Blood Tea and Red String
Roter Bindfaden und was man alles damit anstellen kann: Christiane Cegavskes Blood Tea and Red String ist ein bezauberndes Kleinod des Puppentrickfilms.
Zuerst ist da ein Kuchen. Aus diesem Kuchen kriechen Käfer. Dann holt eine Hand – eine Menschenhand, die einzige, die in diesem Film zu sehen sein wird – ein Ei aus dem Kuchen und legt es in eine Teekanne. Und dann scheint aus dieser Teekanne irgendwie eine ganze Welt zu entspringen.
Kleine brauen Figürchen in putzigen Jäckchen wohnen im Stamm eines gewaltigen Baumes, kommunizieren mithilfe eines eher jämmerlichen Fiepsens und bauen eine Puppe. Beauftragt wurden sie dazu von den rotäugigen Weißmäusen. Freilich denken sie dann später, als sich ihr Werk der Vollendung nähert, nicht daran, es den Mäusen zu überlassen. Als die Puppe fertiggestellt ist, pflanzen sie ihr ein Ei ein, das vielleicht identisch ist mit dem vom Anfang in der Teekanne, und nähen sie anschließend wieder zu. Man kommt nicht umhin zu bemerken, dass dieses Zunähen, vielleicht noch mehr als die Puppe als Ganzes, fetischistisch konnotiert ist. Benutzt wird hierfür nicht mehr die davor verwendete weiße Wolle, sondern der red string des Titels. Und der blood tea taucht auch bald auf. Denn die Mäuse, ihres Zeichens feinsinnige, aristokratisch anmutende Geschöpfe und somit die geborenen Teetrinker, haben im Kampf um die Puppe noch lange nicht aufgegeben.
Wenn die Baumwesen in den Eingangssequenzen mit viel Liebe, aber auch etwas pathologischem Eifer ihre Puppe zusammensetzen, dann darf man das ruhig als selbstreflexiven Verweis auf die Herstellung von Blood Tea and Red String verstehen. Puppentrickfilme sind in der Regel das Werk von im besten Sinne verrückten Einzelkämpfern und funktionieren immer auch als ausgestelltes Handwerk. Nicht nur jedes einzelne Element der fiktionalen Welt muss eigens für den Film produziert werden, sondern gleichzeitig auch die Figuren, die sich in dieser Welt bewegen. Im Spielfilm schickt man die Schauspieler höchstens zwischen den Aufnahmen in die Maske.
So vereinigt der Puppentrickfilm die Schwierigkeiten des Trick- und Realfilms. Wie im ersteren muss der Animator jedes Bildelement eigenhändig gestalten und anschließend wie in letzterem einen dreidimensionalen Raum modellieren. Freilich, und das vielleicht die größte Schwierigkeit überhaupt, modelliert er den Raum nicht kontinuierlich, sondern in Einzelbildern per Stop-Motion-Animation.
Christiane Cegavske versteht ihr Handwerk. 13 Jahre lang hat sie an diesem Film gebastelt. Blood Tea and Red String ist so sehr ihr eigener Film, wie ein Film nur der Film eines Regisseurs sein kann. Die Vergleiche mit David Lynch, Jan Svankmajer oder Edgar Allan Poe, die immer wieder fallen, können sich höchstens auf den Modus des Films als Bebilderung exzentrischer Fantasmen beziehen und nicht auf seinen Inhalt.
Blood Tea and Red String entwirft eine Welt mit ganz eigenen Gesetzlichkeiten: Es gibt zunächst einmal jede Menge rote Bindfäden, es gibt dann auch eine Art Dialektik von Rot und Weiß, es gibt Pflanzenkokons, die von Ferne an die Körperfresser-Filme erinnern, es gibt einen Frosch, der Psychedelika verteilt, und weitere wunderliche Figuren – deren vielleicht eindrücklichste, aber auch furchteinflößendste ist eine oberlehrerinnenartige Spinne, die, wen wundert’s, ihr Netz aus roten Wollfäden spinnt und ebenfalls ein Auge auf die Puppe geworfen hat. Beziehungsweise auf das, was aus der Puppe wird, aber hier soll nicht zu viel verraten werden.
Über die absonderlichen Geschehnisse legt Cegavske einen minimalistischen Soundtrack. Dialoge gibt es gar keine, dafür klappert, gurrt, raschelt und flötet es im Miniaturwald, dass es eine Art hat. Die Tonspur entspricht exakt der optischen Gestaltung, die gerade in der radikalen Reduktion – einige Sequenzen sehen beinahe aus wie verfilmte abstrakte Kunst – einen beeindruckenden Formenreichtum auftut.
Auf der deutschen DVD-Veröffentlichung finden sich neben dem Hauptfilm zwei kürzere Arbeiten Cevaskes, die erkennbar Teil derselben Privatmystik sind wie Blood Tea and Red String. Hervorzuheben ist vor allem Blood and Sunflowers, ein einminütiges Trickfilminferno der Spitzenklasse.
Kritik von Lukas Foerster
Fotos: © Christiane Cegavske
Veröffentlicht am 22.12.2008
Film-Angaben:
Titel: Blood Tea and Red String (Blood Tea and Red String)
USA 2006
Laufzeit: 71 Minuten
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Regie: Christiane Cegavske
Drehbuch: Christiane Cegavske
Produktion: Christiane Cegavske
Musik: Mark Growden
Schnitt: Christiane Cegavske
Kinostart: k.A.
DVD-Angaben:
Titel: Blood Tea and Red String
Vertrieb: Cinema Surreal
Bild: 1,33:1, 4:3
Sprache(n): Audiokommentar Englisch, Instrumental (DD 2.0)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Spieldauer: 71 Minuten
Extras: Trailer, Audiokommentar, Miniaturgemälde, Produktionsfotos, Fotogalerie Charakter- und Plotentwicklung, Kurzfilme: „Blood And Sunflowers“ und „The Doll Maker“, b-ware! Trailershow
Deutsche Untertitel gibt es für den Audiokommentar des Hauptfilmes und der Bildergalerien.
Verleih ab: 12.12.2008
Verkauf ab: 18.12.2008
Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen Sie unseren Regeln zu.
11.03.2010
- Fall 39
- Ein Prophet
- Ajami
- Anvil!
- Die Fremde
- Auftrag Rache
- Parkour
- Agora - Die Säulen des Himmels
- Teufelskicker
04.03.2010
- Troubled Water
- Legion
- Everybody’s Fine
- Schwerkraft
- Blind Side - Die große Chance
- Precious - das Leben ist kostbar
- Lourdes
- Greenberg
- Das Gesetz der Straße - Brooklyn’s Finest
- A Single Man
- Die ewigen Momente der Maria Larsson
- Das Bildnis des Dorian Gray
- Chloé
- The Young Victoria
- Herbst
- Der fantastische Mr. Fox
- Gentlemen Broncos
- Micmacs - Der große Coup der kleinen Leute
- 8th Wonderland
- Im Schatten
powered by
- Die besten Filme des Jahrzehnts
- Abstimmung: Bester Film des Jahrzehnts
- Top Ten 2009
- Top Ten 2008
- Einführung











first!!