Cannes 2015: Das zersplitterte Filmfestival

Und plötzlich wirkt Cannes bemüht: um soziale Relevanz, um Glanz bei der Preisverleihung, um Skandale, die keine sind. Dabei laufen noch immer die stärksten Filme hier, nur bei weitem nicht alle im Wettbewerb.

Mon roi 01

Für solche Momente war das Festival von Cannes schon immer gut: Als bei der gestrigen Preisverleihung Emmanuelle Bercot, Regisseurin des Eröffnungsfilms La tête haute und gleichzeitig Hauptdarstellerin von Maïwenns Mon roi, als beste Darstellerin ausgezeichnet wird – sie teilt sich den Preis mit Rooney Mara für ihre Rolle in Todd Haynes’ Carol – wird das Publikum immer unruhiger im Saal Debussy, wo die Palmenvergabe für Akkreditierte übertragen wird. Die Dankesrede von Bercot will kein Ende nehmen, wird immer emotionaler, die Kamera zeigt Jury-Mitglied Xavier Dolan, dem die Tränen nur so herunterlaufen. Maïwenn im Publikum scheint es zu viel des Lobes zu werden, sie redet Bercot zu, und einige Zuschauer fangen im Debussy an zu buhen. Die starken, mitteilsamen Reaktionen des Publikums – von Standing Ovations bis zum Ausbuhen – haben Tradition in Cannes.

Weder autoritär noch getragen

Love 1

Mon roi ist auf wenig Gegenliebe bei der Kritik gestoßen; in den Kritikerspiegeln (hier unser eigener), von denen die Kompilation bei Reini Urban empfohlen sei, landet er auf einem der letzten Plätze des Wettbewerbs. Natürlich können solche Tabellen nicht aussagen, was vorgegangen ist bei der Sichtung, und schlechte Bewertungen sprechen nicht selten dafür, dass der Film zumindest etwas ausgelöst hat, und sei es Abwehr. Mon roi ist auch deshalb ein interessantes Beispiel, weil es sich um den Versuch einer Elektrisierung handelt: Es ist ein aufdringlicher Film, der mit den Mitteln eines zeitgenössischen dynamischen Kinos die unbändige Kraft der Leidenschaft zu entfesseln versucht. Im Zentrum stehen Momente der Schnelllebigkeit, der Hingebung, einer amour fou – die intensiver und bewegter als die entsprechende Beziehung in Gaspar Noés Hardcore-3D-Film Love wirkt, von dem viele vergeblich den Skandal des Festivals erwarteten. Weil Mon roi aber eine Konstellation zeigt, in der sich die Frau einem Mann hingibt, den Vincent Cassel prototypisch verkörpert und von dem der Film von Anfang an nicht viel hält, scheint die Elektrisierung vergebens. Das visuelle und narrative Aufschäumen entspricht der Sicht der Protagonistin, und es ist bald klar: Das alles muss ins Leere laufen. Frustrierend, klar. Aber eine interessante Position einer Filmemacherin, die sich weder dem autoritären noch dem getragenen Duktus hingibt, der im Autorenkino von Cannes von Jahr zu Jahr wiederkehrt.

Frankreich und der spielerische Exzess

Cemetery of Splendour 01

Weniger vorhersehbar war das Programm 2015 aber nicht nur im Positiven: Zwei große Konstanten des Wettbewerbs fehlten. Vor allem experimentellere, fürs Kino bedeutsame Versuche, dem Medium über die Dauer oder den spielerischen Exzess habhaft zu werden, schienen auf die Nebenreihen ausgelagert – man denke nur an Miguel Gomes’ sechsstündigen Arabian Nights und Apitchatpong Weerasethakuls Cemetery of Splendour. Aus cinephiler Sicht waren das zwei der großen Ereignisse des Festivals. Und obwohl Cannes als sehr loyales Festival gegenüber den in der Vergangenheit gefeierten Filmemachern gilt, fehlten auch klassische Positionen des Autorenkinos wie die von Philippe Garrel und Arnaud Desplechin, die beide schon mit schwächeren Filmen in den Wettbewerb eingeladen wurden. Zusammen mit Arabian Nights sorgten die beiden Franzosen für einen der stärksten Jahrgänge der Quinzaine des réalisateurs seit Olivier Père, der zwischenzeitliche Direktor von Locarno und heutige Chef von Arte France Cinéma, das Ruder dort abgegeben hat.

