Vic & Flo haben einen Bären gesehen

Von der Not des Abbiegens im Leben: Denis Côté sieht zwei Frauen dabei zu, wie sie versuchen, die Ketten ihrer früheren Identität zu sprengen.

Vic et Flo ont vu un ours 01

Die ersten Assoziationen, die ein Filmtitel weckt, sind manchmal doch die richtigen. Die niedlich abgekürzten Namen, die Hauptsatz-Struktur und das Auftauchen eines Tieres, all das legt einen Kinderfilm oder eine Animation nahe, jedenfalls einen kindlich-naiven Blick. Und tatsächlich hat Vic & Flo haben einen Bären gesehen (Vic+Flo ont vu un ours) einen Hang zum Märchen, allerdings zum düsteren. Denis Côté entführt uns in seinem neuen Film erneut in eine entrückte Welt, deren Verbindung zur unsrigen vor allem dann spürbar wird, wenn sie am meisten entfremdet wirkt. Côté war bereits letztes Jahr auf der Berlinale mit einem Film in aller Munde, dem Forums-Beitrag Bestiaire, der Tiere in einem Safaripark auf so ungewöhnliche Weise ins Bild setzte, dass eine eben solche Entfremdung stattfand. Die Leinwand als Tunnel zum Hirn über das sensorische Empfinden. Bei Vic & Flo ist die Transferleistung zwischen den körperlichen Gefühlen und Eindrücken hin zur Verarbeitung ungleich größer. Denn er lässt uns gleichzeitig an einer Geschichte und mehreren eindrücklich-skurrilen Protagonisten knabbern.

Vic et Flo ont vu un ours 02

Victoria und Florence sind zwei Figuren, wie sie einem Thriller, einer absurden Komödie oder schnurstracks dem Universum der Coen-Brüder entsprungen sein könnten. Victoria (Pierrette Robitaille) ist 60, unausstehlich trocken und gerade auf Bewährung aus dem Knast entlassen. Ihre deutlich jüngere Freundin Florence (Romane Bohringer) hat ihre Strafe bereits abgesessen, ist aber noch immer auf der Flucht. Und ab und an angelt sie sich auch einen Mann. Vor allem Vic schaut anteilslos-sarkastisch auf alles und jeden, der ihr begegnet: „In meinem Alter darf ich die Welt hassen.“ Gemeinsam spotten sie über den Bewährungshelfer, der ihnen Ratschläge fürs Leben gibt. Und sie gurken mit einem Golfmobil durch die Gegend, vom Haus auf die leere Straße zu einem Teich und durch den Wald einer nie greifbar werdenden quebecischen Provinz. Sie sind ziellos, das Überstehen des Alltags scheint Vics größtes Vorhaben. Ob Flo das lange aushält, darum kreist der ein oder andere Streit, worum es dem Film aber nie zu gehen scheint.

Vic et Flo ont vu un ours 04

Vic & Flo haben einen Bären gesehen ist kein Beziehungsdrama, sondern ein mäandernder Selbstfindungstrip zweier Frauen jenseits des Nervenzusammenbruchs, von denen eine sich schon fast aufgegeben hat. Und vielleicht wirken sie so deplatziert ohnehin nur, weil der störende Erwartungsfilter des aktuellen Festivalkinos ständig mitläuft. Mit den darin dominierenden Nuancen des Realismus, vom Handkameralook bis hin zum stylischen Retrochic hat Denis Côté jedenfalls nichts gemein. Es braucht also ein bisschen im Festivalkontext, um den Film in seiner Eigenständigkeit, schlicht für sich genommen, zu betrachten. Côté spart fast alles Biografische aus, die Konflikte treten in einem bizarren Raum von Empathie und Gleichgültigkeit auf, wo das Psychologische vor allem eine Frage der schauspielerischen Darstellung ist. Je entrückter der Film und auch die Figuren von ihrem Leben scheinen, desto mehr geht er uns an. Der zärtlich eingefangene gegenwärtige Moment erzählt alles, was wir wissen müssen. Die melancholischen Augen von Vic und der Funken im Blick von Flo.

Vic et Flo ont vu un ours 06

Mit fröhlich-bedrohlichen Trommelschlägen kündigt Vic & Flo haben einen Bären gesehen an, dass Unheil bevorsteht. Das Leben ist zu hart, als dass es nicht noch schlimmer kommen müsste. Die Schuld kann nicht mehr von ihren Schultern genommen werden. Von ihrer Existenz als Straftäterinnen und Ex-Knackis werden sich die beiden Frauen nicht lösen, man glaubt sie schon an ihrem Gang ablesen zu können. Es ist daher von Anfang an ein hoffnungsloses Unterfangen, alles. Dennoch weiß der Film die kleinen Samen der Zuversicht zu streuen, und mit dem märchenhaften Duktus vergeht einem auch die Hoffnung nicht. Das Unheil wird immer weiter hinausgezögert. Wenn es kommt, dann kann es dem Glauben an das Gute im Bösen, dem Vertrauen in die gerechte Fiktion, nichts mehr anhaben. Und Denis Côté ist ganz in seinem Element: Er lässt uns auflaufen, ein ums andere Mal.

Trailer zu „Vic & Flo haben einen Bären gesehen“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Luennemann

Sehr brutaler Film, bin froh, dass ich fruehzeitig raus gegangen bin.


Micha

Also wenn ich die Karten hätte bezahlen müssen, hätte ich mein Geld zurück verlangt.
Eine Story konnte ich da nicht erkennen. Leider habe ich mir das bis zum Ende angetan, viele waren klüger sind sind vorzeitig gegangen.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.