Asynchron

Vom Sichtbaren und Unsichtbaren. Das Kino Arsenal zeigt Dokumentar- und Experimentalfilme zum Holocaust.

Shoah

Das Jahr 2015, das für Deutschland und Europa mit dem Aufbrechen gesellschaftlicher Risse begann, mit aktuellen Ängsten und Unsicherheiten, mit tödlicher Gewalt und Parolen, Ab- und Ausgrenzungen, dieses 2015 ist auch ein Gedenkjahr. Am 27. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz befreit. Zahlreiche Ausstellungen und Veranstaltungen erinnern an das Kriegsende vor 70 Jahren, an Nationalsozialismus, Holocaust und die Folgen. So viele Filme zeugen von den extremen Verbrechen der NS-Zeit, von den Schicksalen Einzelner und den Dynamiken gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Sie zu sehen heißt, in die Vergangenheit zu blicken, aber immer auch in die Gegenwart menschlichen Verhaltens, wo die Mechanismen von Diskriminierung und Feindbilderschaffung mal mehr, mal weniger am Zusammenleben zerren oder es mutwillig zum Zerreißen bringen.

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Das Berliner Kino Arsenal hat die Erinnerung an den Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ zum Anlass genommen, eine Sammlung aus 46 Dokumentar- und Experimentalfilmen zusammenzustellen, die sich mit den nationalsozialistischen Verfolgungen und deren Opfern auseinandersetzen, teils auch mit deren Nachkommen und denen der Täter. Das Projekt „Asynchron“ stellt die Filme Kinos, Kultur- und Bildungseinrichtungen zur Verfügung. Und zum Auftakt werden vom 27. Januar bis zum 4. Februar 2015 zehn Werke mit Einführungen und Gästen gezeigt.

Die Feuerprobe

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Die Reihe beginnt mit Erwin Leisers Die Feuerprobe (1988), der die Geschichte des Novemberpogroms 1938 und den Weg in den Holocaust mit Archivmaterial und Zeitzeugen-Interviews rekonstruiert. Leiser, der als Jugendlicher den Verfolgungen entging und mit seinen Eltern nach Schweden fliehen konnte, drehte nach dem Krieg den Lehrfilmklassiker Mein Kampf (1959) und beschäftige sich zeitlebens mit der NS-Zeit. „Nur die Täter leisten es sich, zu vergessen“, erklärt er in Die Feuerprobe. Leisers Filme entstanden sichtbar vor der Ära des dramatisierten Schnipsel-Fernsehens – dessen zugespitzter Stil auch den übrigen Werken der Asynchron-Reihe fremd ist. Die Feuerprobe gibt den Gesprächspartnern Zeit, von ihren Erlebnissen zu erzählen. Ihre gewählte Ausdrucksweise, ihre Ernsthaftigkeit berühren. Sie wollen Zeugnis ablegen, und auch für Leiser steht das aufklärerische Anliegen im Vordergrund. Sein Off-Kommentar erläutert die historischen Zusammenhänge, und wenn jemand die Fassung verliert und zu weinen beginnt, setzt er einen Schnitt.

Shoah

Shoah

Claude Lanzmann steuert mit Shoah (1985) geradewegs hinein in die Fassungslosigkeit. Unaussprechliches soll ausgesprochen werden, die Orte der Vernichtung abgeschritten, die heimlich gefilmten Gesichter der Täter gezeigt. Lanzmann suchte für sein Neuneinhalb-Stunden-Monumentalwerk explizit nach Überlebenden der Sonderkommandos, die den Abläufen des Holocaust in Gaskammer und Krematorium am nächsten kamen. In seiner Machart ist Shoah alles andere als ein Lehrfilm: kein Sprecher aus dem Off, kein Archivmaterial, nur Orte und Menschen. Durch die langen, schonungslosen Berichte der Zeitzeugen, durch Lanzmanns Insistieren, auch schlimmste Erinnerungen auszuhalten, die unangenehmsten Momente zu durchleben, erzeugt Shoah größtmögliche Annäherung an eine nicht vermittelbare Erfahrung.

