Einmal das Grundgesetz für die Berlinale, bitte!

Eine Sperrfrist, nur ohne Ablaufdatum: Auf Wunsch von Martin Scorsese verbietet die Berlinale die Berichterstattung über seinen neuen Film, den sie gestern in einer 70-minütigen Arbeitsfassung zeigte. Ein Verbot, an das wir uns ganz im Geiste der Doku nicht halten.

Wenn Martin Scorsese pfeift, dann folgen ihm viele, wohl auch wider besseren Verstand. So nun auch die Berlinale, die ihn und seinen Co-Autor David Tedeschi eingeladen hatte, den noch nicht abgeschlossenen Dokumentarfilm Untitled New York Review of Books Documentary in einer „work in progress“-Fassung zu zeigen. Die öffentliche Vorführung war gestern, am Vorabend kündigte die Berlinale überraschend in einer Pressemitteilung an, dass jegliche wertende Berichterstattung untersagt sei. Unter der Überschrift „Embargo für die Presse“ hieß es im Wortlaut:

Es werden drei separate Ausschnitte gezeigt. Es ist nicht der vollständige Film, sowohl Bild als auch Ton sind nicht abgeschlossen.

Aufgrund dessen dürfen im Anschluss keinerlei Filmkritiken oder -besprechungen veröffentlicht werden.

Nun ist es durchaus nachvollziehbar, wenn ein Filmemacher wünscht, dass seine Arbeit erst in der von ihm freigegebenen Fassung bewertet wird. Ein Appell, in Rezensionen auf den unfertigen Status des Werkes hinzuweisen, wäre – wenn überhaupt nötig – noch verständlich gewesen. Besprechungen aber komplett zu verbieten ist zugleich ungewöhnlich und weltfremd. Es spricht für fehlende Souveränität und einen erschreckenden Gehorsam seitens des Festivals – so nebensächlich auch die Vorführung der Arbeitsfassung einer einzelnen Doku erscheinen mag, wenn man insgesamt über 400 Filme zeigt, selbst wenn diese Doku von Meisterregisseur Martin Scorsese stammt.

Aber wer muss sich denn überhaupt an so eine Ansage halten? Der Verband der deutschen Filmkritik – in dessen Vorstand der Verfasser dieser Zeilen Mitglied ist – jedenfalls geht davon aus, dass die Forderung „gegenstandslos“ sei, und „weist alle Journalisten darauf hin, dass sie es nicht zu befolgen haben“. Weltfremd ist ein solcher Versuch, Scorseses Wunsch zu folgen, aber auch deshalb, weil natürlich ein jeder im Publikum potenziell Kritiker ist, ob er nun eine Kaufkarte erworben oder auf anderem Weg ein Ticket erhalten hat. Und unterschrieben hat sowieso keiner etwas. Denn im Gegensatz zu privaten Vorstellungen, zu denen der Einlass beschränkt ist und bei denen öfter auch Vereinbarungen zu Sperrfristen getroffen werden, gilt für öffentliche Vorführungen in Deutschland die im Grundgesetz festgeschriebene Pressefreiheit:

Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.

Ob die Berlinale einen bewussten Versuch unternommen hat, die Pressefreiheit zu beschneiden, und damit gegen das Grundgesetz verstoßen hat, müssen Juristen beantworten. Zumindest aber hat sie sich darum bemüht, Kontrolle auf die Berichterstattung auszuüben, so wie sie es auch als einziges der drei großen europäischen Festivals für notwendig erachtet, den Zeitpunkt der Veröffentlichung von Filmkritiken zu kontrollieren: Denn im Gegensatz zu Cannes und Venedig gibt es in Berlin ein Embargo für Weltpremieren, zu dem sich Journalisten mit der Akkreditierung verpflichten und das regelmäßig nur von marktmächtigen Verlagen gebrochen wird.

Umso absurder scheint angesichts dessen der Verweis auf das angeblich Demokratische der Sperrfrist: Als Argument für diese Einschränkung der Berichterstattungsfreiheit wird nämlich immer wieder das Publikum genannt, dem die Spannung gelassen werden solle für die Premiere. Wem das indes wirklich nutzt? Der unbekümmerten Roten-Teppich-Berichterstattung, die von Inhalten ohnehin unabhängig ist, und der werbenden Ankündigung, die auch im Fall der Scorsese-Anwesenheit gewünscht war. Diese Begünstigung der unkritischen, weil unwissenden Berichterstattung ist der in Kauf genommene Kollateralschaden einer solchen Politik der Embargos und Sperrfristen. Dass das nun ausgerechnet bei einer Doku über die so freiheitsliebende „New York Review of Books“ aufkommt, ist besonders bitter. Aber lesen Sie dazu den Beitrag von Rüdiger Suchsland, der für critic.de eine verbotene Kritik zu Scorseses Film verfasst hat.

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