Ethnograf deutscher Befindlichkeiten

Rigoros und unbeirrt – der vielleicht französischste Filmemacher aus Deutschland wird geehrt: In einem Patchwork aus Essays, Analysen und Interviews erkundet das Buch Formen der Liebe das Werk von Rudolf Thome.

Formen der Liebe

Rudolf Thome gehört heute zu den Urgesteinen des Neuen Deutschen Films, auf sympathische Weise unangefochten und unberührt von Wellen und Moden hiesiger Kinolandschaft und ohne kommerzielle Rücksichten (oder große Chancen) seine Vorstellungen umsetzend. Seit knapp 40 Jahren dreht er Film um Film, rigoros und unbeirrt und darin allenfalls seinem Mitstreiter aus den 1960er Jahren Klaus Lemke vergleichbar; gemeinsam hatten sie sich der Kluge-Fraktion entgegengestellt, um ein reines Erzähl-Kino zu schaffen. Meist sind es jene feinen, alltäglichen Beziehungsgeschichten, mit denen man seinen Namen assoziiert und die so unverwechselbar präzise Beobachtung in lakonisches Spiel umsetzen.

Thome, von Ulrich Kriest als „Ethnograf“ deutscher Befindlichkeiten apostrophiert, ist vielleicht der französischste Filmemacher seiner Generation, in Stil, Themen, Ästhetik und Konsequenz an die Nouvelle Vague und dabei vor allem an Eric Rohmer und Jacques Rivette erinnernd, zumal er wie jene als Filmkritiker angefangen hat. In entsprechend nostalgisch-familiärem Ton lesen sich viele Beiträge des Buchs, dessen Autoren das Kino in der Spätphase des Neuen Deutschen Films entdeckt hatten, als Berlin Chamissoplatz (1980) herauskam. Und tatsächlich reflektiert der Band damit auch eine Epoche deutscher Kinogeschichte.

In einem bunten und fesselnden Patchwork vereint er neue Essays und Analysen bestimmter Schaffensphasen oder Motivkomplexe in Thomes Oeuvre quer durch Genres wie Science-Fiction und Fantasy (Supergirl, 1971) oder Thriller (System ohne Schatten, 1983) – dabei natürlich vor allem zu den Geschlechterrollen in seinem Werk – mit Nachdrucken zeitgenössischer Kritiken und Porträts rund um Thomes Filme und seine frühen Mitstreiter, Drehbuchlegende Max Zihlmann oder Schnoddernase Marquard Bohm. Der Querschnitt durch vier Jahrzehnte Filmpublizistik enthält u.a. Aufsätze von Frieda Grafe und Karsten Witte, eigene Texte Thomes sowie mehrere lange Interviews, etwa mit Jochen Brunow und einem umfassenden mit Thome selbst. Ein in den Facetten faszinierendes wie in seiner Fülle überzeugendes Kompendium (sogar mit Register), das eine Lücke schließt – ein bisschen Personenkult gehört da wohl mit zum Mandat. Fast fühlt man sich gehemmt, sich noch mehr zu wünschen: Eine kommentierte oder zumindest mit Synopsen ergänzte Filmografie hätte den praktischen Wert der Monografie abgerundet. Ein Glücksfall, dass Arthaus ab diesem Sommer endlich eine große DVD-Reihe mit Thomes Filmen startet.

Ulrich Kriest (Hg.): Formen der Liebe – Die Filme von Rudolf Thome

Marburg: Schüren Verlag 2010. 352 Seiten. EUR 29,90

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