Wahl und Schicksal

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Auch Tsipi Reibenbachs Vater musste im Krematorium von Mauthausen Leichen verbrennen. Wo Lanzmann eine epische Erzählung der Vernichtung aus zahlreichen Stimmen montiert, konzentriert sich Reibenbach mit Wahl und Schicksal (1993) auf zwei Menschen: ihre Eltern. Ohne die beharrlich Fragen stellende Tochter mit der Filmkamera würden Yitzhak und Fruma Grinberg über das Erlebte schweigen – und die Mutter verweigert sich fast bis zuletzt. Das Tel Aviver Apartment der beiden wird zum klaustrophobischen Raum, in dem die Erinnerungen an schwarzen Rauch, nagenden Hunger und Sterben so präsent sind wie das Essen, das ununterbrochen zubereitet wird. Ganz selbstverständlich verwenden die Überlebenden die giftige Sprache des „Dritten Reichs“: liquidiert, Sonderbehandlung, Aktion, Muselmann ... L.T.I. hat sie Victor Klemperer genannt, Lingua Tertii Imperii, eine Sprache, die Menschen zu Gegenständen macht und Mord zum bürokratischen Vorgang.

Der letzte Jude von Drohobytsch

der letzte Jude von drohobytsch

Auch bei Alfred Schreyer hat sie sich festgesetzt. Der 90-Jährige ist Der letzte Jude von Drohobytsch (2011) und einziger Überlebender seiner Familie. Paul Rosdys Dokumentarfilm porträtiert Schreyer, der nach dem Krieg in seine Heimatstadt zurückkehrte. Dieses Drohobytsch gehörte bis 1939 zu Polen, wurde dann deutsch, später sowjetisch und ist heute Teil der Ukraine. Die Zeitschichten dieses Ortes und seiner Geschichte sind verborgen und können nur durch Erzählungen und mühsame Spurensuche wieder durchscheinen: Unter diesen Plattenbauten lag ein jüdischer Friedhof. Der Marktplatz war ein jüdisches Ghetto. Hier wurden Kinder erschossen; hier sah Alfred Schreyer seine Mutter zum letzten Mal. In der einstigen Apotheke von Schreyers Großvater steckt ein Adidas-Store. Alles steht für etwas Verschwundenes. Und in diesem Wald wurden 11.000 Menschen erschossen. In vielen Filmen der Asynchron-Reihe gibt es solche Aufnahmen: ein Schwenk über ein unscheinbares Stück Wald, schlammig und verlassen, mit Moos überwucherte Platten, die beim näheren Hinsehen Gräber sind. Parallel herrschen in den Städten des ehemaligen Ostblocks Alltag und Alditüten-Kapitalismus. Die Worte Alfred Schreyers, des lebendigen Erinnerungsspeichers, der am Straßenrand steht und in die Vergangenheit deutet, gehen im Autolärm unter.

D’Est

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Das stärkste Gefühl einer Absenz, einer geheimen Geschichte unter der sichtbaren Wirklichkeit, die fast körperlich erfahrbar wird, vermittelt D’Est (1993). Chantal Akermans Film ist wie ein Roadmovie durch die Twilight Zone des Post-Kommunismus, wo Menschen Schlange stehen, warten, durch die karge Landschaft eilen. Wo das kühle Auge der Kamera unablässig an ihnen vorbeizieht – und eigentlich was sieht? Alltagstristesse, Fremdes oder Vertrautes? Unsichtbares in den regennassen Straßen und Bahnhofswartehallen, hinter den Hunderten anonymen Gesichtern?

Dark Lullabies

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Dass es beim Roadmovie um Identitätssuche geht und die Identität immer auch – hier besonders – mit den Toten verknüpft ist, zeigt Dark Lullabies (1985) von Irene Lilienheim Angelico. Als eine der Ersten nahm Angelico die nachfolgende Generation in den Blick, der sie selbst angehört: die Kinder von Überlebenden. Es sind Kinder, die als Antithese zum Holocaust gezeugt wurden – dort der Tod, hier das neue Leben. Doch die Nachkommen wachsen mit dem Erbe ihrer Eltern auf, mit deren albtraumhaften Geschichten, Ängsten und Zwängen. Dark Lullabies unternimmt eine Reise durch Kanada, Israel und Deutschland, um sich mit den Fragen und Problemen der Zweiten Generation auseinanderzusetzen. Dabei besucht die Filmemacherin auch die Kinder von NS-Tätern, deren Eltern ganz andere Lasten an sie weitergegeben haben.

