Witching & Bitching

Geschundene Männer in den tödlichen, knöchrigen Fängen der Frauen: Álex de la Iglesia inszeniert den Kampf der Geschlechter als sinnenbetäubendes Gruselkabinett.

Witching and Bitching 01

Witching & Bitching beginnt mit einer absonderlichen kleinen Kulturgeschichte des Bösen, die wie eine wüste Männerfantasie erscheint. Wir kennen die Frauen auf den Porträts, die uns der Vorspann auftischt, doch sie alle wirken entrückt. Leni Riefenstahl, Greta Garbo, Angela Merkel und weitere mächtige Verführerinnen lassen in erhabenen Posen Zwietracht assoziieren, sodass man ihnen, hätte man sie noch nie gesehen, nur Argwohn entgegenbringen könnte. Dazwischen schwebt die Venus von Willendorf durch satanische Zirkel, barocke Illustrationen einer verruchten Damenwelt blitzen auf, auf dem Scheiterhaufen oder nackt auf Besen und Geißböcken reitend. Kurz darauf: Ein silberner Jesus, SpongeBob und Minni Maus überfallen einen Juwelier. Für Freunde der klaren Linie ist es nun Zeit, schleunigst das Weite zu suchen.

Kino der grotesk-überhöhten Albträume

Witching and Bitching 02

Das Schnittfeuerwerk der Überfallsequenz gibt den Takt vor: Das Bildgewitter hat gerade erst angefangen zu wüten, und das hanebüchene Storyknäuel verheddert sich unaufhaltsam. Der Coup der Gaunertruppe um den geschiedenen José (Hugo Silva) verläuft nicht reibungslos. Mit Komplizen und Sohn im Gepäck begibt er sich auf die Flucht Richtung Frankreich. Ein Zwischenstopp im kleinen Städtchen Zugarramurdi erweist sich als fataler Fehler, denn das wird bewohnt von einer Horde männerfressender Hexen, denen die von Liebe und Leben geplagten Männer gerade recht kommen.

So oft schon hat de la Iglesia vorgeführt, dass sein Kino eines der grotesk-überhöhten Albträume ist, der gellenden Töne und der stechenden Bilder, doch vor allem ist es die stete Aktualisierung ganz klassischer mythischer Figuren. Ihre Erfüllung findet diese Erweckung des Sagenhaften in der totalen Hochstilisierung und Evozierung der Affekte, mag der Tonfall auch zwischen schwerer Melancholie (Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod, Balada triste de trompeta, 2010) und trashigem Klamauk (El día de la Bestia, 1995) changieren. Es scheint, als habe der Regisseur jegliches Maß an inszenatorischer Beherrschung dem Teufel einst zum Tausch angeboten.

Überdrehter Schlagabtausch der Geschlechter

Witching and Bitching 07

Sich in de la Igleasias Welt einzufühlen gerät auch in Witching & Bitching zu einer immensen Anstrengung, denn sie ist ein zur Realität hermetisch abgeriegeltes Terrarium des Absurden und Sinnwidrigen, das nur eigene Gesetze kennt und gnadenlos Motive einverleibt. Hexen brauen Zaubertränke, leben in uralten Villen, doch sie bezirzen im Gothic-Look. Sie vollziehen dunkle Rituale und fahren Motorrad. Trotz eindeutiger Einbettung ins Jetzt erscheint alles irgendwie zeitlos, konkrete Räumlichkeiten sind doch ortlos, und Rationalität ist das unerwünschte Haar in dieser undefinierbaren Suppe. Alles Willkür, das Szenario wuchert einfach vor sich hin wie ein Geschwür.

Zugleich will de la Igleasia immer auch kulturelle Befindlichkeiten vermitteln, Medienschelte gehört ebenso in sein eigenwilliges Werk wie Geschichtsreflexion. Doch geht er mit der rohen Kraft eines Schlächters vor, auf eine rabiate, offensive Weise, bei der jegliche Subtilität in Stücke gerissen wird. Witching & Bitching ist nichts anderes als ein überdrehter und vor allem überdeutlich konstruierter Schlagabtausch der Geschlechter, die hier in ständiger Gegenüberstellung ihre Kämpfe ausfechten. Das Anwesen der männermordenden Jägerinnen gestaltet sich dabei als kunterbunte Allegorie des klischeehaft männlichen Blicks auf das undurchschaubare Weibliche. Ein wirres Geflecht aus Fluren und Räumen mit reichlich Pomp, tiefen Abgründen und finsteren Höhlen, durch das die Männer gehetzt oder geschleudert werden und das sie allesamt nur vom Regen in die Traufe führt.

Schaubudenzauber zwischen Splatter, Klamauk und Gangsterfilm

Witching and Bitching 04

Die Frauen sind unbarmherzige, keifende Beißzangen, berechnende Verführerinnen, aber in Raffinesse den Männern weit überlegen. Dagegen besticht der Ganoventrupp durch ein einfach gestricktes Weltbild und Triebhaftigkeit. Zwei skurrile Polizisten sorgen jedoch regelmäßig für Gezicke, und José vermag auch mal mit Hinterlist zu überraschen. Witching & Bitching bedient unaufhörlich die Klischees, um sie gleich darauf ad absurdum zu führen und dann doch wieder zu bestätigen. Das Wechselbad in der Figurenzeichnung macht keinen klaren Standpunkt deutlich, genauso wenig wie es entschiedene Empathien beim Zuschauer hervorrufen möchte. Und spätestens am Schluss, wenn die ultimative Konfrontation mit einer monströsen, geifernden Hexengöttin überstanden ist und die Protagonisten in einer theaterhaften Anordnung einer ganz neu figurierten Logik unterworfen sind, wird klar: Alles auf Anfang, es gibt keine Gewinner, keine Verlierer, keine Antworten. Nur Geschädigte.

Witching and Bitching 08

Das ist auf seltsame Weise charmant und in seiner ungestümen Penetranz gleichermaßen ermüdend wie faszinierend. De la Iglesias plakativer Schaubudenzauber manifestiert sich zwischen den reißerischen Schauwerten des Splatterfilms, dem brachialen Ulk des Klamauks und der saloppen Coolness des Gangsterfilms. Aber mal ehrlich: eine strenge Hand in der Inszenierung, eine zahmere Art des Erzählens, ein diszipliniertes Vorgehen mit Ideen und Stilmitteln hätte uns bei diesem Regisseur wohl mehr befremdet als das tatsächlich Gesehene.

Trailer zu „Witching & Bitching“


Trailer ansehen (2)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.