Filmfest Hamburg 2013: Sehtagebuch (2)

Ein paar Tage, ein paar Filme. Notizen vom Festival.

The Reunion (Återträffen; Regie: Anna Odell; Schweden 2013)

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Irgendwoher kennen wir das: Was Thomas Vinterberg in Das Fest (Festen, 1998) mit der Familie gemacht hat, wiederholt Anna Odell in der Schule. Die Regisseurin spielt sich selbst, wie sie auf einem Klassentreffen 20 Jahre nach Schulabschluss auftaucht und das Glas erhebt: nicht auf die guten alten Zeiten, sondern auf die gute alte Klassenhierarchie. Sie spricht über alles, über das sie damals nicht sprechen konnte, versaut die Party. Verblüffend, wie gut das Konzept funktioniert: Ich sehe die Gesichter von 40-jährigen Geschäftsleuten und vor meinem inneren Auge den Schulhof. The Reunion ist allerdings eher Projekt als konventioneller Spielfilm. In einem zweiten „dokumentarischen“ Teil spielt Anna erneut sich selbst, wie sie einen Film dreht, wie sie selbst auf einem Klassentreffen auftaucht, und führt den Film den echten Klassenkameraden vor, die wiederum sich selbst spielen, wie sie ... Belassen wir es dabei. Ich glaube, alles waren Schauspieler. Nur der Abspann bringt alles wieder durcheinander. Ob Film oder Projekt, ein intelligentes und spannendes Seherlebnis.

 

Still Life (Tabiate bijan; Regie: Sohrab Shahid Saless; Iran 1974)

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Endlich einmal Zeit für die von Jafar Panahi kuratierte Retrospektive des iranischen Films. Ebenso amüsant wie befremdlich die Begrüßung vor dem Film: „Leider ist der Regisseur des Films bereits verstorben, deswegen konnten wir ihn nicht einladen. Wir haben also heute keinen Gast und auch keine Diskussion.“ Ein satirischer Sketch zum Thema Festival-Alltag hätte es nicht besser machen können. Aber welch furchtbarer Gedanke – zumindest in diesem Moment –, über dieses Juwel diskutieren zu müssen, zugleich die gelungenste Verdichtung von Form und Inhalt in einem einzigen Filmtitel. So qualitativ unterschiedlich Retrospektiven auch ausgewählt sein mögen, ich brauche sie während eines Festivals ebenso wie Schlafen und Essen. Sie lassen wieder Luft holen, erinnern daran, was alles möglich ist. Aus dem nostalgischen Blick zurück speist sich immer auch eine Hoffnung, die mich den nächsten Film kaum abwarten lässt.

 

Floating Skyscrapers (Plynace wiezowce; Regie: Tomasz Wasilewski; Polen 2013)

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Den wichtigsten Wettkampf Kubas verfolgt die Kamera unter Wasser. Kuba ist Schwimmer, kann es wohl weit bringen, aber derzeit beschäftigt ihn eher sein Privatleben. Er entfremdet sich zunehmend von seiner Freundin Sylwia, verliebt sich gleichzeitig in den schönen Michal. In seinem erst zweiten Film inszeniert Tomasz Wasilewski zwei Geschichten in einer Handlung: eine schwule Liebes- und eine Hetero-Trennungsgeschichte. Aber zurück zum Wettkampf: Von unter Wasser sehen wir Kuba aus dem Rennen ausscheren, abtauchen, einen stillen Moment genießen. Dann schneidet Wasilewski nicht etwa auf die staunenden Zuschauer oberhalb, sondern springt in der Zeit, während er am Ort verweilt. Statt sprintender Schwimmer sehen wir nun die Beine von Synchronschwimmerinnen. Erst dann der Blick übers Wasser, wo wir im Hintergrund ein Gespräch zwischen Kuba und seinem Trainer verfolgen. Nur ein Beispiel für die eindrückliche Bildsprache dieses Films, die fesselt, ohne auszustellen.

 

Rabbit Woman (Mujer conejo; Regie: Verónica Chen, Argentinien/Venezuela/Spanien 2013)

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Auf einmal ist alles voller Hasen. Immer häufiger treten sie auf die Leinwand mit ihren roten Augen, mal in echt, mal im Mangastil animiert. Sie vermehren sich, fressen sich selbst, sind produktiv: Es ist eine Invasion, man wird sie jagen müssen. Zwischen den Hasen Handlung: Ana ist Chino-Argentinierin, spricht aber nur Spanisch. Durch ihre Arbeit bekommt sie es aber nun mit der chinesischen Diaspora von Buenos Aires zu tun, wird in einen Thriller-Plot um dubiose Geschäfte hineingezogen – bald entführt die chinesische Mafia einen Freund. Ana flüchtet aufs Land, aber dort sind die Hasen, überall diese Hasen. Und immer weniger ist real, immer mehr wird Anime. Verwirrung, Beklemmung, Mut eines Films, der die vielen Chinesen zu vielen Hasen macht: Keine rassistische Repräsentation, sondern Entlarvung unseres rassistischen Unbewussten.

