Urlaub vom Leben

Neele Leana Vollmar erzählt in ihrem ersten abendfüllenden Spielfilm von der Leere im Leben eines Bankangestellten. Ein unverhoffter Kurzurlaub veranlasst ihn, seine Umgebung neu zu entdecken. Entstanden ist eine behutsam, mit großer visueller Stilsicherheit erzählte Geschichte.

Urlaub vom Leben

Der Mann ist fertig. Wie eine altersschwache Dampfwalze schleppt er sich, in einem grauen Trainingsanzug, um das Rund des Sportplatzes. Er schnauft erschöpft, dazu schnarrt eine Orgel aus dem Off, und schließlich muss er sich, schon nach wenigen qualvollen Metern, übergeben. Wahrlich kein guter Start in den Tag für Rolf Köster (Gustav Peter Wöhler).

Später im Film wird er noch einmal joggen, aber da hat er schon eine Veränderung durchgemacht. Er ist immer noch kein Sportler, aber seine mühseligen Fitness-Versuche werden nun begleitet von einem aufmunternden Klavier-Scherzo - und von der jungen Lebenskünstlerin Sophie (Meret Becker), die seinem Leben eine andere Richtung gibt.

Köster, mit seinem Übergewicht und seinem Job in einer kleinstädtischen Sparkasse wohl so etwas wie die Quintessenz eines Kleinbürgers, steckt mitten in einer Midlife-Crisis. Zu Hause, in der Familie, in der jedes Mitglied seinen eigenen Weg nimmt, um sich der Realität zu entziehen, fühlt er sich als Fremder - seine Frau Helga (Petra Zieser) hat eine Affäre, und sein Sohn Paul (Philip Stölken) läuft immer mit einem Helm herum, als lauere hinter jeder Ecke eine tödliche Gefahr. Tochter Berit (Luisa Sappelt) hingegen betrachtet ihren Vater wie ein merkwürdiges Tier im Zoo. Er verhält sich auch merkwürdig, und die junge Regisseurin Neele Leana Vollmar erzählt davon in einer Exposition, in der jedes Bild sitzt. Wenn Köster sich allein am Frühstückstisch niederlässt - das gemeinsame Mahl mit der Familie erträgt er nicht - hört man das Ticken der Uhr, und sein Blick auf das Chronometer enthüllt in wenigen Einstellungen, zugleich optisch und akustisch, die Enge und den Überdruss. So saß auch schon Jack Nicholson als Warren Schmidt zu Beginn von About Schmidt (2002) an seinem Schreibtisch, die letzten Sekunden bis zur Pensionierung zählend.

Urlaub vom Leben

Von der Pensionierung jedoch ist Köster noch weit entfernt, er ist erst Mitte vierzig. Weil auch seinem Arbeitgeber auffällt, dass er ausgelaugt und unkonzentriert ist, bekommt Köster unvorhergesehen eine Woche Urlaub - Urlaub vom Leben. Seiner Familie verheimlicht er die kurze Freiheit und begibt sich auf eine Reise durch seine Stadt, entdeckt seine Umgebung und die Menschen darin neu. Dabei begleitet ihn die von Meret Becker gespielte Taxifahrerin Sophie.

Obwohl viele Szenen im Auto spielen, ist Urlaub vom Leben kein Roadmovie im eigentlichen Sinne. Bewegung gibt es nur auf dem engen Raum der Stadt. Die Geschichte wird mit sehr sorgfältig ausgesuchten und komponierten Bildern erzählt, sowie mit einer zaghaften Komik. Vollmar, Absolventin der Filmakademie Baden-Württemberg und nur 27 Jahre alt, hat sich dagegen entschieden, für ihre Alltags-Geschichte eine wacklige Handkamera zu benutzen. Das wäre durchaus nahe liegend gewesen und ist im aktuellen deutschen Film - zum Beispiel bei Andreas Dresen - bereits zu einiger Meisterschaft gebracht worden. Vollmar aber erzählt ihre kleine Geschichte mit großen Bildern und als behutsame Komödie.

Urlaub vom Leben

Urlaub vom Leben, der als Eröffnungsfilm bei den Hofer Filmtagen lief, ist ihr erstes Werk in Spielfilmlänge, einige Unsicherheiten im Rhythmus sind da durchaus zu bemerken. Meret Becker als quirlige Aussteigerin ist zwar der Anlass für Kösters Veränderung, bleibt selbst jedoch mehr Plot-Element als lebendige Figur. Die Veränderung selbst geht so langsam vor sich, dass an manchen Stellen der Eindruck entsteht, als trete der Film auf der Stelle. Im Ganzen gelingt jedoch ein sensibles Porträt einer auseinander fallenden Familie, ohne dass die Figuren ein einziges Mal bloß gestellt werden.

Der Schauspieler Gustav Peter Wöhler kann dabei mit seinem runden Gesicht ganz erstaunliche Dinge anstellen. Sein unbeholfenes Lächeln scheint sich gar nicht aus diesem massigen Körper heraus zu trauen, als würde ihm jedes Mal mitten in der Geste seine innere Obdachlosigkeit einfallen. Einmal jedoch sieht der zwangsbeurlaubte Bankangestellte Herr Köster fast glücklich aus, nämlich als er im Taxi den Kopf in den Nacken legt und in die Wolken schaut, und Holly Cole melancholisch dazu singt „Make it go away - or make it better“. Im letzten Bild des Films fährt die Kamera dann einfach in den Himmel. Und für Köster scheint es tatsächlich besser zu werden.

Kommentare


Christel.Walther

Mal komisch, mal traurig und nie langweilig. Vor allem für die, die in Bremen und Umgebung wohnen, interessant. Frage: Wo hat die Taxifahrerin ihren Taxischein gemacht, wenn sie mit Straßen so auf Kriegsfuß steht! Genial!!


Tina

Den Film von Neele Leana Vollmar Urlaub vom Leben habe ich gesehen. leider nicht mein Ding. An manchen Stellen entsteht der Eindruck, als trete der Film auf der Stelle.






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