Vier Minuten

Ein kleiner, starker Film mit melodramatischem Kern und rauer Schale. In Vier Minuten von Chris Kraus spielen Hannah Herzsprung und Monica Bleibtreu Klavier im Knast und gewannen bereits mehrere Festivalpreise.

Vier Minuten

Zu Beginn zeigt die Kamera einen Schwarm Zugvögel am Himmel – und schwenkt dann hinunter auf den Stacheldraht der Gefängnismauern. Das Drama um Freiheit und Zwang, klar eröffnet schon mit dem ersten Motiv, wird am Ende zu einem beeindruckenden Schlussbild finden. Dazwischen erzählt Chris Kraus (Scherbentanz, 2002) die Geschichte zweier Charaktere mit den größtmöglichen Gegensätzen, die sich dennoch im Innern, in ihrem Schmerz ähneln. Monica Bleibtreu spielt die 80jährige Traude Krüger mit Brille und festem Dutt, eine Frau, die noch die Steifheit und Last aus deutschen Weltkriegszeiten mit sich herumträgt, die auf Manieren und gepflegte Ausdrucksweise Wert legt und ausgerechnet im Frauengefängnis Klavierunterricht gibt. Dort trifft sie auf die junge Jenny von Loeben (Hannah Herzsprung), musikalisch hochbegabt, aber renitent und aggressiv bis zur Selbstzerstörung. So wie die Lehrerin ihren Körper stets unter Kontrolle hält, stellt die Schülerin ihre Verletzungen aus: Sie wäscht sich nicht, beim Totengottesdienst für eine Mitgefangene frisst sie Popel, die einstigen Wunderkindhände – zerbissen. Immer steht sie kurz vor dem Gewaltausbruch. Doch Frau Krüger erkennt das Talent und Jenny ihre Chance: Sie soll bei einem Jugendmusikwettbewerb spielen. Antagonisten der ungleichen Heldinnen sind Gefängnispersonal und -insassen, vor allem aber stehen sich die Figuren selbst im Weg, denn nichts ist schwieriger, als über die eigenen Schwächen, den mühsam angelegten Gefühlspanzer hinauszuwachsen und frei zu sein – und sei es nur für vier Minuten.

Vier Minuten

„Wir hatten wirklich Angst, dass es ein Fernsehspiel wird mit Oma und Klavier, dass man die Figuren schon kennt: autoritäre alte Frau gegen junge Rebellin“, erklärte Kamerafrau Judith Kaufmann die konventionellen Gefahren, die durchaus im Stoff lauern. Doch der Regie von Chris Kraus und der Bildgestaltung gelingt es, nie in den Kitsch abzugleiten, nie in den Aufnahmen zu schwelgen oder zu versöhnlich zu werden – die Wut und die Musik treiben die Geschichte voran, und das sind zwei starke Kräfte. Aus Kostengründen musste Vier Minuten auf 16mm gedreht werden, doch das körnige, grobe Material verhindert eine gefällige Optik und unterstützt durch die Rauheit der Bilder den Eindruck ständig schwelender Gefühle, Aggressionen, unverarbeiteter Erinnerungen. Kaufmanns Kamera arbeitet häufig mit Gegenlicht, Unschärfen, Dunkelheit. Wenn die Gewalt eskaliert, zieht sich ihr Blick zurück. Dem folgt auch der Ton, wenn er heruntergeblendet wird und sich stattdessen auf die inneren Geräusche konzentriert – Herzschlag, Atmen – und auf die Motive der Erzählung – das allgegenwärtige Klavierspiel natürlich und leise und unaufdringlich immer wieder Vogelgezwitscher.