L Ombre des femmes 02

Gleichzeitig ist die hohe Zahl französischer Filme quer durch die Reihen durchaus befremdlich. Das Festival von Cannes zeichnet sich klassischerweise dadurch aus, dass es souveräner in der Filmauswahl ist als die großen Festivals etwa in Berlin, Toronto oder Venedig und der heimischen Filmbranche keine großen Gefälligkeitsdienste zu schulden scheint. Dieser Eindruck entsteht auch deshalb, weil der Fundus an aktuellen französischen Filmen sehr reichhaltig ist und Frankreich als Markt für Autorenkino weiterhin elementar ist. Die Auswahl auch mehrerer französischer Filme für den Wettbewerb ist deshalb in der Regel völlig legitim, französische Weltvertriebe halten zudem die Rechte an vielen der wichtigsten Produktionen. In diesem Jahr aber mehren sich die Zweifel an den Kriterien der Auswahl. Es ist noch etwas früh, um den Einfluss von Pierre Lescure zu beurteilen, der Gilles Jacob – der dem Festival seit 1978 verbunden war – als Präsident des Festivals abgelöst hat. Dem seit 2001 amtierenden künstlerischen Leiter Thierry Frémaux galt Jacob als Ausgleich, der auch die sperrigeren Werke schätzte und förderte. Lescure, der viele Jahre Geschäftsführer des Fernsehsenders Canal+ war, gab kurz vor Festivalbeginn zu verstehen, dass ihm beim Festival vor allem der Glanz fehlte und dass er dafür sorgen werde, dass es bei den Galas zum Beginn und zum Abschluss nun auch Tanz- und Showeinlagen gibt. Bei der Preisverleihung gab es zwei Musikacts und eine Tanzperformance, immerhin hatten alle einen Bezug zum Kino.

Filmisch nicht auf der Höhe

Standing Tall 02

Vor allem Eröffnungs- und Abschlussfilm deuteten in eine enttäuschende Richtung: La tête haute von Emmanuelle Bercot und La glace et le ciel von Luc Jacquet sind Filme, die sich primär über ihr Thema (hier das Justizsystem für Jugendliche, dort die Erderwärmung) und den sozialkritischen Gestus definieren. Beide sind filmisch nicht auf der Höhe ihres behaupteten Engagements. In Verbindung mit zwei weiteren französischen Filmen des Wettbewerbs, Stéphane Brizés The Measure of a Man (La loi du marché) und Jacques Audiards Dheepan, steht zu befürchten, dass Cannes etwas einseitig den Anschluss an die Aktualität auf einer inhaltlichen Ebene sucht und ihn in Werken zu finden glaubt, denen ein solcher Impetus an der Stirn abzulesen ist. Das ist umso ungünstiger natürlich, wenn sich die Jury dem anschließt.

Dheepan 05

Nun hat also zum vierten Mal in acht Jahren ein französischer Film die Goldene Palme gewonnen: Dheepan erzählt die Geschichte von Flüchtlingen aus Sri Lanka, die in eine französische Vorstadtsiedlung verpflanzt werden, von der der Staat die Finger lässt – auch dann noch, als ein Bandenkrieg ausbricht. Audiard hat drei Filme in einem gedreht: ein Drama, eine Milieustudie und einen Thriller. Wo sich die drei Ebenen gegenseitig befruchten und intensivieren könnten, tritt das Gegenteil in Kraft: Das Drama akzentuiert und vereinfacht, wo die Milieustudie Genauigkeit sucht, der Thriller beschleunigt die Geschichte, wo sie gerade anregend und dicht zu werden begann. Am Ende bindet Audiard die Drehbuchvolten immer enger aneinander, und man sitzt nur noch verdutzt da.

Der Geist von Cannes

The Assassin 05

Enttäuschung und Fragezeichen in den Gesichtern, die mir nach der Preisverleihung begegneten. Dabei ist ein so durchwachsenes Programm wie 2015 noch immer nichts, worüber man sich beschweren kann, wenn man auf die Highlights blickt: Wieder einmal war Asien mit herausragenden Beiträgen beteiligt. Hou Hsiao-hsien hat ein fantastisches Werk mitgebracht, seinen ersten Wuxia-Film The Assassin, dessen majestätische Entschleunigung ein Fest für die Sinne ist. Jia Zhang-ke lässt mit seinem 25 Jahre umspannenden Epos Mountains May Depart mehrere chinesische Biographien explodieren und blickt voller Empathie auf den eitlen Traum vom Kapitalismus. Und natürlich wäre noch einiges über die Filme von Nanni Moretti, Guillaume Nicloux oder Yorgos Lanthimos zu sagen. Und über Porumboius The Treasure, der wie Weerasethakuls Cemetery of Splendour unverständlicherweise nicht im Wettbewerb lief.

Comoara 03

Cannes hatte zweifelsohne schon bessere Jahrgänge. Das allein scheint mir aber gar kein Problem, jedenfalls nicht, solange so gute Filme hier zu sehen sind. Schwerer wiegt, dass das Gleichgewicht der Programmauswahl etwas zerrüttet wirkt. Die einzelnen Filme können noch so herausragend sein, das Festival sich noch so erfolgreich bemühen, an aktuelle Berichterstattung anzudocken. Cannes ist nur so gut, wie der Geist, der sich durch den Zusammenhalt der Filme offenbart, das Band, das die Werke miteinander verbindet und sie gemeinsam als genuin filmische Perspektive auf die Welt erscheinen lässt. Cannes hat stets dazu eingeladen, religiöse Metaphern zu bemühen. Es ging hier um den Glauben an ein Kino, das sich nicht anders legitimieren muss als über seine Haltung zum Medium selbst. Relevant war, was eine eigene Sprache entwickelte und die Leinwand heller strahlen ließ. Sollte sich das ändern, Cannes wäre nicht mehr Cannes.

Kommentare zu „Cannes 2015: Das zersplitterte Filmfestival“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.