Die Filme von Philippe Grandrieux

Haptisches Erlebnis oder diktatorisches Experiment? Wer Philippe Grandrieux feiert, will ihn gleichzeitig auch verdammen. Erst aus dem Widerstand gegenüber seinem Werk entsteht dessen Reiz.

La Vie Nouvelle 12

Vier Langspielfilme hat Grandrieux bisher realisiert, sein Debüt Sombre (1999) hatten wir bereits vor ein paar Monaten vorgestellt. Sein jüngster Film White Epilepsy (2012) wird diese Woche beim Underdox-Festival in München seine deutsche Uraufführung haben. Wir nehmen dies zum Anlass für eine kleine Werkschau des widerborstigen Franzosen. So unterziehen wir auch seine beiden weiteren Spielfilme La vie nouvelle (2002) und Un Lac (2008) der Kritik. Wir wollen nicht verheimlichen, dass Grandrieux innerhalb unserer Redaktion umstritten ist – gerade deswegen wollen wir ihn ins Licht rücken. Bereits seit Mitte der 1970er Jahre ist der Experimentalfilmer als Videokünstler aktiv und hat es sich zur Aufgabe gemacht, das spezifisch Filmische zu erforschen, sprich die Verquickung verschiedener sinnlicher Empfindungen in den Vordergrund zu rücken. Im Modus des Experiments oder, je nach Deutung, des autoritären Spiels mit dem Zuschauer, lotet er die Grenzen des Mediums aus, um radikal physische wie psychische Effekte zu forcieren. Mit den seit 1999 entstanden längeren Arbeiten, die im Kinosaal erst richtig ihre Wirkung entfalten können, war er auf Festivals wie Locarno, Venedig, Rotterdam und Sitges vertreten. Dennoch bleibt Grandrieux bis heute gerade in Deutschland quasi unsichtbar. Um seine Filme zu sehen, muss man also im Internet graben und auf ausländische DVDs zurückgreifen, wenn man nicht gerade von Underdox eine Kinovorführung geschenkt bekommt. Immerhin gibt es kaum Übersetzungsschwierigkeiten: Sein neuester Film etwa verzichtet komplett auf Dialoge.

Die Kritiken:

Sombre 6

Das Extreme an Sombre macht sein Umgang mit dem Filmkörper aus, also mit der Materialität des Mediums selbst, der die gewohnte Rezeptionshaltung des Zuschauers mehr als nur zu verunsichern vermag … Grandrieux’ Credo „The body is everything. The story is nothing“ wird in diesem Werk äußerst konsequent umgesetzt. Zur Kritik

La Vie Nouvelle 15

Es ist kein Zufall, dass der bedrohliche Klangteppich in La vie nouvelle vom alteingesessenen Industrial-Duo Étant Donnés stammt. Ab Ende der 1970er Jahre konfrontierten Bands wie Throbbing Gristle oder SPK ihr Publikum mit der Schockwirkung realer Gräuel, ohne sie einer moralischen Bewertung zu unterziehen. Zur Kritik

Un Lac 01

Dass Un Lac, der dritte Spielfilm des Franzosen, den Zuschauerkörper jenseits der kinematografischen Hauptstraße Auge-Gehirn-Bauch zu durchdringen versucht, ist vom ersten Bild an klar. Zur Kritik

 

 

White Epilepsy 01

Wie sich bei Erblindeten das Gehör schärft, so schärft sich in White Epilepsy mangels Handlung der Blick für Formen, Farben und Texturen. Doch kaum hat man sich in diesen Bewusstseins-Modus fallen lassen, reißt Grandrieux einen urplötzlich mit einem grandios vorbereiteten Schockmoment aus der cineastischen Meditation. Zur Kritik

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