Das schmierige Licht von Öllampen auf Seide

Zeitgleich zur Arbeit an der Retrospektive fürs Österreichische Filmmuseum hat Richard Suchenski ein Buch über Hou Hsiao-hsien veröffentlicht. Darin erkunden Autoren unterschiedlichster Disziplinen sowie drei Filmemacher die Eleganz seines Werks.

HHH Cover

Die Filme von Hou Hsiao-hsien sind seit etwa 30 Jahren Dauergäste auf internationalen Festivals. Im regulären Kinobetrieb sind sie jedoch nur selten zu sehen. Um dies zu ändern, hat Richard I. Suchenski eine Retrospektive von Hous Regiearbeiten zusammengestellt, die erstmals im Wiener Filmmuseum zu sehen war. Parallel dazu hat er ein Buch herausgegeben, das die Einladung zur Entdeckung dieses Ausnahmeregisseurs ausführlich untermauert. Der Band versammelt erfreulich unterschiedliche Stimmen, um den Kosmos Hou Hsiao-hsiens zu erkunden.

Einleitend spannt Suchenski selbst den Bogen über das gesamte Werk Hous bis zum Zeitpunkt der Fertigstellung des Bandes (das heißt: bis kurz vor Abschluss der Arbeiten an The Assassin). Suchenskis erhellende Einleitung sprudelt vor Enthusiasmus, der schnell ansteckend wirkt. So ansteckend, dass man der Einleitung die bisweilen etwas arg hohen Wellen der Begeisterung nachsieht. Die These etwa, dass das taiwanesische Kino den Status habe, den einst der Neorealismus oder die Nouvelle Vague innehatten, scheint von heute aus betrachtet vielleicht doch ein paar Jahre zu spät zu kommen.

Das Wissenschaftler-Filmemacher-Spiel

The Assassin 05

Es folgen zehn Aufsätze, die Elemente von Hous Werk erkunden. Unter den Autoren sind Filmjournalisten wie Jean-Michel Frodon oder Wen Tien-hsiang, Filmwissenschaftler wie Hasumi Shigehiko oder Jean Ma und Filmpraktiker wie Peggy Chiao oder Kent Jones. Abé Mark Nornes führt in seinem Essay „Hou Hsiao-hsien and Narrative Space“ auf intelligente Weise drei Dinge zusammen: die Gegenüberstellung von Hollywood- und Autorenkino durch Autoren wie Stephen Heath, die Raumkonstruktion bei Hou Hsiao-hsien und schließlich dessen Umgang mit Ausstattungselementen, vor allem mit Schriftrollen. Nornes Essay gelingen, ausgehend von dieser auf den ersten Blick arg idiosynkratischen Mischung, originelle Einsichten in die Funktion klassischer Elemente von Hous Filmen wie etwa den viel zitierten langen Einstellungen. Zugleich verfügt Nornes über ausreichend Humor, um am Ende seines Essays einen Moment aus einem Gespräch mit Hou zu schildern. „Nach über einer Stunde, in der wir das Wissenschaftler-Filmemacher-Spiel gespielt haben, hielt Hou inne, lehnte sich mit einem Lächeln nach vorn, das zugleich gütig und verschmitzt war und sagte: ‚Wissen Sie, ehrlich gesagt muss ich zugeben, dass mich das Thema Ihrer Forschung nicht allzu sehr interessiert.‘“

China und Taiwan – Bedeutungen

Hou Hsiao-hsien 01

Gleich zwei Texte von Festlandchinesen loten das schwierige Verhältnis von allgemeiner chinesischer Identität und spezifisch taiwanesischen Elementen in Hous Filmen aus. Der erste stammt von Ni Zhen, Professor an der Film-Akademie in Beijing, Mentor vieler Regisseure der Fünften Generation und, wie Hou, an der Arbeit an Zhang Yimous Raise the Red Lantern (Da Hong Denglong Gaogao Gua, 1991) beteiligt. In „Transcending Local Consciousness. The Significance of Hou's Films for Asian Cinema“ untersucht Ni Hous Sonderstellung im asiatischen Kino als ein Regisseur, der alle Wellen und Veränderungen durchgestanden hat und dabei immer einzigartig geblieben ist. Nis Artikel verortet Hous Werk in den Kinematografien Shanghais (also des Chinas vor dem japanischen Überfall), Taiwans, Japans, Chinas, Vietnams und befragt immer wieder Elemente von Hous „China“-Bezug auf seine unterschiedlichen Konnotationen.

Wie fruchtbar dieser Blick ist, zeigt sich auch im Beitrag von Jia Zhang-ke. Neben Olivier Assayas und Koreeda Hirokazu ist Jia einer von drei Filmemachern, die in dem Band vertreten sind. In einem sehr persönlich gefärbten Essay schildert Jia, wie er durch Hous Filme die literarische und kulturelle Welt des Chinas vor 1949 für sich entdeckte.

Die zweite Hälfte des Bandes ist dann eine wahre Schatzkiste für die Beschäftigung mit Hous Werk: elf Texte, darunter ein langes Interview mit Hou und seiner langjährigen Koautorin Chu Tien-wen geben detailreich Einblick in alle Elemente von Hous Werk – einschließlich vieler Informationen über die Arbeit an Hous aktuellem Film The Assassin.

Richard I. Suchenski (Hg): Hou Hsiao-hsien, Wien: Synema 2014, 272 S., zahlreiche Abbildungen, ISBN 978-3-901644-58-0, 22 EUR.

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