FilmPolska-Festival Berlin 2014: Sehtagebuch

Das FilmPolska-Festival in Berlin zeigt die umfangreichste Schau polnischer Filme außerhalb Polens. Neben einer großen Portion dunkler Vergangenheit gibt es auch überraschend Humorvolles.

Puppe (Papuzsa, Regie: Joanna Kos-Krauze, Krzysztof Krauze, Polen 2013)

Puppe 1

Das polnische Kino ist bekannt für seine schweren Stoffe sowie für Filme, die von einer existenzialistisch-pessimistischen Grundstimmung durchzogen sind. Das beweist auch gleich der Eröffnungsfilm Puppe (Papusza, 2013). Ein biografischer Film in malerischen Schwarz-Weiß-Bildern über die gleichnamige Roma-Poetin, die in Polen vor allem in den 1960er und 70er Jahren nationale Bekanntheit mit ihren Gedichten erlangte. An ihrem Leben versucht das Regisseur-Duo Joanna Kos-Krauze und Krzysztof Krauze in Form von ständigen Zeitsprüngen, die gesamte Leidensgeschichte der polnischen Roma im 20. Jahrhundert abzuhandeln – von deren Verfolgung und Ermordung während des Zweiten Weltkrieges bis hin zur Zwangsansiedelung. Viel zu sehr wird die Hauptfigur auf diese Weise auf den Status ihrer ethnischen Zugehörigkeit reduziert. Die Faszination für ihre Gedichte zu vermitteln gelingt hingegen kaum.

Zwar stellt das Thema Minderheiten einen der Schwerpunkte des diesjährigen FilmPolska dar. Liest man Puppe jedoch als Porträt einer klugen Frau, die von ihrer Gemeinschaft unterdrückt und schließlich ausgestoßen wurde, weil sie gebildet und ihrer Zeit voraus war, gewinnt der Film eine gewisse Universalität, in deren Kontext man ihm durchaus etwas abgewinnen kann.

 

Das Geheimnis (Sekret, Regie: Przemyslaw Wojcieszek, Polen 2013)

Das Geheimnis 1

Mit einer jüdischen Freundin stattet die Drag-Queen Ksawery dem Großvater mehrere Besuche in seinem abgeschiedenen Haus ab. Die Anschuldigung liegt in der Luft, er habe im Zweiten Weltkrieg den jüdischen Eigentümer und dessen Sohn getötet, um es zu seinem Besitz zu machen (ein Thema, das auch im polnischen Film Ida eine Rolle spielt, der aktuell in den Kinos zu sehen ist). Die Dreierkonstellation entwickelt sich zum Kammerspiel. Die Stimmung ist bis zum Zerreißen gespannt. Ständig wechseln gegenseitige Wertschätzung, Misstrauen, Zuneigung, Verzweiflung und Anklage einander ab. Der Großvater ist Lebemann geblieben und Autoritätsperson für den Enkel. Während Ksawery ständig Emotionen artikuliert, schreit, weint, tanzt oder seine Drag-Performances probt, bleibt die jüdische Freundin größtenteils stumm und wirkt unbeteiligt. Sie ist die Personifikation der verdrängten Geschichte, die den Großvater durch ihre Anwesenheit an seine Tat erinnert und Ksawery zum Handeln drängt. Der sitzt zwischen den Stühlen von Vergangenheit und Gegenwart. Das zeigt gleich die erste gemeinsame Einstellung der drei, als er erst vor der Zusammenkunft flüchtet und sich dann auf dem Verandazaun genau zwischen beiden platziert.

