Universal Soldier: Regeneration – Kritik

Rage inside the Machine.

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Luc Devereaux (Jean-Claude Van Damme) ist nicht nur kein normaler Mensch. Er ist überhaupt kein Mensch. Er ist ein lebender Toter, vom Militär mithilfe moderner Wissenschaft und Technologie wiedererweckt und zur hocheffizienten Kampfmaschine programmiert: ein Universal Soldier. Seine Effizienz wird gestört, weil ihn Erinnerungen an sein voriges Leben plagen. Gleichzeitig macht es ihm seine Programmierung jedoch unmöglich, sein nacktes Dasein mit Leben zu füllen. Er ist leer, eine Hülle, in der ein letzter Funken Bewusstsein glimmt und sich weigert zu erlöschen. Eine Therapie soll dieses Glimmen entfachen und ihn so zu einem funktionierenden Mitglied der Gesellschaft machen. Doch wie verzweifelt und aussichtslos das ist, wird klar, als Devereaux mit seiner Therapeutin eine Bar besucht, in einem Versuch, ihn an einem normalen Leben teilhaben zu lassen. Ein Mann betritt den Raum, ein Gast. Ganz instinktiv verschiebt sich Devereaux’ Aufmerksamkeit von seiner Therapeutin auf den Mann, wie bei einem Tier, in dessen Gesichtsfeld plötzlich etwas eingedrungen ist, was ihm signalisiert: Gefahr! Devereaux blickt den Mann an, fixiert ihn, überprüft ihn wie einen Feind. Er verwandelt sich plötzlich in den Soldaten, der jede Sekunde mit dem Angriff rechnet, jede Sekunde bereit ist, selbst anzugreifen. Und das tut er, ohne Vorwarnung. Er stürzt sich auf das Opfer, schlägt auf es ein, ohne Unterlass, ohne Gnade. In diesem Moment ist klar, dass es für ihn kein anderes Leben geben wird, geben kann als das einer Tötungsmaschine. Er ist ein Mann ohne Wahl.

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Andrew Scott (Dolph Lundgren) ist ein weiterer der untoten Soldaten. Aus dem Tiefschlag geweckt, soll ein einfacher, aus Ja- und Nein-Fragen zusammengesetzter Test seine Funktionstüchtigkeit sicherstellen, gewährleisten, dass der unbedingte Gehorsam nicht durch eine Spur menschlichen Zweifels oder den Anflug eigenen Willens gestört wird. „Do you often contemplate the complexities of life?“, lautet eine der Fragen, die der Wissenschaftler vorliest. „Yes“, antwortet die Maschine. Eine Spritze wird hervorgeholt, im Nacken, kurz unterhalb der Stelle, an der der Schädelknochen endet, angesetzt und injiziert. Noch einmal wird die Frage wiederholt: „Do you often contemplate the complexities of life?“ – „No.“ Die Maschine ist bereit zum Einsatz. Doch ist diese Pause zwischen der Frage und der Antwort nicht einen Hauch zu lang? Ist die Zeit, die bis zur richtigen Antwort vergeht, nicht genau die Spanne, in der Gehirnforscher und Philosophen den „Willen“ verortet glauben? Lügt Scott, die Maschine, spielt sie ihrem Herrn und Meister nur etwas vor? Oder ist der Keim des Bewusstseins durch die Injektion tatsächlich erfolgreich unterdrückt worden?

