Filmfest Hamburg 2014: Sehtagebuch (2)

Schwindende Ressourcen, wachsende Städte, Migration und die Angst davor. Wie wollen wir in Zukunft leben? Festivalnotizen zu drei Dokumentarfilmen und den großen Fragen.

Slums- Cities of Tomorrow 01

Manchmal sind Dokumentarfilme wie Horrorfilme. Da verwesen Tierkadaver im Fluss, treiben zwischen Plastikspielzeug, Fast-Food-Müll und den Exkrementen der Stadt (H2O MX). In den Städten wird Wohnraum zum Luxusgut, genauso Elektrizität, sauberes Wasser, Sicherheit (Slums: Cities of Tomorrow). Die Freiheit der Waren ist erwünscht, aber nicht die der Menschen. Flüchtlinge ertrinken, Neofaschisten marschieren, eine Oma sagt hasserfüllt: „Wir wollen keine Ausländer hier!“ (Evaporating Borders). Es werden Grenzen gezogen zwischen Arm und Reich, mächtig und ohnmächtig, der Sonnenseite und der da drüben.

Wenn in H2O MX von José Cohen und Lorenzo Hagerman ein Teil von Mexiko City aus mehreren Kilometern Höhe gezeigt wird, denke ich automatisch, das sieht aus wie Science-Fiction, CGI, am Rechner hergestellt. Ein unendliches Meer kleiner Häuser, manchmal eins bunt gestrichen, dazwischen kein Baum, kein Grün, keine Wasserfläche, nichts, was nicht Häusermeer ist. Die Erde ist kein blauer Planet. Die oben beschriebenen Szenen, die aus westlicher, aus wirtschaftlich, politisch und gesundheitlich recht abgesicherter Perspektive oft wie eine Dystopie ausschauen, irreal und furchteinflößend, sind für die Mehrheit der Menschheit tägliche Realität. Verschiedene politische Dokumentarfilme des diesjährigen Filmfestes Hamburg berichten aus den parallelen Realitäten. Sie alle haben auch mit unserer zu tun – in der Gegenwart und der Zukunft.

 

H2O MX (Regie: Lorenzo Hagerman, José Cohen; Mexiko 2014)

H2O MX 01

22 Millionen Einwohner hat Mexiko City mit der umliegenden Metropolregion, und es werden mehr. Die Stadt liegt in einer abflusslosen Talsenke, von Bergen umgeben, und kämpft mit heftigen Überschwemmungen. Die Regenmassen werden kaum genutzt und wie Abwasser behandelt. Stattdessen importiert die Stadt ihr Trinkwasser mit viel Aufwand und Geld aus der Umgebung und trocknet deren Quellen langsam aus. Große Teile davon versickern außerdem über marode Rohre, genauso hinfällig ist das Kanalisationssystem. Scheiße trifft sauberes Wasser. Scheiße aus Mexiko City transportieren auch die Flüsse aufs Land. Dort düngen die Bauern ihre Felder mit dem Flusswasser, alles wächst so gut. Das angebaute Gemüse geht, frisch verpackt, wieder zurück in die Metropole. Es wird gegessen, ausgeschieden – ein Fäkalkreislauf. Und einer der wandernden Schwermetalle. Die Dorfbewohner nennen den Fluss „Fluss der Rache“. Und es kommt noch schlimmer: Die zäh fließenden Kloaken gebären Schaumberge. Sehr schön anzusehen und sehr kontaminiert. Sie sind aus Industrieabwässern und Haushaltsreinigern, und sie fliegen als kleine Wolken über die Dörfer und Felder, verseuchen alles und alle.

 

Der Fluss ist kein Fluss

H2O MX 02

Der mexikanische Dokumentarfilm H2O MX führt den Kreislauf aus Dreck und Gift vor. Das ist schockierend anzusehen und aufgrund der vielen aufsichtigen Landschaftstotalen auch auf eine perverse Art faszinierend. Der Grad von Erfindungsreichtum und Logistik bei der Beschaffung von kostbarem Wasser ist hoch, die Müllberge, die eine Zivilisation produziert, sind es auch. H2O MX vermittelt die große Perspektive des Wasserproblems, das die Megastadt Mexiko City extrem betrifft, doch auch viele andere Regionen der Welt. Gleichzeitig zeigt der Film, wie das die Menschen im Einzelnen beeinflusst: Er geht in die Dörfer, wo Trinkwasser mit Kanistern auf Eseln herangeschafft werden muss, fährt mit den Müllmännern, die mächtige Fettklumpen aus dem verstopften Gully ziehen, durch die Stadt. Und setzt auf den Funken Hoffnung, den es immer gibt. Denn zwei unermüdliche junge Männer haben es sich zur Aufgabe gemacht, ein von ihnen entwickeltes Regenwasser-Gewinnungssystem in den vergessenen Winkeln der Region zu installieren. Das ist, wenn bisher auch nur im kleinen Stil, ein Modell mit Zukunft. Über die Trinkwasserversorgung von Mexiko City heißt es, sie werde in den nächsten acht bis zehn Jahren zusammenbrechen, wenn sich nichts ändert. Eine Horrorvorstellung.