Voices of the Children

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Die Generationenproblematik taucht auch in Voices of the Children (1998) immer wieder auf. Das Thema Schuld sei eine große Konstante in ihrer Familie, erklärt Dana Kraus. Die Kinder hätten absolut alles von ihren Eltern ermöglicht bekommen, um das Leben führen zu können, das diese nicht haben durften: „Wie können wir das jemals zurückzahlen?“ Eva Kinsky wiederum hat von ihrer Mutter gesagt bekommen, sie dürfe nicht verraten, dass sie jüdisch sei. Man weiß nie. Voices of the Children stellt ehemalige Insassen von Theresienstadt mit ihren Familien vor. Regisseurin Zuzana Justman war selbst eines der 15.000 jüdischen Kinder, die ins KZ auf dem Gebiet der ehemaligen Tschechoslowakei deportiert wurden. Ihre Protagonisten haben die damaligen Erfahrungen auch künstlerisch festgehalten oder weiterverarbeitet: in Form von Tagebüchern, Zeichnungen und Malerei, was dem Film eine weitere Darstellungsebene ermöglicht. Justman rahmt Voices of the Children außerdem mit Aufnahmen aus dem von der NS-Propaganda erstellten Theresienstadt-Film und mit dem Gesang aus der Oper Brundibár, welche Kinder im Lager aufführten. (Über deren Neu-Interpretation durch heutige Jugendliche drehte Douglas Wolfsperger kürzlich den Dokumentarfilm Wiedersehen mit Brundibar.) Selbst unter widrigsten Umständen an einem kleinen Stück Kultur, Spiel und Gesang festzuhalten, ermöglichte den Kindern damals, wenigstens kurzzeitig ihrer Umgebung zu entfliehen.

Dachbodenstimmen

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Dass Kunst dem Schrecklichen etwas entgegensetzen kann, das vermittelt Vera Bondy jungen Schülern im Museum. Der Kurzfilm Dachbodenstimmen (2010) von Anna Brass und Magdalena Hutter porträtiert Bondy, begleitet von ruhigen, poetischen Zwischenbildern. Ihre Schwester gab als Zwölfjährige in Theresienstadt eine Kinderzeitschrift heraus, die Vera Bondy plötzlich, Jahrzehnte später, in Händen hält. Durch die Texte und Zeichnungen der Kinder sprechen die Toten und beschämen die Lebenden. Ihre Schwester hätte an ihrer statt überleben sollen, sagt Vera Bondy im Film. Sie sei der bessere Mensch gewesen. Das Gefühl, anstelle eines anderen Menschen am Leben zu sein, belastet viele der dem Holocaust Entkommenen.

Mein Leben Teil 2

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Wie Irene Lilienheim Angelico (Dark Lullabies), Tsipi Reibenbach (Wahl und Schicksal) und Chantal Akerman (D’Est) ist Angelika Levi ein Kind der zweiten Generation. Auch sie betrachtet in Mein Leben Teil 2 (2003) das biografische Puzzle ihrer Familie, die eigene Rolle darin und die bleibenden Verletzungen ihrer Mutter, die als „halb-jüdisches“ Kind mit Namen Levi den Krieg in Hamburg überstand. Der Film deutet auch die Schwierigkeiten jüdischen Lebens in Deutschland an, wo nach offizieller Aufarbeitung, Versöhnung und wiederkehrenden Schlussstrich-Debatten alte Ängste unterschwellig weiternagen.

We Were so Beloved

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Das Thema Exil schließlich behandelt Manfred Kirchheimers We Were So Beloved (1986). Seinen Eltern gelang es, 1936 mit ihm als Fünfjährigem in die USA zu emigrieren. In seinem Dokumentarfilm porträtiert er die Gemeinschaft der deutsch-jüdischen Geflüchteten, die sich während der NS-Zeit im New Yorker Stadtteil Washington Heights bildete. Die Zahl der Exilanten wuchs dort auf über 20.000, weswegen die amerikanischen Nachbarn den Stadtteil das „Vierte Reich“ tauften. Es sind jene Flüchtlinge, die nur mit den von den Nazis erlaubten zehn Reichsmark ausreisen durften, die sich ein neues Leben aufbauen, eine neue Sprache lernen mussten, während die in Europa festsitzenden Juden getötet wurden. Was bedeutet es für sie, überlebt zu haben? Wie haben ihre Erfahrungen in Deutschland sie geprägt? Wie bei den meisten Filmemachern der hier genannten Werke haben Manfred Kirchheimers Fragen, sein Drang zu verstehen, die historischen Fakten und die Emotionen seiner Protagonisten festzuhalten, biografische Wurzeln. Die Nähe zum Thema ist den Filmen anzusehen, macht sie so authentisch, intim und stark.

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Zu den Texten:

Shoah

Dark Lullabies

Mein Leben Teil 2

D'Est

Wahl und Schicksal

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