Neben dem Kameraveteranen Jacek Petrycki ist der junge polnische Kameramann Jakub Kijowski mit seinen bisher einzigen beiden Produktionen zu Gast beim FilmPolska. Einen Tag zuvor hatte ich bereits das Vergnügen, Schwimmende Wolkenkratzer (der für seinen deutschen Kinostart im Juni den etwas seichten Titel Tiefe Wasser erhalten hat) zu sehen. In Das Geheimnis lässt sich bereits das Talent Kijowskis erkennen, wechselnde Stimmungslagen zu visualisieren. In starren Einstellungen setzt er die Bewegung der Protagonisten bewusst ins Verhältnis zu ihrer Umgebung und beweist dabei ein feines Händchen für Licht- und Farbauswahl. Seine subtile Bildsprache wird jedoch leider übertönt von zu plump eingesetzten Filmtricks wie Solarisation, Jump Cuts und Zeitraffern, die dem Film eine lehrbuchhafte Künstlichkeit verleihen.

 

Das Mädchen aus dem Schrank (Dziewczyna z szafy, Regie: Bodo Kox, Polen 2012)

Das Maedchen aus dem Schrank 1

Der Regisseur Bodo Kox sieht aus wie ein verschollenes Mitglied von ZZ Top und ist eigentlich eine Koryphäe des polnischen Off-Kinos. Beim Publikumsgespräch zusammen mit seiner Hauptdarstellerin Magdalena Różańska entpuppt er sich als genauso humorvoll, kauzig und liebenswert wie die Protagonisten in seiner ersten größeren Spielfilmproduktion Das Mädchen aus dem Schrank. Jacek redet viel und sucht händeringend die Frau fürs Leben. Dem im Weg steht das Zusammenwohnen mit seinem autistischen Bruder Tomek. Der sieht am liebsten Zeppelinen beim Fliegen zu und verliebt sich in die stille, von Phobien geplagte Magda. Die wiederum sitzt tagelang in ihrem Schrank, dessen Rückzug ihr zusammen mit wechselnden Drogen als Pforte zu einem subtropischen Wunderland mit weißem Hasen dient. Wo der Bewegungsradius von Tomek und Magda auf das Mietshaus beschränkt ist, eröffnet ihnen ihre Imagination magische und exotische Welten, die Bodo Kox mit großem Humor und Situationskomik in den Alltag der drei miteinbindet.

Überhaupt wirken die anderen Mitglieder der Hochhausgemeinschaft in ihrer Zusammensetzung aus parodistischen Rollenklischees wie eine polnische Version von Alex de la Iglesias schwarzer Komödie Allein unter Nachbarn (La Comunidad, 2000). Mit einem lachenden Auge zwinkert Kox der Gesellschaftskritik zu, ohne den Respekt für seine Figuren aus den Augen zu verlieren. Da ist die alles bespitzelnde Hausmeisterin, die bekleidet mit Badekittel und Wicklern in den Haaren Kette raucht. Oder der Polizist mit Beschützerkomplex, den sich Magda als Cowboy mit Pferd vorstellt. Das ist das Erfrischende an Das Mädchen aus dem Schrank. Anstatt Tomeks Behinderung als Handicap hervorzuheben, zeigt ihn Kox lediglich als weiteren Bewohner mit skurrilen Angewohnheiten. Sogar de la Iglesias Begeisterung für Hitchcock hat der Regisseur in einer wunderbaren Szene aufgegriffen. Wie in der berühmten Anfangssequenz von Das Fenster zum Hof (Rear Window, 1954) sehen wir mit einem Blick durchs Fenster in die Wohnungen von Magdas und Tomeks Nachbarn, als sie diese mit einem Fernglas beobachten. Aus dem Off hört man passend zu den alltäglichen Szenen einen Kommentar aus verschiedenen Tierfilmen: Eine Ausführung über die Gesellschaft der Ameisen findet ihre visuelle Entsprechung in einer Party, ein Kapitel über das männliche Alpha-Tier begleitet einen prügelnden Familienvater, und zur Fortpflanzung der Affen sehen wir ein dickes, in die Jahre gekommenes Paar beim Sex. Kurz, ein wunderbar verspielter Film über die kleinen Freuden im Leben und ein Loblied auf die menschliche Fantasie.

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