Berlinale 2014: Wenn sich die Katerstimmung legt

Auf den letzten Metern bewies die Berlinale ein Händchen für Dramaturgie: Am vorletzten Tag sorgten knapp drei Stunden größter Glücksgefühle für eine vorläufige Rettung des Wettbewerbs. Doch die Ernüchterung folgte sogleich.

The Grand Budapest Hotel 16

Es war eine Berlinale der unbekannten Namen. Im Wettbewerb waren kaum internationale Stars des Autorenkinos vertreten, außer man zählt Alain Resnais auch heute noch zu ihnen. George Clooney zeigte seinen bis dato schwächsten Film außer Konkurrenz, Lars von Trier brachte lediglich die Langfassung des ersten Teils eines Filmes mit, der bereits in mehreren europäischen Ländern gestartet ist, Wes Anderson immerhin steuerte den Eröffnungsfilm als Weltpremiere bei, einen zerfahrenen Ausstattungsfilm über mehrere Jahrzehnte Erzählzeit, made in Potsdam-Babelsberg. Weil so wenige der Regisseure im Hauptprogramm für bekannte Handschriften standen, konnte vorab keiner abschätzen, ob es ein Jahr der Entdeckungen und Experimente werden würde, wie 2012 und 2013 – oder eine Rückkehr zur früheren Politik des gut gemeinten Mittelmaßes. Ein bisschen von Ersterem, viel von Letzterem, muss man zehn Tage später nun sagen. Dabei hatte am vorletzten Tag doch ein Film es geschafft, viele andere vorher vergessen zu machen. Aber der Reihe nach.

Mutlose Absicherungen und gutgemeintes Herumlavieren

Viel wird unsere Erinnerung schon bald ausblenden, vor allem das Mediokre bleibt kaum einem dauerhaft im Gedächtnis. Das spielt der Berlinale in die Hände: Trotz des zuletzt wahrgenommenen Kurswechsels hin zu mehr fragilen künstlerischen Ansätzen, zu Risiko und der damit verbundenen Möglichkeit des Scheiterns war der Wettbewerb 2014 wieder in der Hand des Gutgemeinten, des sich mutlos Absichernden, des Herumlavierens und der Epigonen. In vielen Fällen fühlt es sich in Berlin unfair an, die Wettbewerbsfilme am Maßstab eines international relevanten A-Festivals zu messen. Dem einzelnen Film ist seine schwache Haltung durchaus auch vorzuwerfen, dem Festival aber, das sie vor der Weltöffentlichkeit ausstellt, umso mehr.

Black Coal Thin Ice 05

Bedenkenlos weiterzuempfehlende Filme gab es im Wettbewerb lediglich zwei. Alle anderen, auch die Interessanteren wie die chinesischen Beiträge Blind Massage (Tui na) und Black Coal, Thin Ice (Bai ri yan huo), wären auf einer kleineren Bühne besser aufgehoben gewesen, weil sie trotz aller tollen Einfälle und ästhetisch eigensinniger Unternehmungen doch zu halbherzig und zerfahren blieben, um ernsthaft als Anwärter auf den Goldenen Bären gelten zu können. (Ganz unabhängig davon, dass sie in diesem mauen Wettbewerb dann doch Preischancen haben.) Bei anderen Filmen wie Jack, Macondo oder History of Fear (Historia del miedo) verdichtet sich bei der Sichtung immer stärker der Eindruck, dass den Filmen das Eigene abgeht, dass sie sich zu sehr auf Vorbilder und Konventionen des Festivalkinos stützen. Bei allen dreien geht es um soziale Missstände, und jeder Film widersetzt sich auf seine Art den Erwartungen an Problemfilme, die fast immer dramaturgisch durchentwickelt sind. Tatsächlich vermeiden sie durch ihre Verweigerungshaltung viele Fallen, in ihrer Deeskalationslogik aber formulieren sie keinen dezidierten Ansatz gegenüber ihren Sujets, sondern scheinen lediglich das allzu Eindeutige zu umschiffen. Damit können sie sich immerhin von der Niete im Wettbewerb, Feo Aladags Zwischen Welten, klar absetzen, deren Drehbuch sich politisch in alle Richtungen hin absichert und dem dann noch die Krone aufsetzt, indem sie Klischees der Problemstellung und -lösung auf unglaubwürdige, symbolische und geradezu ausbeuterische Weise den Figuren vorgibt.

Ohnehin von nur kurzer Halbwertzeit dürften die in diesem Wettbewerb überraschend vielen Filme mit Genreversatzstücken sein. Zwar ist es sehr begrüßenswert, wenn Genrebeiträge nicht per se an den Rand und aus dem Rennen um die Preise gedrängt werden, wie dies oft genug und bei vielen Festivals der Fall ist. Doch die Abbildung des Trends einer Genrifizierung des Arthouses hat auch ihre Schattenseiten, vor allem weil die hier präsentierten Filme Two Men in Town (La voie de l'ennemi), No Man's Land (Wu Ren Qu), In Order of Disappearance und Stratos (To Mikro Psari) kaum produktive Reibung erzeugten zwischen den disparaten Elementen in ihren beiden Ansätzen – der Überführung des Genreplots ins Drama (Two Men in Town, In Order of Disappearance) oder der Kodifizierung des Dramas im Genre (No Man's Land, Stratos).

Endlich: Zwei einsame Höhepunkte

Boyhood 01

Nun gab es aber eben doch auch die herausragenden Filme von Dominik Graf und Richard Linklater. Viel ist über sie bereits gesagt und geschrieben worden. Sie stechen nicht nur heraus in der Berlinale 2014, sie werden sie auch überdauern. Zudem bilden sie einen Rahmen um sie: Graf lief am zweiten vollen Festivaltag, Linklater am vorletzten. Und die beiden Filme verbindet nicht nur ihre fast gleiche Länge von knapp unter drei Stunden, sondern sie sind beide die besten Beweise dafür, dass es auch im Kino noch möglich ist, große erzählerische Bögen zu spannen, Figuren auf- und wieder abtauchen zu lassen, Entwicklungen über viele Jahre zu schildern, mit vollem Vertrauen in die Kraft des Details. Das Vergnügen, das beide Filme bereiten, ist freilich durchaus verschieden. Grafs Die geliebten Schwestern entwickelt einen Reigen, bei dem das Emotionale und das Intellektuelle sich in einer ständigen Dialektik gegenseitig befeuern; Linklaters Boyhood erzeugt dagegen eine Form von stiller Überwältigung durch die Anhäufung von in sich schlichten Glücksmomenten.

Leider war Boyhood nicht der letzte Film im Wettbewerb, und am selben Abend gestattete sich das Festival dann noch den größten Fauxpas seit Langem: Auf Anordnung von Martin Scorsese belegte es – ungeachtet des Grundgesetzes – die akkreditierte Presse mit einem Berichterstattungsverbot für dessen neues Werk, das als Arbeitsfassung in einer der vielen Nebenreihen lief, deren kuratorische Entscheidungen regelmäßig kaum nachzuvollziehen sind. Wer seine Erinnerung steuern kann, wird von dieser Berlinale also nur ganz wenige, vereinzelte Momente behalten, auf dass sie das Festival retten, wenn es längst hoffnungslos verzettelt erscheint.

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