interessiere ihn mehr als die Gedanken des Menschen, die sich nur allzu leicht zügeln ließen und Ordnung schaffen können. Gefühle hingegen brächen herauf, seien unkontrollierbar und zeugten deshalb von einer viel größeren Lebendigkeit. Seine Geschichten legen uns genau das nahe: Eine Zähmung der Emotionen kommt nicht in Frage, Spielmann lässt sie hervorschießen wie Projektile und aufprallen mit einer Wucht, die tiefe Gräben hinterlässt.

Erwin and Julia

Früh schon zeichnen sich wiederkehrende thematische Grundlinien in seinem Schaffen ab. Mit dem Abschlussfilm Vergiss Sneider! absolviert er 1986 das Regie- und Drehbuchstudium an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien, auf der auch Jessica Hausner, Barbara Albert oder Ulrich Seidl ihr Handwerk lernten. Sein erster Langfilm ist eine absurde Farce, die zumindest in ästhetischer Hinsicht singulär im Werk des Regisseurs steht. Eine Handvoll Personen lebt abgeschottet in einer bürgerlichen Wohnung. Dass die Welt, wie man sie kennt, so nicht mehr zu existieren scheint, wissen Figuren und Zuschauer nur dank des ständig strafenden, in lächerlichem Stechschritt umherschreitenden Ernährers der Gruppe im Schutzanzug, dessen akkurates Standarddeutsch durchaus Assoziationen zulässt. Ein diktatorisches Dispositiv, Isolation und affektgesteuertes Handeln vereinen sich hier auf wenigen Quadratmetern.

Spielmann maßt sich gar nicht erst an, von einem großen Übergeordneten zu erzählen. Er lässt uns teilhaben an intimen Geschichten, die dennoch existenzialistische Fragen streifen und Rückschlüsse auf das Menschsein zulassen. Erwin und Julia (1990), Die Fremde (1993) oder Antares (2004), sie alle bleiben Erzählungen im Kleinen, begrenzt auf überschaubare Räume und Figurenkonstellationen. Sexuelles Verlangen, Einsamkeit, Prostitution und Geld sind Motive, die darin stets wiederkehren. Es sind klassische Filmsujets, denen das Affekthafte schon innewohnt. Oftmals in Beziehung zur Bürgerlichkeit gesetzt, am stärksten wohl in Der Nachbar (2003) und Revanche (2009), zirkulieren sie ständig in den um sie herum angeordneten Geschichten.

Fremdland

Man könnte Spielmanns Filme leicht als Sozialdramen missverstehen, immerzu mit dem Moloch Wien im Fokus, doch greift man dabei viel zu kurz. Aus Örtlichkeiten macht sich Spielmann recht wenig. Wo seine Protagonisten herumirren, ist vielleicht nicht gänzlich austauschbar, aber doch variabel. Die Plattenbauzimmer in Antares sind kaum zu unterscheiden, die menschliche Emotion koppelt sich nicht an Wohnräume, sondern bleibt den Figuren inhärent, unabhängig von den Orten, in denen sie sich bewegen. Schon Spielmanns erster Kurzfilm Fremdland (1984), in dem ein kleiner Junge und ein wortkarger Senner für einige Zeit allein in einer abgeschiedenen Berghütte leben, macht dies deutlich. Das idyllische Verließ ist nur ein Exempel, die Sehnsüchte darin universell.

Es ist ein bestimmter filmischer Duktus, der besonders dem österreichischen Film immer wieder zugesprochen wird, bei genauerem Hinsehen für Spielmann aber nicht gilt. Seine Arbeiten sind in erster Linie Narrationen. Vergleiche mit Haneke oder Seidl funktionieren deshalb nicht. Wo Haneke in seinen frühen Filmen Strukturen des Erzählkinos kalkuliert und kritisiert, nur um sich im späteren Werk selbst dieser Strukturen zu bedienen, da scheut sich Spielmanns Kino von Anfang an nie, Genremechanismen zu vereinnahmen. Und wo Seidl seinen giftigen, ausdrücklichen Pessimismus versprüht, da weigert sich Spielmann, die Schicksale seiner Figuren auszustellen und hält seine Geschichten in einem Schwebezustand, der mit schwarzseherischer Unkerei recht wenig zu tun hat. Er ist weder Defätist noch strenger Analytiker, sondern Erzähler.

Der Nachbar

Spielmann, von jeher beeindruckt von Fellini, Bergman oder Tarkovskij, verwehrt sich gar nicht erst einer gewissen Künstlichkeit und filmischen Strukturhaftigkeit. Rudolf Wessely etwa wirkt in Der Nachbar, demjenigen Kinofilm Spielmanns, der sich wohl am stärksten dem Genrehaften beugt, ungemein manieriert. Der Blick durch den Türspion auf das sexuelle Objekt der Begierde oder die Erscheinung des Kleinbürgers sind typische Genreelemente, die der Regisseur hier anwendet. Stark konstruiert sind auch die Einbindungen des Zufälligen und die Überschneidungen der Begebenheiten im Episodenschema von Antares.

Doch Spielmann, der seine Arbeitsweise auch in Fernsehproduktionen wie Die Angst vor der Idylle (1996), einer sehr persönlichen Selbstfindungsgeschichte, beibehält, korrumpiert uns nicht. Ohne Standardmaßstäbe des Mainstreamkinos geltend zu machen, die nur seinem Anspruch der intimen Erzählungen widerlaufen würden, findet er eigene Wege, den Zuschauer mit jähen Ausbrüchen aufgewühlter Gefühlswelten zu konfrontieren. Das Genremäßige in seinen Filmen ist dabei ein konzentriertes Rudiment. Die feine Mechanik, die Spielmann bei seinen Geschichten in Betrieb setzt, ist zwar zu vernehmen, doch arbeitet sie leise, ohne großes Gerattere und dafür umso sauberer. Bei aller schrittweisen Perfektionierung des handwerklichen Geschicks, das er in Zusammenarbeit mit seinem bevorzugten Kameramann Martin Gschlacht leistet und das in Revanche einen Höhepunkt erreicht, bewahrt sich Spielmann eine Aufrichtigkeit gegenüber seinen Protagonisten, die als notwendig für seine Art des Geschichtenerzählens erscheint. Diese Aufrichtigkeit trifft den Zuschauer präzise.

Antares

Und so konsequent wie der Regisseur seine dezidiert gefühlsgetrieben Protagonisten an ihre Abgründe lockt, so wenig findet eine moralische Selbstreflexion statt. Die Unmittelbarkeit und Triebkraft des Affekts ist bei ihm maßgebend, denn hierin liegt das wahre Naturell des Menschen. Spielmanns Geschichten ereignen sich im persönlichsten Raum, doch lassen sie sich zusammenführen zu einem Mosaik allgemein menschlicher Gefühle. Diese Zustände lohnt es zu erkunden.

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