Wholetrain
Ein Graffitifilm, der von der Deutschen Bahn unterstützt wird? So etwas kann es natürlich nicht geben. Und so musste Florian Gaag für den Dreh der entscheidenden Szenen seines Erstlings Wholetrain nach Warschau ausweichen.

Der „Wholetrain“ ist die Königsdisziplin der Graffitiszene: hier besprühen „Writer“ einen Zug oder eine S-Bahn an einem Stück, inklusive aller Waggons. Ein solcher Wholetrain muss der Münchner Writer-Crew KSL (Keep Steel Burning), bestehend aus David (Mike Adler), Achim (Jacob Matschenz), Elyas (Elyas M’Barek) und dem Neuling Tino (Florian Renner), unbedingt gelingen, will sie im Wettstreit mit der konkurrierenden ATL-Crew mithalten. Doch alle vier, allen voran der mehrfach vorbestrafte David, werden von Sorgen unterschiedlichster Art geplagt.
Der Deutsche Hip-Hop-Film steckt 2006 noch in den Kinderschuhen. Über die Jahre entstanden zwar einige Amateurproduktionen und Szenevideos, doch der bundesweite Durchbruch gelang bisher nur Till Hastreiters Status Yo! (2004). Dessen eindrückliches, halbdokumentarisches Werk setzte sich mit allen vier Elementen der Hip-Hop Kultur – Rap, Breakdance, DJing, Graffiti – auseinander. Gaags weit weniger ambitioniertes Projekt beschränkt sich, wie das erklärte Vorbild, der Klassiker Wild Style (1982), auf eine Disziplin.