„So gib mir denn meine Freiheit wieder ...“ – der kindlich-tumbe Justizvollzugsbeamte und Musikliebhaber Mütze (Sven Pippig) wird von der strengen Klavierlehrerin auf Opernzitate geprüft. Die überzeichneten Nebenfiguren bergen eine weitere Gefahr für Klischees – da ist Jasmin Tabatabai erneut als Knastinsassin besetzt, Vadim Glowna als ein Abgrund von Vater –, doch sie alle tragen genug eigenen Realismus und Schmerz mit sich herum, um nie stereotyp, sondern tragikomisch zu werden. Humor und Ernsthaftigkeit sind in Vier Minuten geschickt ausbalanciert, zum einen durch den wechselnden Tonfall der Szenen, zum anderen innerhalb der Charaktere selbst, allen voran die trockene Frau Krüger. Ihrem Stoizismus wird viel zugemutet: Das Klavier lässt sie von Heavy Metal-liebenden Kriminellen transportieren, und damit Jenny nicht im unangemessenen Outfit zur Wettbewerbs-Vorrunde erscheint, müssen die beiden die Kleidung tauschen. Monica Bleibtreu in einem Shirt, das mit einem Haufen dampfender Scheisse bedruckt ist, auch noch ernste Dialoge sprechen zu lassen, ist schon gewagt. Dennoch: es funktioniert. Gleichzeitig macht eine in unvermittelt einsetzenden Rückblenden erinnerte Liebesgeschichte aus der NS-Zeit das lebenslange Trauma dieser so preußisch peniblen Musiklehrerin deutlich. Das Drehbuch von Chris Kraus ist durchdacht konstruiert, eine stückchenweise Informationsvermittlung hält die Spannung bis zum Schluss, vor allem aber trägt das großartige Spiel der beiden Hauptdarstellerinnen das Melodram wie die unterschwellige Komik, macht den Plot glaubwürdig und den Film berührend.

Vier Minuten

Am Ende hängt nicht nur für Jenny alles an den letzten vier Minuten. Würde das finale Stück dieses Musikfilms kraftlos oder aber aufgesetzt pathetisch klingen, hätte er im Ganzen nicht funktioniert. Doch der Komponistin Annette Focks ist es tatsächlich gelungen, eine Schumann-Sonate zum Explodieren zu bringen. Ihre Musik hat sicher viel dazu beigetragen, dass sich Vier Minuten bereits auf verschiedenen Festivals zum Publikumsliebling entwickelt hat. Seitdem ist auch Hannah Herzsprung als großes Nachwuchstalent entdeckt. Beim Casting für Vier Minuten hatte die 24jährige zunächst gelogen, denn Klavierspielen konnte sie nicht. Jetzt wirkt die Rolle wie für sie gemacht.

Kommentare


Martin Z.

Es ist einer der besten deutschen Spielfilme der letzten Jahre. Mit zwei überragenden Hauptdarstellerinnen (Monica Bleibtreu, Hannah Herzsprung), die sich als Antipoden ergänzen und an einander reiben. Beide agieren auf Augenhöhe und beide leiden unter ihrer Vergangenheit. Mit ungeheuerer Vitalität und Lebenskraft tritt die eine auf, die mit ihrer brachialen Gewalt auch vor Selbstverstümmelung nicht Halt macht. Die andere kommt mit dem preußischen Ideal von Zucht und Ordnung daher. Ihre raue Schale offenbart schon bald den weichen Kern. Dabei geht es aber doch eigentlich um Musik! Das Geniale ist aber nicht nur der schlichte Titel, der nur dem etwas sagt, der den Film gesehen hat, sondern die zweite Ebene, die bis in die NS Vergangenheit zurückreicht. Und drittens gibt es so ganz nebenbei eine kritische Schilderung der Zustände in Strafvollzug. . Und dann das furiose Finale! So eine Musik hat man so bisher noch nie gehört. Und - das ist bei diesem ernsten Thema wirklich erstaunlich - es gibt komische Szenen zum Lachen
Chris Kraus hat seiner Klavierlehrerin mehr als nur ein Denkmal gesetzt. Geschliffene Dialoge treffen oft ins Schwarze, wie z. B. bei der Begegnung vor dem entscheidenden Konzertauftritt:
Vater: „Ich wünsche dir viel Glück Jenny.“
Jenny: „Ich wünsche, dass du bald stirbst.“
Die Ausdruckskraft überwältigt und die emotionale Tiefe schafft Ergriffenheit bis an den Rand der Taschentuchbox.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.