Aufbegehren innerhalb strenger Regeln

„The Darkest Decade“: Südkoreanisches Kino der 1970er Jahre

Im Südkorea der 1970er Jahre erschwerten harte Zensurbestimmungen den Filmemachern die Arbeit. In Anbetracht der Retrospektive des Far East Film Festivals in Udine will man das nicht so recht glauben. 

Flame

Restriktionen müssen nicht zwangsläufig schlecht sein. In der Kunst können sie im Idealfall die Kreativität fördern und dazu führen, dass neue Wege beschritten werden. Im Laufe der Filmgeschichte haben sich immer wieder Regisseure ihre eigenen Regeln gesetzt, ob nun Dziga Vertov mit seinen Manifesten, die Oberhausener oder die dogmatischen Dänen. Dann gibt es aber noch die Zensur von außen, ein Eingriff von staatlicher Seite, der eher die inhaltlichen als formalen Elemente zu kontrollieren versucht und in diktatorischen Regimes gang und gäbe ist. Ob unter solchen Bedingungen spannendes Kino entstehen kann, hängt nicht nur vom Erfindungsreichtum der Filmemacher ab, sondern auch davon, wie streng die staatlichen Restriktionen sind.

Splendid Outing

Das südkoreanische Kino der Nachkriegszeit ist an sich kein unbeschriebenes Blatt. Doch gerade aus den 1970er Jahren gibt es, zumindest im Westen, nur selten Filme zu sehen. Das liegt vor allem daran, dass die Regisseure in diesem Jahrzehnt nur unter erschwerten Arbeitsbedingungen drehen konnten. Wegen der angespannten politischen Lage wurde die heimische Filmproduktion zwar gefördert, gleichzeitig aber von staatlicher Seite stark reguliert. Das autoritäre Regime von General Park Chung-hee ließ gerade mit seiner Medien- und Kulturpolitik stark daran zweifeln, ob man sich noch in einer Demokratie befand. Jeder Film musste etwa einer Zensurbehörde vorgelegt werden, die alles herausschnitt, was nicht parteikonform war. Laut verfügbaren Informationen betraf das vor allem Sexszenen und Dialoge, bei denen zu milde mit dem nordkoreanischen Feind umgegangen wurde. Unter den harten Zensurbestimmungen hatten die Regisseure drei Möglichkeiten: Sie konnten kapitulieren, sich den Regeln beugen oder Wege finden, wie man innerhalb der eng gesetzten Grenzen trotzdem relevantes und auch subversives Kino machen kann.

Youngja  s Heyday

Unter dem Titel „The Darkest Decade - Korean Filmmakers in the 1970s“ hat der in Seoul lebende, amerikanische Journalist Darcy Paquet eine zehn Filme umfassende Retrospektive für das Far East Film Festival in Udine kuratiert. Die Auswahl besteht zwar überwiegend aus Filmen, die im Westen unbekannt sind und dabei auch extra für das Festival mit englischen Untertiteln versehen wurden, gleichzeitig entspricht das Programm aber der Maxime des Festivals, sich auf populäres Kino zu konzentrieren. So sind es vor allem bekannte Regisseure wie Im Kwon-taek und Kim Ki-young (The Housemaid; Hanyo, 1960), beide mit jeweils zwei weniger bekannten Filmen vertreten, die für die Retrospektive ausgewählt wurden. Dass es sich auch um publikumswirksame Filme handelt, zeigt etwa Youngja’s Heyday (Yeong-jaui jeonseong shidae, 1975) von Kim Ho-sun. Auf der Liste mit den kommerziell erfolgreichsten südkoreanischen Filmen der 1970er Jahre ist das Liebesdrama immerhin auf Platz 4. Außerdem ist es mit seiner Geschichte einer jungen Frau, die von der Provinz nach Seoul zieht, dort als Hausmädchen arbeitet und nach mehreren Rückschlägen zur Prostituierten wird, auch stellvertretend für eine Modewelle an Hostessenfilmen.