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Man hat Universal Soldier: Regeneration nicht kommen sehen. Als er erschien, da war er lediglich ein weiteres – mit Jean-Claude Van Damme und Dolph Lundgren zugegebenermaßen prominent besetztes – DTV-Sequel einer Reihe, die mit den beiden vorangegangenen Installationen baden gegangen und weitestgehend vergessen war. Ein totes Franchise, mit dessen Initialzündung der fleißige Schwabe Roland Emmerich sich 1992 noch für das Big-Budget-Eventkino empfohlen hatte, das er seitdem erfolgreich bedient. Man konnte sich als Actionfilm-Fan vielleicht auf Universal Soldier: Regeneration freuen, allzu große Erwartungen knüpfte aber sicherlich niemand an ihn. Doch der DTV-Actionfilm ist seitdem nicht mehr derselbe. Schon in den Jahren zuvor hatten Regisseure wie Isaac Florentine angedeutet, dass ein neues aufregendes Actionkino im Entstehen begriffen war, dass Hollywood nicht länger das Monopol auf Spektakel hatte, dass abseits des Mainstreams, der Zielgruppenanalysen und des durchgenormten Produktdesigns kompromisslose Filme möglich waren, die budgetäre Defizite durch Einsatz, Leidenschaft, technisches Knowhow und formale Finesse wettmachten. Der DTV-Actionfilm weckte die Hoffnungen nicht nur von Freunden des Genres: Er kristallisierte sich als echte cineastische Alternative zum Formelkino jeglicher Art heraus. Und Universal Soldier: Regeneration war der erste Film, der dieser Hoffnung etwas Handfestes entgegensetzte, der zeigte, dass die cineastische Utopie Wirklichkeit werden konnte. Als er freilich 2009 erschien, deutete noch nichts darauf hin, welcher Erdrutsch da ins Haus stand. (Ein Erdrutsch, der sich mit Erscheinen von Hyams’ Universal Soldier: Day of Reckoning seitdem zur apokalyptischen Erdplattenverschiebung ausgeweitet hat.)

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Universal Soldier: Regeneration bedient sich zunächst einmal einer sehr genretypischen Storyline: Terroristen bedrohen die freie Welt, verlangen für die Verschonung die Erfüllung ihrer Forderungen. Die Versuche der „Guten“, sie unschädlich zu machen, scheitern. Vor der Kapitulation bleibt eine letzte Chance, verkörpert durch einen Mann. Doch mit diesem Mann ist auch ein Risiko verbunden, weil er „außer Kontrolle“ geraten ist. Man kennt diesen Handlungsverlauf aus Dutzenden von Filmen. Und auch die Tragödie des Maschinenmenschen hat schon viele Filmemacher dazu inspiriert, sich zu fragen, wo das Menschsein und die Menschlichkeit eigentlich ihren Anfang nehmen. Hyams’ Universal Soldier: Regeneration ist also nicht nur ein furioser Actionfilm, aber er nutzt die brachiale Kraft dieses Genres zu einer besonders beeindruckenden Meditation über das Wesen des Menschen, den Wert des freien Willens und vor allem die unaufhaltsame Kraft des Lebens selbst. Sein Held ist der oben erwähnte Luc Devereaux und damit kein Mensch, sondern eine Maschine.

Anders als etwa Paul Verhoeven mit RoboCop (1987) oder James Cameron mit Terminator 2 – Tag der Abrechnung (Terminator 2: Judgement Day) (1991) betreibt Hyams keine sentimentale Vermenschlichung der Maschine. Was den Zuschauer für Devereaux einnimmt, sind nicht menschliche Eigenschaften, auch nicht ein tragisches Schicksal, wie es in Emmerichs Film thematisiert wurde. Es ist die Kluft zwischen seinem menschlichen Erscheinungsbild, dem Potenzial, an das es uns erinnert, und der Leere seines Blicks, der Eindimensionalität seines Handelns, dem Zwang, dem er unterworfen ist. Wie er fast „glücklich“ scheint, wenn er im stumpfen, ziellosen Dauerlauf auf einem Fließband seiner Bestimmung nachgehen darf; wie er sich nach der Spritze sehnt, die diesen winzigen, nagenden Zweifel aus seinem Bewusstsein löscht, der der Beweis seiner einstigen Menschlichkeit ist; wie er aufblüht, wenn er endlich wieder töten darf; wie dann plötzlich ein Rädchen ins andere greift, er sich mit der Agilität einer Raubkatze durch die Reihen der Feinde kämpft, während er zuvor, im Gespräch mit seiner Therapeutin, wie ein Klumpen geformten Lehms wirkte. Wie seine Existenz sich selbst widerspricht.

