Wahl und Schicksal

Reden übers Überleben, Schweigen bis zur Explosion.

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Sorgsam auf dem Markt Kartoffeln auswählen, jede Knolle von allen Seiten begutachten, in den Fingern wiegen. Zu Hause Sahne schlagen, Zwiebeln in kleinste Stücke schneiden, Eier aufschlagen und Teig kneten, rühren, stampfen, backen. Am Tisch, beim gemeinsamen Essen, beginnt der Vater, von der Hundezucht in Birkenau zu erzählen. Die Tiere wurden immer dünner, weil die Häftlinge ihnen das Hundefutter wegfraßen. Der Vater, das ist Yitzhak Grinberg. Seine Tochter, Tsipi Reibenbach, gehört zur in Israel lebenden Generation der nach dem Holocaust Geborenen, die es verstärkt seit den 1990er Jahren wagten, die eigenen Eltern mit der Kamera zu ihren oft bislang beschwiegenen Erlebnissen in den Ghettos, den Konzentrations- und Vernichtungslagern zu befragen. Reibenbachs Wahl und Schicksal (Habehira Vehagoral / Choice and Destiny, 1993) gehört zu den bekanntesten dokumentarischen Porträts Überlebender. Und der Film macht in fast jeder Szene deutlich, was letztlich neben dem Zufall – Yitzhak nennt es Schicksal – im Lager über Leben oder Tod entscheidet: Essen.

Broidt oder Toidt

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Yitzhak und seine Frau Fruma leben nach einem klar strukturierten Tagesablauf in Tel Aviv: Nahrung einkaufen, zubereiten, essen, die Wanduhr aufziehen, die Wohnung putzen, schlafen gehen. Alles ist wohlgeordnet, die Haustür mit vier Schlössern gesichert, die Fruma nacheinander abschließt, wenn ihr Mann das Apartment verlässt. Nachts liegt sie mit offenen Augen wach. Tsipi Reibenbach findet den ritualisierten Alltag ihrer Eltern wie ein Bühnenstück vor, bei dem alle Handgriffe sitzen, kein Bissen verloren geht und nicht viel gesprochen wird. Äußerlich läuft alles weiter, als Reibenbach ihren Vater zum Reden bringt. Yitzhak Grinberg erlebte Auschwitz und Mauthausen, zuletzt arbeitete er für das Sonderkommando im Krematorium. Seine Erinnerungen handeln vom Tod, während die Kamera das Weiterleben festhält: die Speisen, den mechanischen Schlag der Uhr, den neuen Tag, der den gleichen Takt hat wie der gestrige. Fruma Grinberg weigert sich zunächst zu sprechen. Ihre Erinnerungen sollen verschlossen bleiben. Die Anspannung zuckt ihr dabei in den Augen, mit heftigen Bewegungen putzt sie die Küche, putzt gegen etwas an. Schmeckt der Kuchen?“, fragt Fruma. „Iss, iss!“ Was heißt es, den Holocaust überlebt zu haben?

„Lass mich in Frieden!“

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Und was kann es heißen, das Kind Überlebender zu sein? Von Menschen, die im Trauma an zwei Orten und in zwei Zeiten leben: hier und dort. Deren Geschichten von Verlust und Auslöschung handeln, weshalb sie lieber schwiegen. Wie viele Kinder der sogenannten Zweiten Generation hat sich auch Tsipi Reibenbach auf die Reise nach Europa begeben, in die polnischen Geburtsorte ihrer Eltern und in die Lager. Wahl und Schicksal zeigt nur Schnipsel des biografischen Suchens auf den Landkarten der Vergangenheit. Da sind die Schienen, da der Stacheldraht, in der Gaskammer hängt ein Schild, auf dem steht: Gaskammer. An den Relikten lässt sich wenig begreifen. Auch deshalb ist Wahl und Schicksal zumeist ein Kammerspiel, das sich auf den Mikrokosmos der Wohnung konzentriert, in der die Jiddisch sprechenden Eltern in Unterhemd und Küchenschürze ihrem täglichen Leben, ihrem Weiterleben, ihrem Abwehrzauber nachgehen.

Gedenkkultur in Israel

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Bis zu den 1980er Jahren waren Filme wie dieser Ausnahmen im israelischen Kino. Dokumentarische Erzählungen aus dem Holocaust, Zeugnisse der eigenen Machtlosigkeit und der persönlichen Trauer waren rar in einer Gesellschaft, die sich im Aufbau befand, die Stärke finden und repräsentieren wollte und an der eigenen nationalen Meistererzählung schrieb. Vermutlich machte die zwischengeschaltete Instanz der Kamera es den Kindern der Überlebenden leichter, sich mit den familiären Opfererfahrungen auseinanderzusetzen. Der filmische Apparat wird zum analytischen Werkzeug, das privat, aber auch gesamtgesellschaftlich Redetabus bricht und der längst institutionalisierten Gedenkroutine des Staates mit jährlicher Holocaust-Gedenksirene, den obligatorischen Schulausflügen nach Auschwitz und seiner offiziellen Geschichtsdeutung das so viel schwierigere Erinnern in den eigenen vier Wänden entgegensetzt.

Fruma spricht dann doch. Die Sätze fliegen heraus, ungeordnet, unkathartisch. Auf das „Ich will mich nicht erinnern!“ folgt einen Atemzug später: „Ich habe sehr viel zu erzählen.“ Das Uhrenpendel schwingt. Auf dem Küchentisch liegt ein SS-Löffel aus Mauthausen. Ein Andenken.

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