The Divine Bow

Nur populäre Filme beinhaltete die Retrospektive aber keineswegs. Vielmehr ließ sich das Programm grob in zwei Kategorien einteilen: Zum einen geradliniges, eher konventionelles Erzählkino, zum anderen modernistische Filme, die den revolutionären Geist des internationalen Aufbruchskinos atmen. Beispiel für Letzteres war etwa der an Pasolinis Teorema (1968) angelehnte Pollen (Hwabun, 1972) von Ha Kil-chong, der wie ein klassisches Melodram beginnt – wie überhaupt das Melodram Hauptbezugspunkt der gezeigten Filme war. Eine junge Frau, die bei ihrer Schwester und deren Gatten wohnt, verliebt sich darin in den falschen Mann, den aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Assistenten ihres Schwagers. Die Liebe erntet schließlich viel Hass. Aus Eifersucht boykottiert der Schwager, der selbst ein amouröses Verhältnis mit seinem Untergebenen hat, die Beziehung. Hauptargument bleibt dabei stets die soziale Hierarchie. Jeder in diesem destruktiven Quartett begehrt den jungen Mann zwar sexuell, verachtet ihn aber wegen seinem niedrigen sozialen Stand. Dieser aggressive, offen ausagierte Klassenkampf führt schließlich soweit, dass der junge Mann verprügelt und halbnackt in eine Hütte auf dem Anwesen der Familie gesperrt wird.

Pollen

Dann bewegt sich der Film in eine andere Richtung und hebt, untermalt von psychedelischer Percussion-Musik, immer weiter ins Surreale ab. Die anfänglich so geordnete Welt gerät zunehmend aus den Fugen. Zwischen dem Gefangenen und der Familie entspinnt sich ein sadomasochistisches Verhältnis, die Haushälterin beginnt plötzlich gegen ihre Herren aufzubegehren und das Anwesen wird zu einem bedrohlichen Labyrinth, in dem sich die Figuren verlieren. Am Schluss stürmen Partygäste das Haus, räumen es leer und vergewaltigen die Besitzerin. Die Herrschenden wurden gestürzt.

Pollen 2

Pollen ist ein starker, elektrisierender Film, der die Erwartungen des Publikums bricht und in einem fiebrigen Ritual endet. Bei so einem Werk, das viel nackte Haut zeigt, homoerotische Beziehungen thematisiert und revolutionäres Gedankengut transportiert, würde man nicht denken, dass er unter strengen Zensurbestimmungen entstanden ist. Ähnlich verhält es sich mit anderen Beiträgen der Retrospektive. Ohne eine Kenntnis der genauen Restriktionen fällt es schwer zu glauben, dass diese Filme in einem totalitären Regime entstanden sind.

Night Journey

Ähnlich modernistisch ist auch Night Journey (Yahaeng, 1977) von Kim Soo-yong, dem man die starken Kürzungen durch die Zensurbehörde nicht ansieht: Schnelle Schnitte, avantgardistische Musik und eine nur schwer auszumachende Trennung zwischen Traum und Wirklichkeit. Es geht um eine Frau, die in einer Bank arbeitet und schon seit längerem eine Beziehung mit einem Arbeitskollegen führt, von der niemand etwas erfahren soll. Sie ist durch und durch frustriert. Jedes Mal, wenn sie den Versuch unternimmt, ihre Liebe öffentlich zu machen, demütigt der Mann sie vor den anderen und ihr Sexleben ist auch noch ausgesprochen unerfüllt. Als Konsequenz daraus begibt sie sich auf die titelgebende Reise in die Nacht und schlendert durch die Straßen Seouls.

Selbst im aktuellen südkoreanischen Kino merkt man noch, dass archaische Rollenverteilungen herrschen und die Sympathie meist bei den Männern liegt. Das ist in Night Journey anders, wo die Herren der Schöpfung nicht gerade gut wegkommen. Sie fressen und saufen wie die Schweine, flirten ohne jegliches Feingefühl und haben keine Ausdauer im Bett. Obwohl die Ausgangslage des Films ganz auf eine sexuelle Entdeckungsreise der Protagonistin hinauszulaufen scheint, zeichnet sich bald ab, dass sie in der Wirklichkeit wohl kaum ihre Sehnsüchte befriedigen kann. Das Spannendste an Night Journey sind deshalb auch die nächtlichen Streifzüge, bei denen die Heldin ziellos flaniert, Möglichkeiten abwägt, fantasiert, dabei aber nie wirklich zur Tat schreitet. Ob der Schluss ein Befreiungsschlag oder eine Kapitulation der Protagonistin ist, lässt der Film noch zusätzlich im Verborgenen.

