Winter's Bone

Die vielfach preisgekrönte Charakter- und Milieustudie schickt eine 17-Jährige auf eine Coming-of-Age-Odyssee durch ein Territorium, das an Slasher-Film-Settings erinnert.

Winter’s Bone 05

Winter’s Bone erzählt eine gleichzeitig universelle und spezifisch US-amerikanische Geschichte. Vielleicht ist das einer der Gründe für die zahlreichen Auszeichnungen, die Debra Graniks zweiter Langfilm in seiner Heimat erhalten hat, darunter den Großen Preis der Jury auf dem Sundance Film Festival 2010. Sundance hat traditionell eine Vorliebe für Sozialdramen und Milieustudien, die sich dem Leben der Unterprivilegierten und Ausgestoßenen der US-Gesellschaft annehmen, wie es bereits die Gewinner der Vorjahre Frozen River – Auf dünnem Eis (Frozen River, 2008) und Precious – Das Leben ist kostbar (Precious, 2009) auf wenig subtile Weise getan haben. Der vielschichtigere Winter’s Bone befasst sich zwar mit der Sozialstruktur einer verarmten und verwahrlosten Gemeinschaft, die wie Outlaws ihren eigenen Gesetzen folgt, beschränkt sich dabei aber nicht aufs Vorführen oder Belehren und geht über Genregrenzen hinaus, verbindet Charakterdrama und Thriller, Märchen und Ethno-Doku.

Die New Yorkerin Granik hätte allein aufgrund ihrer Sujet- und Schauplatzwahl wie ihre Regiekollegen Gefahr laufen können, sich am Rande des Elendsvoyeurismus zu bewegen und die Bewohner des klischeebelasteten Deliverance-Terrains der Ozark Mountains in Missouri als debile Hillbillies mit schlechten Zähnen, komischem Dialekt und Hinterwäldermanieren bloßzustellen. Graniks um Zurückhaltung und Ausgewogenheit bemühte Inszenierung ist auch nicht gänzlich frei von stereotypen Charakteren und Bildern, die meisten ihrer Figuren sind jedoch komplexer und ambivalenter gezeichnet, als man es üblicherweise im Kino vom abfällig betitelten „White Trash“ gewohnt ist, wie er aktuell wieder in Trash Humpers (2009) und Betty Anne Waters (Conviction, 2010) instrumentalisiert oder heroisiert wird.

Winter’s Bone 03

Graniks ebenfalls in Sundance ausgezeichneter Debütfilm Down to the Bone (2004) handelt von einer Supermarktkassiererin im New Yorker Ulster County, die ihre Kokainsucht mit nur wenig Hilfe von Ehemann, Freunden und Arbeitgeber zu überwinden versucht und die wie die 17-jährige Hauptfigur Ree Dolly (Jennifer Lawrence) in Winter’s Bone von ihrem sozialen und familiären Umfeld gleichermaßen geprägt wie emanzipiert wirkt. Beide Filme verschmelzen Orts- und Frauenporträt, und im Gegensatz zur mehrfach missbrauchten afroamerikanischen Precious-Märtyrerin rufen ihre Protagonistinnen mehr Respekt als Mitleid hervor. Sie kämpfen sich überwiegend im Alleingang durch ein oftmals restriktives und destruktives Milieu, in dem aber auch Mitgefühl und Unterstützung existieren.

Sowohl in Down to the Bone als auch in Winter’s Bone rückt die Regisseurin wiederholt eine US-amerikanische Flagge ins Bild. Ulster County symbolisiert die Kluft zwischen Reich und Arm als eine Region, die wohlhabende Städter als Erholungsgebiet nutzen, während ansässige Arbeiter von sterbenden Industrien betroffen sind. Die kokainabhängige Hauptfigur von Down verliert ihren Job nicht, weil sie Drogen nimmt und ihrem Vorgesetzten dies zunächst verheimlicht, sondern weil sie schließlich ehrlich und clean ist und somit am Supermarktlaufband zu langsam für die Leistungsgesellschaft. Die Ozark Mountains sind aufgrund ihrer Naturschönheiten eine Touristenattraktion, haben aber auch eine lange Tradition in der Herstellung illegaler Drogen. Der Handel mit Crystal Meth dient den Figuren von Winter’s Bone als Haupteinnahmequelle in einer von Arbeitslosigkeit gezeichneten Gegend, deren Verfall Granik mit vermüllten Hinterhöfen, ausgebrannten Trucks und verhärmten Gesichtern bebildert. Die monochrome Farbgebung und bis auf wenige Szenen naturalistische Ästhetik, die Kameramann Michael McDonough (New York, I Love You, 2009) bereits in Down einsetzte, verleiht dieser Welt eine bittere Schönheit.     

Winter’s Bone 04

Ree Dolly begibt sich wie eine klassische Heldin auf eine Odyssee durch dieses archaisch anmutende Gebiet, auf der Suche nach ihrem verschollenen Vater, einem Drogendealer, der die ärmliche Blockhütte der Familie nach einer Festnahme als Kaution verpfändet hat. Als er nicht zur Gerichtsverhandlung erscheint, drohen Ree, ihren zwei jüngeren Geschwistern und der psychisch kranken Mutter die Obdachlosigkeit, sollte er nicht ausfindig gemacht werden. Das Mädchen stößt bei ihren Nachbarn und Verwandten auf eine Mauer des Schweigens, auf unterschwellige und offene Gewalt, und vermutet, dass nicht nur ihr undurchsichtiger Onkel Teardrop (John Hawkes aus Deadwood, 2004-2006) mehr weiß, als er zugibt.

Das Besondere an Graniks Umsetzung ist, wie sie mit Genauigkeit und Geduld, in einem langsamen Erzähltempo und ohne unnötige Psychologisierung oder aufgesetzte Dramatisierung, die Rituale und Regeln der Ozark-Gemeinschaft darstellt und gleichzeitig eine bedrückend düstere Atmosphäre voller Anspannung und Gefahr kreiert. So ist ein sehr individueller Mix aus „National Geographic“-Doku und Gothic-Thriller entstanden, mit ein paar Shakespeare- und Texas Chainsaw Massacre-Anklängen. Dass Ree, die die 20-jährige Jennifer Lawrence (The Burning Plain, 2008) einnehmend reserviert als stoische und stolze Sensible verkörpert, aus Geldnot zur Armee gehen will, streift ganz nebenbei eine weitere Problematik US-amerikanischer Armut. Die mag in Winter’s Bone noch stärker als in Down to the Bone regional bedingt sein. Debra Graniks eigentliches Interesse gilt aber der daraus resultierenden menschlichen Verarmung und Vereisung, die ihre Filme zu universellen, unaufdringlich berührenden Winterdramen machen.

Trailer zu „Winter's Bone“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


wes.walldorff

...mein bish. KinoHighlight in 2011!!
- SEHR wohltuend zurückgenommen: NOCH WENIGER phys. Gewalt konnte man wirklich nicht zeigen resp. andeuten...
...auch SEHR bewegend die eingestreute Blue-Grass Musik (von der ich dann doch 2, 3 Minütchen mehr gerne gehört hätte...)






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.