 

Defining Love: A Failed Attempt (Mouhaawalatoune fashila li taarifi el hob; Regie: Hakim Belabbes; Marokko/USA 2012)

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Der Kinosaal im Multiplex ist von Ritter Sport gesponsert, jede Sitzreihe in der Farbe einer anderen Geschmacksrichtung designt. Sehr ungünstiges Marketing für entscheidungsschwache Menschen wie mich. Ich versuche, die Schokoladenseite der Platzwahl zu ignorieren und lande bei Edel-Vollmilch – der nächste Film ist im gleichen Saal, ich kann dann ja einen anderen versuchen. Die Entscheidung war gut, der Film ist sehr schön. Warum wollen ihn außer mir nur drei Menschen sehen? Will denn niemand wissen, was Liebe ist? Wie der Titel schon sagt, findet auch Hakim Belabbes das nicht heraus. Er spinnt seinen Film um eine alte Legende um die Entstehung zweier Seen: Zwei unglücklich Verliebten wurde die Heirat verwehrt, da weinten sie so lange, bis sie selbst trocken und die Seen da waren. Zwei Schauspieler werden in die Region geschickt, um sich auf einen Film vorzubereiten, der vielleicht nie beginnt. Mal wieder verschwimmen die berühmten Grenzen zwischen Doc und Fiction, aber das ist nicht so wichtig, vor allem nicht so schön wie diese alten Männer in der Wüste, die darüber sprechen, wie viel sie geweint haben in ihrem Leben. Es menschelt, aber irgendwie zu Recht. Am Ende befürchte ich, dass Adele singt, nicht weil Adele nicht schön singen würde, aber weil es unpassend wäre, wenn überhaupt jemand jetzt singt. Aber es ist nur eine Instrumental-Version von „Someone Like You“. Selbst im Abspann noch Fingerspitzengefühl.

 

See You Next Tuesday (Regie: Drew Tobia; USA 2013)

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Frances Ha in Urban White Trash, könnte man sagen. Aber welch wuchtige Erfahrung! Mona ist eigentlich ein toughes Mädchen, nur hat sie keine Freunde und ist schwanger, wird in ihrem Supermarkt-Job gemobbt. Ein Abend mit Mona und ihrer Mutter ist erlebnisreicher als jede Actionsequenz. Es wird geflucht, geschimpft, gerülpst und geschrien, aber am Ende hat man sich lieb. Das ist der nette Teil des Films. Doch bald ist Mona nicht nur hochschwanger (der Bauch scheint fast zu platzen), sondern arbeits- und obdachlos und geht ihrer punkigen Schwester Jordan auf den Geist, die selbst genügend Probleme in ihrer Zweierbeziehung mit der schwarzen, radikalfeministischen Schriftstellerin Sylve hat. Klingt wie eine Parodie, funktioniert aber unglaublich gut. Drew Tobia entlarvt den sich im Suff Bahn brechenden Rassismus Jordans gegenüber ihrer Freundin ebenso wie den Klassismus von Sylves politisch korrekter Queer-Veggie-Bohème. Aber vor allem diese ätzende Schwangerschaft. Fernab von Pro-Choice/Life-Diskursen geht es hier um die Wut über die bloße Notwendigkeit einer Entscheidung, wenn man weder Bock auf Kind noch auf Abtreibung, nur auf Spaß hat. Wie Tobia all dies in einen recht kurzen Film fast völlig ohne Männer packt, nicht mit Betroffenheitsgestus, sondern als Schlag in die Fresse mit gleichzeitigem Hervorrufen von Lachanfällen, mit einer Ästhetik des Hässlichen, Ekligen, Nervigen, das ist ziemlich beeindruckend. So kann ich sogar schmunzeln, als ich mit wiedergewonnenem Licht merke, dass ich das Elend Brooklyns ausgerechnet vom Marzipan-Sessel aus begafft habe.

 

GFP Bunny (Tariumu shôjo no dokusatsu nikki; Regie: Yutaka Tsuchiya; Japan 2012)

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Der glorreiche Plan ist, das Festival mit einem Punk-Trip aus Japan im Schanzenviertel-Kino zu beenden. Doch der Film ist zunächst ganz anders, als ich ihn erwartet habe. Regisseur Yutaka Tsuchiya interessiert sich für den Fall des sogenannten Thallium Girl. 2005 hat ein von den Medien schnell mit diesem Spitznamen versehenes Mädchen seine Mutter tödlich vergiftet. Tsuchiyas Interesse ist aber mitnichten ein psychologisches: Er nimmt sich vielmehr den Blog des Mädchens vor, in dem diese ihr Experiment mit Mama in dieselben kühlen Worte gekleidet hat wie ihre Versuche mit Hamster und Goldfisch. Der Weg vom Tier zum Menschen schien ihr nicht sehr weit. Tsuchiya macht daraus nun keinen Film über gesellschaftlichen Werteverfall, sondern geht in die posthumanistische Offensive: GPS Bunny ist zwar nicht so psychedelisch wie erwartet, aber ein doch außergewöhnlicher Video-Essay über YouTube, Cyber-Science und Kontrollgesellschaft mit schicken Leitfragen. Zum Beispiel: Warum sind Schönheits-OPs eigentlich so einigermaßen akzeptiert, aber genetische Eingriffe so gar nicht? Und wäre es nicht irgendwie geil, im Dunkeln zu leuchten? Nach dem Film steht ein schmaler Mann mit Hut und Brille im Kino und bekommt blöde Fragen gestellt. Auch das ist Festival.

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