Rainy Days

Sehr viel konventioneller und geradliniger widmet sich dagegen Rainy Days (Jangma, 1979) von Yu Hyun-mok den Auswirkungen des Koreakrieges auf eine Großfamilie. Es ist Regenzeit und die endlosen Wassermassen, die vom Himmel kommen, scheinen nicht nur ein dramaturgisches Mittel zu sein, um die Figuren in ihrem Haus zu isolieren, sondern auch die Metapher eines Himmels, der um die Gefallenen im Norden und Süden weint. Zwischen den beiden Großmüttern entspinnt sich schließlich ein erbitterter Kampf, weil ihre Enkel auf unterschiedlichen Seiten kämpfen. Mit tief gestaffelten Tableaus widmet sich Yu der emotionalen Komplexität eines gespaltenen Landes. Dabei nimmt der Film immer wieder die Perspektive der Kinder ein, die dem Krieg mit großem Unverständnis gegenüber stehen. In der Schlussszene, in der einer der gefallenen Enkel als Schlange in sein Zuhause zurückkehrt, löst sich der Film kurz von seinem Realismus und widmet sich einem Abschiedsritual, dass die Grenzen zwischen Norden und Süden wieder aufhebt. Das macht es noch rätselhafter, wie so ein humanistischer Film es durch die Zensur geschafft hat. Gerade unter einer Regierung, die jede Vermenschlichung des nordkoreanischen Feindes als Landesverrat auslegte. Vielleicht profitierte Yu auch schon davon, dass die Ära Parks durch ein Attentat im Produktionsjahr des Films zu Ende ging.

Iodo

Es wurden aber nicht nur die Wunden der Vergangenheit geheilt, auch die Schattenseiten des Wirtschaftsbooms machten einige Filmemacher zum Thema. Der in Rückblenden verschachtelte Iodo (1977) von Kim Ki-young erzählt etwa eine fantastische Geschichte von einer Insel, auf der nur Frauen leben, und reichert sie mit einer ökologischen Botschaft an. Im Kwon-taek, der wohl bekannteste Regisseur Südkoreas, inszeniert dagegen ein wehmütiges Gangster-Drama über die infrastrukturellen und emotionalen Folgen der Industrialisierung. In Wang Sib Ri, My Hometown (Wangshibri, 1976) kehrt ein Gangster nach vierzehn Jahren Abwesenheit wieder in seine Heimatstadt zurück. Die Freunde von früher sind größtenteils verschwunden, die einstige Liebe ein geldgeiles Luder geworden.

My Hometown

Überwiegend spielt der Film in trostlosen Hotelzimmern, wo sich der Protagonist die Zeit mit einer zwangsoptimistischen Hure vertreibt oder Trost bei einem hässlichen Chihuahua sucht, in Bars und Billard-Salons. Immer wieder werden nostalgische Erinnerungen von früher eingeblendet und die provinzielle Idylle der grauen Gegenwart mit rauchenden Fabriktürmen gegenüber gestellt. Den Blues eines einsamen Wolfs spielt Wang Sib Ri, My Hometown in schnörkelloser Elegie. Erst gegen Ende wird es dann arg wehleidig, wenn die Figuren ihr Schicksal nicht mehr still erleiden, sondern in erschöpfenden Monologen ausbreiten.

Wang Sib Ri  My Hometown

Als Zuschauer war man bei „The Darkest Decade“, ganz ohne Hintergrundinformationen, mitunter etwas orientierungslos. Denn so düster, experimentierfreudig und freizügig wie die Filme teilweise sind, wirken sie keineswegs so, als seien sie unter strengen Restriktionen entstanden, geschweige denn, dass sie etwas mit jenen Propagandafilmen gemeinsam haben, die man aus diktatorischen Regimes kennt. Stattdessen weiß man jetzt, dass im Südkorea der 1970er Jahre auch spannende und stilistisch breit gefächerte Filme gedreht wurden. Von künstlerischem Bankrott aber keine Spur. 

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