 

Slums: Cities of Tomorrow (Bidonville: Architectures de la ville future; Regie: Jean-Nicolas Orhon; Kanada 2013)

Slums- Cities of Tomorrow 03

Slums: Cities of Tomorrow beobachtet ein globales Phänomen: das der sich selbst entwickelnden Städte durch Armutsgemeinschaften. Im Dokumentarfilm von Jean-Nicolas Orhon ist Slum kein Negativbegriff, steht nicht für unhaltbare Lebensbedingungen und sozialen Verfall, sondern im Gegenteil für eine Antwort auf den Druck, der entsteht, wenn sich immer mehr Menschen auf immer weniger Raum mit schrumpfenden Ressourcen arrangieren müssen. Slums sind somit nicht das Problem, sondern die Lösung. Obwohl sie unbestritten Probleme haben. Slums: Cities of Tomorrow besucht illegale Siedlungen in Indien, Marokko, Frankreich, New Jersey und Québec und macht mit dieser Auswahl bereits klar, dass das sogenannte Squatting alle Kontinente betrifft und nicht nur fern des Westens in „Entwicklungsländern“ praktiziert wird – jede Stadt und jedes Land entwickelt sich permanent. Bis vor Kurzem gab es sogar einen Mini-Slum mitten in Berlin. Die Not-Gemeinschaften zu zerstören ändert dabei nichts am sozialen Gefälle einer Gesellschaft.

 

Der Slum ist ein Dorf

Slums- Cities of Tomorrow 02

Der Dokumentarfilm konzentriert sich hauptsächlich auf die Strukturen der Selbstorganisation und des kreativen Überlebens in den Slum-Gemeinschaften. Er stellt Bewohnerinnen und Bewohner in den Mittelpunkt, die sich gegenseitig helfen, die ihre Slums zu Dörfern werden lassen und würdevoll zu leben versuchen. Eine Milliarde Squatters gibt es weltweit, auch diese Zahl wächst. Es ist an der Zeit, so argumentiert Jean-Nicolas Orhon, ihre Behausungen als normale urbane Nachbarschaften zu begreifen, die in ihrer Infrastruktur unterstützt werden sollten, anstatt sie wie städtische Schandflecke zu betrachten. Die Hausbesetzer- und Bauwagenidee ist mir nicht fremd, an ihr haftet eher das Aussteigerhafte, vielleicht verbunden mit politischem Aktivismus. Aber das Notkonzept Slum einmal als Utopie zu denken, das ist mir neu. Dadurch wird Slums: Cities of Tomorrow so spannend. In dieser Perspektive steckt sogar eine Hoffnung: die der (wenn auch erzwungenen) Wiederkehr des sozialen Denkens und Zusammenlebens im Gegensatz zur Anbetung des Individuellen, das möglichst viele Ressourcen konsumiert und sich vor all den anderen ins Private flüchtet. Science-Fiction?

 

Evaporating Borders (Regie: Iva Radivojevic; USA 2014)

Evaporating Borders 01

Wie es denen ergeht, die ihr Haus und ihr Land aus der Not heraus verlassen, können wir täglich verfolgen. Evaporating Borders von Iva Radivojevic nähert sich dem Thema der europäischen Flüchtlingspolitik über das Beispiel Zypern. Die geteilte Insel ist Anlaufstelle für viele Flüchtende; in der immer schon sehr heterogenen Gesellschaft kommt es zunehmend zu Spannungen, die neofaschistische Gruppen für sich nutzen. Die Regisseurin selbst ist während des Jugoslawien-Krieges nach Zypern emigriert. Ihr Dokumentarfilm hat eine stark essayistische Form: In sechs Kapiteln vermittelt ein Voice-over Radivojevics Gedanken zu ihrer neuen Heimat und Identität. Die Kamera fängt viele, oftmals zu beliebige Straßenszenen, Details und Alltagsbeobachtungen ein. Sie scheint auf der Suche, so wie die Regisseurin sich Fragen stellt und noch zu keinen Antworten gekommen ist. Dazu trifft Evaporating Borders Menschen, die einen Einblick in ihr Leben als Asylsuchende, Arbeitsuchende, Geflüchtete, aber nicht Angekommene gewähren. Immer wieder erinnert die Stimme aus dem Off an jene der Unzähligen, die gerade wieder im Mittelmeer gestorben sind. Am Ende treffen die neuen Rechten, die in ihren schwarzen Shirts „Ausländer raus!“ brüllen, auf jene, die für Menschenrechte einstehen wollen.

 

Der Film ist eine Tür

Evaporating Borders 02

Wie also wollen wir leben? In Angst, Abschottung und Sicherheit, in einer Welt, die für die Mehrheit nicht sicher ist? Ist die Gemeinschaft eine Gemeinschaft – in dem Sinne, dass alle mitgemeint sind? Die drei Filme entscheiden sich dafür, am Ende auch Mut zu machen. Nicht nur das Chaos zu zeigen, das Elend und die Nazis, sondern genauso die solidarischen Gesten und die menschliche Fähigkeit, im scheinbaren Horror den Fetzen der Utopie, die Tür zur Innovation zu sehen – sie aufzumachen und durchzugehen.

Kommentare zu „Filmfest Hamburg 2014: Sehtagebuch (2)“

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