Syriana
Alle wollen Öl. Da tritt Korruption auf den Plan. Alle sind involviert.

Traffic, 2001 knapp am goldenen Berlinale-Bären vorbeigeschlittert, basiert auf einer britischen Fernsehserie und analysiert Verflechtungen von Wirtschaft und Politik, von Polizei und Gangstern im internationalen Drogenhandel aus verschiedensten Perspektiven. Autor Stephen Gaghan ist seinem Konzept treu geblieben. In Syriana porträtiert er, auch für die Regie verantwortlich, das Netz aus Politik, Wirtschaft, Geheimdiensten und Terrororganisationen, das sich um den begehrten Rohstoff Öl spinnt, erneut mit vielen parallelen Erzählsträngen.
Sie sind vor allem einem erfahrenen CIA-Killer (George Clooney), einem Marktanalysten (Matt Damon), einem Wirtschaftsanwalt (Jeffrey Wright), einem arabischen Prinzen (Alexander Siddig) und einem angehenden Selbstmordattentäter (Mazhar Munir) gewidmet. Die Stärke von Traffic lag in der Zusammenführung verschiedener, etwas plakativ aber effizient schon von der Farbdramaturgie unterschiedenen, Welten, sowie den facettenreich gezeichneten und grandios verkörperten Charakteren. Vor allem Benicio del Toro, aber auch Catherine Zeta-Jones, Michael Douglas, Don Cheadle und Tomas Milian füllten ihre Figuren mit so viel Leben und Emotion, dass die Empathie leicht fiel. Bei Syriana ist das anders.

Die Charaktere werden eher behauptet denn gezeichnet. Vor allem Matt Damon kann die inneren Dramen seiner Figur nicht darstellen. Der Film zeigt dessen Handlungen, ohne sie nachvollziehbar zu machen. Noch augenscheinlicher ist dies bei dem arabischen Jungen, der in losen Sequenzen zunehmend zum Attentäter wird. All dies geschieht, ohne dass es plausibel wird. Am schwierigsten verhält es sich bei der interessantesten Figur, die dem Film Tempo oder Spannung hätte verleihen können. George Clooney spielt einen alternden, schwergewichtigen Agenten, der dem Filmklischee entsprungen scheint: er arbeitet effizient und loyal, ohne zu hinterfragen. Als Einzelgänger ist er ein „Frontkämpfer“, kein „Schreibtischtäter“. In diesen Charakteristiken ähnelt er Jack Bauer aus 24, wie Traffic eine Fernsehserie. Und dem Seriencharakter passt sich auch der ganze Film an. Eine Vielzahl an Nebenfiguren taucht immer mal wieder auf, einzelne Konflikte entwickeln sich. Bei Syriana gibt es jedoch kaum Entwicklung und kaum Lösungen, ehe es am Ende ganz dicke kommt.
Schlimm, dass Gaghan keine Bilder für seine Geschichte findet. Ob Clooney und Damon in Genf, Washington, Beirut oder Marbella auftauchen, spielt keine Rolle. Wenn Clooney an einem Schwimmbecken verharrt, gibt das ein schönes Bild, steht aber losgelöst von Figur und Geschichte, anders etwa als Benicio del Toros Verharren im Fußballstadion in Traffic.

Noch schlimmer ist, dass Gaghan nach zähfließenden zwei Stunden alle Schicksale völlig unmotiviert in die Extremsituation treibt. Ein Mann taucht plötzlich am anderen Ende der Welt auf, um Menschen, die er nicht kennt, zu retten, in einer Aktion, die keinen Sinn macht. Ein anderer Mann steht plötzlich wieder in der Familienhaustür, fast will uns der Film nahe legen, er sei sogar vom einen ans andere Ende der Welt zu Fuß gelaufen. Und dann gibt es noch den Attentäter. Über den erfahren wir weniger, als über die Protagonisten im Vorspann von Paradise Now.
Die Ölwelt ist ein korruptes, verschlungenes, undurchsichtiges System. Alles ist verwoben. Ganz ähnlich ist dies auch in Hollywood. Schauspieler George Clooney und Regisseur Steven Soderbergh sind seit Out of Sight befreundet und haben sich ein Netzwerk erschlossen. Gemeinsam gründeten sie eine Produktionsfirma, mit der sie die gemeinsamen Flops Safecrackers (Welcome to Collinwood) und Solaris (beide 2002), aber auch Clooneys Regieerstling Confessions of a Dangerous Mind (2002) und Good Night, and Good Luck., sowie eben Syriana realisierten. Um das zu finanzieren muss Soderbergh seinen Kumpel immer mal wieder als Danny Ocean (2001-2007) vor die Kamera bringen. Bei einem dieser Abenteuer lernten sie auch Matt Damon kennen. Stephen Gaghan nun lieferte das Buch zu Soderberghs Erfolg Traffic und durfte im Fall von Syriana die Regie übernehmen – mit verheerenden Folgen. Soderbergh und Clooney ist ihr Engagement immer anzumerken, sie nutzen Section Eight Productions, um Themen, die ihnen am Herzen liegen, ins Kino zu bringen. Doch im Falle von Syriana zeigt sich mal wieder und noch viel gravierender, als bei Good Night, and Good Luck., dass ein gesellschaftlich wichtiges Thema und politisches Engagement noch lange keinen guten Film machen.
Kritik von Sascha Keilholz
Fotos: Warner Bros.
Veröffentlicht am 16.02.2006
Film-Angaben:
Titel: Syriana (Syriana)
USA 2005
Laufzeit: 126 Minuten
Regie: Stephen Gaghan
Drehbuch: Stephen Gaghan
Produktion: Jennifer Fox, Georgia Kacandes, Michael Nozik
Darsteller: George Clooney, Matt Damon, Jeffrey Wright, Christopher Plummer, Alexander Siddig, Chris Cooper, Amanda Peet, Mazhar Munir, Shahid Ahmed, Tim Blake Nelson, William Hurt
Kinostart: 23.02.2006
DVD-Angaben:
Titel: Syriana
Vertrieb: Warner Home Video
Bild: 2,40:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch für Hörgeschädigte, Hebräisch, Norwegisch, Niederländisch, Finnisch, Schwedisch, Dänisch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 122 Minuten
Extras: Interviews: Eine Unterhaltung mit George Clooney; Dokumentation: „Make a Change, Make a Difference“; Nicht verwendete Szenen
Zeitgleich zum Verkaufsstart erscheint eine Steelbook Special Edition mit identischem Bonusmaterial und einem 72-seitigen Booklet mit Hintergrundinformationen zum Film.
Verleih ab: 23.06.2006
Verkauf ab: 23.06.2006
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Die Kritik ist ja ein regelrechter Verriss. Ich fand den Film nicht annähernd so schlecht. Im Gegenteil, ich fand ihn sehr gut. Ich habe keine Figurenportraits erwartet und auch nicht bekommen. Die Darsteller stehen stellvertretend für eine Partei in dem Geflecht von Macht und Korruption. Ich habe mich von den komplexen Verstrickungen des Films beeindrucken lassen und von den guten schauspielerischen mehr ...