Far East Film Udine 2014: Sehtagebuch (1)

In Udine wird wieder das populäre asiatische Kino gefeiert – mit geilen Kriegsbräuten, kindischen Boxern und dem japanischen Klaus Lemke.

Flame in the Valley (Sanbul; Regie: Kim Soo-yong; Südkorea 1967)

Flame in the Valley Udine 1

Nachdem es in Udine bedauerlicherweise keine großen Retrospektiven mehr gibt, muss man mit einigen neu restaurierten Filmen vorlieb nehmen. Gleich mein Einstieg ins Festivalprogramm erweist sich als wahrer Glücksgriff. Auf den unheimlich produktiven Kim Soo-yong – seine Filmografie umfasst über 100 Regiearbeiten – bin ich hier schon vor zwei Jahren gestoßen. Damals war es sein impressionistischer Großstadtfilm Night Journey (Yahaeng, 1977), der mich nachhaltig beeindruckt hat. Flame in the Valley könnte gegensätzlicher kaum sein. Begleitet von einem infernalischen Gerumpel und Gepfeife auf der Tonspur geht es zurück in die dunkle Vergangenheit des Koreakrieges, genauer gesagt in ein Dorf, in dem abgesehen von einem verwirrten Tattergreis und einem Säugling, dessen Glied wie ein Kuriosum in die Kamera gehalten wird, nur noch Witwen und alleinstehende Frauen hausen.

Die Stöcke des angrenzenden Bambuswaldes lassen nicht umsonst an Gitterstäbe denken. Auf dieser Insel der Hoffnungslosigkeit sind die Bewohnerinnen längst zu Gefangenen ihrer unerfüllten Begierden geworden. Da entlädt sich die angespannte Atmosphäre unter den von Hunger und Liebe ausgezehrten Frauen schon mal in einem heftigen Catfight. Eine Tragödie kündigt sich an, als Arbeiterinnen das verbuddelte Hemd eines nordkoreanischen Deserteurs finden und wie geile Tiere am fremdgewordenen Männerschweiß schnüffeln. Zwei Frauen verlieben sich schließlich in den vom Krieg gezeichneten Flüchtling, hin- und hergerissen zwischen erbittertem Konkurrenzkampf und weiblicher Solidarität.

Auf der YouTube-Seite des Korean Film Archive kann man sich Flame in the Valley kostenfrei ansehen.

 

Unbeatable (Ji zhan; Regie: Dante Lam; China, Hongkong 2013)

Unbeatable Udine 1

Dante Lam auf ungewohntem Terrain. Statt einen weiteren knallharten Actionreißer im Neonschimmer zu inszenieren, hat sich Lam für einen Film entschieden, der vergleichsweise heiter und familientauglich daherkommt. Dabei haben die Figuren auch hier ein schweres Kreuz zu tragen: Zwei herzensgute MMA-Kämpfer – der eine ein Jungspund am Anfang seiner Karriere, der andere sein älterer Coach – müssen feststellen, dass man in einer korrupten Welt von der Moral alleine nicht satt wird. Zwei Stunden lang zieht Lam ein atemloses Tempo durch, hakt die üblichen Stationen eines Sportlerfilms ab und nimmt sich dabei doch immer wieder ungeahnte Freiheiten. Damit folgt Unbeatable einem in der ehemaligen britischen Kronkolonie bewährten Rezept: Ein Erfolg aus dem Westen dient als Blaupause für einen Film, der letztlich doch den typischen Hongkong-Stempel trägt – man vergleiche nur Nicolas Winding Refns Drive (2011) mit Soi Cheangs Motorway (Che sau, 2012).

Keine Trainingssequenz am Strand ist Lam zu cheesy, kein Schicksal zu dick aufgetragen, und wenn der Coach nach einer Woche Vorbereitung auch noch den Meistertitel gewinnt, ist klar, dass hier jemand das ewige Credo des Sportfilms – „Du kannst es schaffen, wenn du nur willst!“ – bis zum Äußersten treibt. Das antagonistische Verhältnis zwischen den beiden Hauptfiguren, das Lams Filme ansonsten bestimmt, weicht in Unbeatable einer innigen Freundschaft, die verspielter kaum sein könnte. Wenn Nick Cheung und Eddie Peng ständig wie Kinder herumalbern und sich gackernd am Boden wälzen, ist das meilenweit von der bierernsten Männlichkeit zahlreicher Kampfsportfilme entfernt.

 

Be My Baby (Koi no ozu; Hitoshi One; Japan 2013)

Be My Baby Udine 1

Als Regisseur Hitoshi One mit seinen Schauspielern auf der Bühne steht, muss ich unweigerlich an Klaus Lemke denken: In der Mitte ein in die Jahre gekommener Berufsjugendlicher mit gefärbten Haaren und einer – für japanische Verhältnisse – großen Klappe, um ihn herum ein Ensemble junger, weniger bekannter Darsteller, die eher prollig als glamourös wirken und sich in seiner Beziehungskomödie Be My Baby immer wieder nackig machen. In Udine, wo man für gewöhnlich Blockbuster zu sehen bekommt, wirkt so ein Low-Budget-Film eher deplatziert. Hat man sich aber erstmal in die chaotischen Quasseleien, die Seitensprünge, einseitigen Liebesbekenntnisse und Lästereien eingesehen, erschließt sich auch das Populäre und lässt vor allem an eine Reality-Soap denken. Gerade das Hässliche der Figuren – sowohl auf das Erscheinungsbild, als auch den Charakter bezogen – und das Wagnis, von mehr oder weniger alltäglichen Beziehungsproblemen in epischer Breite zu erzählen, muss man dem Film dann auch anrechnen. Das 138-minütige reine Chaos, in dem One am Ende versucht, alles was schief ist, mit martialischen Plottwists wieder gerade zu biegen, macht Be My Baby streckenweise aber auch zu einer nur schwer zu ertragenden Geduldsprobe.

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