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Kampf als Befreiung: Das ist ein typisches Motiv des Actionfilms. Nicht nur im direkten Sinne, dass Unterdrückte sich gegen ihre Unterdrücker auflehnen, sondern auch dahingehend, dass der Kämpfer selbst in der Ausübung seines Berufs zu sich kommt, eins wird. John Rambo hat sich in Rambo III (1988) auf der Suche nach Seelenfrieden in ein thailändisches Kloster zurückgezogen, doch er findet ihn erst wieder auf dem Schlachtfeld, weil das seine Bestimmung ist. Bewegt er sich in der Zivilgesellschaft ungelenk, wirkt er dort immer so, als fühle er sich beobachtet und unwohl, so findet er im Kampf zu absoluter Leichtigkeit, muss sich nur noch dem Fluss der Dinge hingeben, um perfekt zu funktionieren. Der Actionheld ist ein Künstler: Wo sich bei diesem in der Schöpfung Geist und Körper vereinen, sich eine Art „göttlicher“ Wille durch seine Hände hindurch selbst verwirklicht, so erlebt der Actionheld diesen Zustand im Kampf. Luc Devereaux ist die tragische Steigerung jener Kämpfer aus Passion, da eine Reflexion über das eigene Sein und Handeln ganz ausbleibt oder vielmehr durch Injektion unterdrückt wird. Er fühlt zwar keine Befreiung mehr im Kampf, weil er ja nur noch ablaufendes Programm ist, aber er leidet, wenn er nicht kämpft; wie der Sportwagen, der nur in der Garage steht und nicht mehr ausgefahren wird. Anders als der Actionheld, der im besten Wortsinn ein „Handelnder“ ist, jemand, der anschiebt sozusagen, wird Devereaux nur gezogen von der Kraft des Programms. Sein Triumph ist nicht mehr der seine. Und der Moment, in dem er am besten funktioniert, ist auch jener, in dem er am wenigsten Identität besitzt, droht, sich ganz aufzulösen.

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Der Actionheld ist immer ein tragischer, der für sein Dasein einen hohen Preis entrichtet: Er kann nicht zur Gesellschaft dazugehören. Deshalb reitet er am Ende doch wieder allein in den Sonnenuntergang, auch wenn die Siedler, die er gerettet hat, ihn anflehen, zu bleiben. Deshalb scheitert sein Liebesglück, sterben seine Freunde, sobald er sie besucht, ist sein einziger Vertrauter sein Partner oder Armeekamerad. Aber er hat sich mit diesem Schicksal arrangiert. Der Actionfilm ist deshalb oft von Resignation und Desillusionierung geprägt, aber eben auch von Trotz und Auflehnung. Der Sprung in die Aktion hilft auch über die Einsamkeit hinweg. Universal Soldier: Regeneration ist anders. Er ist von einer tiefen, untröstlichen Traurigkeit erfüllt, einer Traurigkeit, die darin besteht, dass sein „Held“ gar keine Wahl hat, lediglich der ihm übergestülpten Bestimmung folgt. Dass es keinerlei Rolle spielt, wie er dabei empfindet. Dass es dem Rest Mensch, der tief verborgen in der Maschine schlummert, nicht gelingt, den Ablauf des Programms dauerhaft zu sabotieren. Dass es dem Ganzen sogar besser ginge, wenn der nagende Zweifel verstummte, der der letzte Beweis seiner menschlichen Vergangenheit ist. Der Actionfilm erzählt von Männern, die für das, woran sie glauben, durch die Hölle gehen. Universal Soldier: Regeneration erzählt von einem Wesen, das sich in die Hölle stürzt, damit es den Schmerz der Existenz nicht mehr ertragen muss. Der Actionheld sucht sich selbst und findet sich in der Schlacht. Luc Devereaux sucht die Schlacht, damit er sich nicht selbst finden muss. Doch der Zuschauer ahnt am Ende, dass er nicht ewig vor sich wegrennen können wird. Irgendwann wird der Zweifel so laut sein, dass kein Bombenhagel der Welt ihn mehr übertönt. Und da liegt dann die zauberhafte Schönheit, die Magie von Universal Soldier: Regeneration verborgen: wie inmitten des Todes, des Schmerzes, der Zerstörung das Leben einen Weg findet, sich zu behaupten. Wie aus der Abwesenheit des Bewusstseins Bewusstsein entsteht. Die Maschine plötzlich das Gegenteil von dem tut, was sie zu tun programmiert wurde.