Verbunden mit dieser Beschränkung ist eine relativ konventionelle Erzählstruktur. Die einzelnen Handlungsstränge verlaufen stets parallel und stehen dem zentralen Anliegen, der Vermittlung der Graffitikultur, nie im Wege. In diesem Sinne funktioniert Wholetrain denn auch sehr gut: Die Writer praktizieren unterschiedliche Sprühstile, übermalen gegenseitig ihre Werke, und benutzen andauernd tatsächlichen oder vermeintlichen Szeneslang à la „Burner“ oder „Rippen“. Hervorragende, von Regisseur Gaag selbst produzierte Beats, sowie Raps von Hip-Hop-Legenden wie KRS-One oder Freddie Foxxx untermalen das Ganze und sorgen dafür, dass man über die trotz ambitioniertem Handkameraeinsatz oft etwas uninspirierte visuelle Umsetzung hinwegsehen kann.
Schließlich weicht der etwas didaktische Tonfall, der sich zwischenzeitig einzuschleichen scheint, am Ende doch noch einer Prise der Anarchie, die für Graffitiwriting unabdingbar ist. Ein zweites Status Yo! ist Gaag dennoch nicht gelungen, wohl auch, weil er statt wie Hastreiter auf Laiendarsteller aus der Szene zu setzen – bis auf Gaag selbst und Mike Adler besitzt keiner der beteiligten Graffitierfahrung – hauptsächlich mit jungen Berufsschauspielern arbeitet. Ein unterhaltsames, streckenweise und vor allem auf der Tonspur überaus gelungenes Porträt einer Subkultur ist Wholetrain aber allemal.
Filmkritik von Lukas Foerster
Veröffentlicht am 25.08.2006
Kommentare zu Wholetrain
Simon Verhoeven 18.09.2006 14:56
Die Kritik von Foerster offenbart, dass der Kritiker wede Ahnung von Hip Hop noch von Filmkunst hat. " Status Yo" wirkt sowohl in der Ambition als auch in der Authentizität verglichen mit Gaags kompromisslosen Meisterwerk " Wholetrain" wie ein nettgemeintes, pretentiöses Hip Hop Filmchen des Deutschen Pädagogen verbands. Gaags Film hat nicht nur viel mehr Kraft, Wucht und Style, sondern ist vermutlich eines der ehrgeizigsten und eigentlich unrealisierbarsten Projekte des deutschen Films. Aber davon haben Filmkritiker in ihren warmen Stuben, fern von jeglichem Finanzierungskämpfen von Filmemachern natürlich null Ahnung. In Wholetrain werden massenhaft Züge manövriert, besprüht, allein die logistische Leistung hinter solchen Aufnahmen ist für einen Erstlingsregisseur kaum zu bewältigen und verlangt daher Bewunderung. Mal abgesehen davon, dass er diesen Film für unter 800000 Euro gemacht hat. Unfassbar.
Visuell als auch inhaltlich ist der Film von einer enormen Kraft und Finesse, aber auch einer Reife, die dem Kritiker völlig entgeht. Anstelle sich abgelutschter Videocilptechniken zu bedienen, hat Gaag neben der Handkamera und langen Linsen oft auch wunderschön komponierte, ruhige Zwischenbilder am Start.
Das Familienleben der Figuren ist nebenbei so autenthisch und berührend gezeichnet, wie ein Andreas Dresen es seit Jahren vergeblich versucht. Dazu hat Gaag hervorragende Dialoge und einen sehr ironischen Humor, weitere Qualitäten, die man in Deutschen Fillmen ( besonders solchen wie "Status Yo") vergeblich sucht.
Man wünscht sich mehr Kritiker, die die Kraft, die Anstrengung, den Style, die Originalität und letztendlich die Intelligenz hinter "Wholetrain" zu schätzen wissen. Von Florian Gaag wird noch einiges zu erwarten sein.
Simon Verhoeven 18.09.2006 15:10
Und noch was..
Von welchem Bundesweiten Durchbruch von " Status Yo" spricht Foerster eigentlich?
Ich kenne jedenfalles keine Hip Hops Jungs die diesen Film leidenschaftlich aufgenommen haben. Bei " Wholetrain" ist das anders. Die erfrischend politisch inkorrekte Kompromisslosigkeit, mit der Gaag die Kraft der Graffitikultur zeichnet, führt zu Staunen, Sprachlosigkeit und spontanen Applaus der Hip Hop Jünger, die " Wholetrain" gesehen haben.
Kein Wunder dass der Film das New Yorker Urban Fimfestival des Vibe Magazins gewonnen hat. Ein unglaublicher Erfolg für einen Deutschen Regisseur, als einziger Weisser unter neun, schwarzen Konkurrenten. Dass die Amis die Authentizität, Kraft und das Talent hinter Gaags Film sofort erkennen, war zu erwarten. Hierzulande wird er dann von ahnungslosen Kritikern in eine Reihe deutscher Hip Hop Filme wie "Status Yo" eingeordnet und in ihrem Kontext gesehen. Lächerlich. " Das grosse an " Wholetrain" ist eben, dass er keineswegs im Kontext der nettgemeinten, bisherigen deutschen Produktionen steht, was man ja auch am entschlossen " Deutsch Hip Hop befreiten" Soundtrack " erkennen kann. Wholetrain ist um Welten rougher, cooler und talentierter als Alles, was aus diesem Land bisher zur Hip Hop Kultur auf Celluloid gebannt wurde.
Er ist vielmehr mit Amerikanischen Produktionen wie "Wildstyle" zu vergleichen.
Aber sogar hier..gewinnt Wholetrain den Vergleich.
Zero 01.10.2006 12:05
Halten wir ihm eins zum guten: wenn ich mich in seiner (Foersters) Biographie nicht verlesen habe, ist unser Kritiker erst 25 Jahre alt und hat evt. noch nicht die Ahnung wie eine Kritik richtig ausgedrückt wird (hoff ich zuminderstens...)
Ansonsten bliebt nur nur wie immer zu sagen : Verurtteile nicht etwas das du nicht besser kannst / gemacht hast!!!!
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: Wholetrain
Deutschland 2006
Laufzeit: 82 Minuten
Regie: Florian Gaag
Drehbuch: Florian Gaag
Produktion: Sven Burgemeister, Christoph Müller
Darsteller: Mike Adler, Jacob Matschenz, Elyas M’Barek, Florian Renner
Kinostart: 05.10.2006
DVD-Angaben
Titel: Wholetrain
Vertrieb: Los Banditos Films GmbH
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1)
Untertitel: keine
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 85 Minuten
Extras: Making of; Audiokommentar; Interviews; Deleted Scenes; Trailer
Verleih ab: 04.06.2008
Verkauf ab: 07.08.2008
BERLINALE 2012

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