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Es ist allzu leicht, diese Schönheit und Magie zu übersehen. Universal Soldier: Regeneration ist nämlich auch ein ausgesucht hässlicher, deprimierender Film. Oder vielmehr: Er folgt einer Ästhetik des Hässlichen. Aschfahle Grau- und Blautöne dominieren seine Farbpalette. Hauptschauplätze sind die Ruine des Atomkraftwerks von Tschernobyl sowie aseptische, von fahlem Licht beleuchtete Labors, Behandlungs- und Kontrollräume – nicht unüblich für einen DTV-Actionfilm, aber eben selten so dermaßen konsequent und homogen eingesetzt wie hier. Von der Tonspur wummert ein Industrialscore, der nur noch entfernt an Musik erinnert, weniger dazu dient, die Wirkung der Bilder zu verstärken, als ihnen kontrapunktisch entgegenzustehen. Es ist auch die Musik, die den Eindruck unterstreicht, das alles, was Universal Soldier: Regeneration zeigt, nur die Vorstufe zu noch tragischeren, noch tristeren, noch traurigeren Ereignissen ist. Der Film kriecht in einem anorganisch anmutenden, konvulsivisch zuckenden Rhythmus voran. „Fließende“, dabei aber eher brachial als elegant anmutende Actionszenen werden immer wieder von auffallend ruhigen, fast theaterhaften Dialogszenen unterbrochen, deren Ruhe wieder dem Chaos weichen muss. Universal Soldier: Regeneration kommt nicht zur Ruhe, er stürzt von Störfall zu Störfall. Wie sein Protagonist, diese Maschine, die sich aus der Umklammerung todesähnlicher Müdigkeit nur durch das Abspulen des Programms retten kann, wirft sich der ganze Film immer wieder in krampfähnlichen Anfällen nach vorn, bevor er sich wieder wie ein sterbendes Tier zusammenrollt.

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Es wird viel und überaus blutig gestorben. Und dann wird weitergemacht. Es gibt wenige Charaktere, die einem als Menschen nähergebracht würden: Die Therapeutin ist einer, doch auch sie ist letztlich nicht mehr als eine Sterbehelferin für den Menschen Luc Devereaux. Der russische Präsident, dessen Kinder von den Terroristen entführt wurden, ist bereit, sie zu opfern, um das Land zu retten. Er muss, wie er es seiner Frau erklärt, größere Dinge im Sinn haben als seine Person. Fast jeder definiert sich über seine Funktion mehr als über sein Sein. Die Ausnahme ist vielleicht der größenwahnsinnige Dr. Colin, der den Terroristen seine Weiterentwicklung des Supersoldaten zur Verfügung stellt: Doch auch der folgt wie besessen einem Weg, der für ihn in den Tod führen muss, ohne das zu erkennen und eine Kurskorrektur vorzunehmen. Auch die herausragend choreografierten und inszenierten Actionszenen, in diesem Genre sonst Moment der Katharsis und – wie eben geschildert – der Befreiung, unterstreichen den pessimistischen Grundton des Films. Im Handwerk der Universal Soldiers äußert sich die nackte Effizienz, es ist nicht Ausdruck von Emotionen, sondern das glatte Gegenteil davon. Wie unter Zwang gehen Devereaux und seine Leidensgenossen ihrer Bestimmung nach, freudlos, maschinell und mit ökonomischer Geradlinigkeit verfolgen sie ihr Ziel. Ein Versagen ist nicht vorgesehen. Mehr noch als die Unmenschlichkeit der Wissenschaft, die Maschinenmenschen als Vollstreckungsgehilfen konstruiert, nimmt Hyams die dehumanisierende Wirkung von Kampfeinsätzen ins Visier. Es gibt keinen Triumph in Universal Soldier: Regeneration. Nur das Töten. Umgeben von Granat- und Kugeleinschlägen, inmitten von Heerscharen von Feinden, kann es keine Menschlichkeit mehr geben. Der Mensch verwandelt sich in eine Maschine, die funktionieren muss. Und je besser sie funktioniert, umso mehr verschwindet auch das Menschliche.

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Universal Soldier: Regeneration endet damit, dass Devereaux flieht. Er hat seine Mission erfüllt, jetzt entweicht er dem Zugriff der Menschen, die ihn benutzen. Wohin, das weiß er nicht. Er wird getrieben von einem Impuls, der ihm unerklärlich ist. Von jenem Kern, der sich dem Funktionieren verweigert, selbst um das Überleben im Mechanismus kämpft. Es ist ein Kampf, der Devereaux im Inneren zerreißt. War Andrew Scott dem Verstehen nähergekommen als er? „Now I remember what I wanted to tell you“, hatte er dem überlegenen Devereaux nach verlorenem Zweikampf gesagt. Doch der wollte nicht hören, was seinem Leidensgenossen, der Maschine mit dem Bewusstsein, eingefallen war. Er hatte ihm einfach den Kopf weggepustet.

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