Tony Takitani

Ein hypnotisch einnehmendes Drama vom Leid eines einsamen Illustrators mit den Frauen. Nach einer Erzählung von Haruki Murakami.

Tony Takitani

Es passiert nicht allzu oft, dass ein asiatischer Schriftsteller im deutschsprachigen Raum derart von den Medien gehypet wird, wie es in den letzten Jahren bei Haruki Murakami der Fall war und noch immer ist. Eine ständig wachsende Anzahl an Neuübersetzungen fand dank Murakamis zugänglichem Schreibstil und seiner Vorliebe für tragikomische Geschichten rund um das Thema Liebe eine breite Anhängerschaft. Zwar wurden seine Bücher schon in den frühen Neunzigern ins Deutsche übersetzt, das enorme mediale Echo trat jedoch erst ein, als es wegen Murakamis „Gefährliche Geliebte“ zu einer folgenschweren Auseinandersetzung im Literarischen Quartett kam, die schließlich zu dessen endgültigem Aus führte.

Betrachtet man das umfangreiche Werk und den internationalen Erfolg Murakamis, verwundert es, dass Jun Ichikawa der erste Regisseur ist, der den Versuch unternimmt, eines der Werke als Vorlage für einen Film zu verwenden. Mit Tony Takitani fiel die Wahl auf eine eher unbekannte Erzählung, die von Ichikawa in eine streng stilisierte Bildsprache übertragen wurde. Die Handlung selbst beschränkt sich dabei auf ein Minimum: Von seinen Eltern vernachlässigt und ohne jegliche emotionale Beziehung, ist der introvertierte Mittvierziger Tony Takitani ein Leben in Isolation gewohnt. Als er in der jüngeren Eiko die Liebe seines Lebens findet, heiratet er sie rasch und findet in der harmonischen Zweisamkeit sein persönliches Glück, wovon ihn auch die zwanghafte Kaufsucht seiner Frau nicht abbringt. Nachdem Eiko bei einem ihrer Einkäufe tödlich verunglückt, ist Tony erneut allein.

Tony Takitani

Ironischerweise wird die gebrochene Hauptfigur vom japanischen Komiker Issey Ogata verkörpert, der mit seinem Katalog des Großstadtlebens auch schon auf deutschen Bühnen zu sehen war und den man außerdem in Edward Yangs Yi Yi (2000) als Geschäftsmann erleben durfte. Dass er neben seinem komödiantischen Talent auch mit einer Begabung fürs ernste Rollenfach ausgestattet ist, wird in seiner überzeugenden Darstellung eines emotional verkümmerten Sonderlings in Tony Takitani deutlich. Die minimalistischen Yuppie-Interieurs des fast vollständig in Braun- und Grautönen gehaltenen Films unterstützen Ogatas Spiel der leisen Töne und unterdrückten Emotionen dabei. In den durchgestylten Settings, den sorgfältig und asketisch durchkomponierten Bildern und der ästhetischen Präzision, mit der Ichikawa teure Designerkleider in Szene setzt, zeigt sich deutlich, dass er sein Handwerk mit Werbespots erlernt hat. Die Einstellungen wirken in ihrem sterilen Hochglanz zwar streckenweise zu glatt, jedoch bettet er sie in eine komplexe Struktur aus Bildern, Musik und Worten ein, die sich zu einem faszinierenden Mosaik aus verschiedenen Sinneseindrücken zusammensetzen.

Tony Takitani

Wenn Ichikawa seinen Film mit einen permanenten voice over unterlegt, versucht er erst gar nicht die literarische Vorlage zu verschleiern, sondern macht sie dadurch nur noch präsenter. Das Erstaunliche ist allerdings, dass dieses gewagte Unterfangen gelingt und der im Kino sonst schnell nervende Off-Kommentar mit der Handlung des Films perfekt harmoniert. Am besten zeigt sich das, wenn von der Erzählstimme angefangene Sätze durch die Protagonisten zu Ende gesprochen werden. Der Film gleicht in seinem meditativen Rhythmus, der durch die permanente Wiederholung bestimmter audiovisueller Elemente erreicht wird, mehr einem Musikstück als einem Film. Die auf einfache Kamerabewegungen reduzierte Bildsprache verbindet sich mit der beruhigenden Erzählerstimme und der ständigen Präsenz des, großartig an die formale Klarheit des Films angepassten, Solo-Piano-Soundtracks von Ryuichi Sakamoto zu einem hypnotisch einnehmenden Gesamtwerk. Tony Takitani ist nicht nur jedem Leser von Murakamis Büchern wärmstens empfohlen, sondern auch oder gerade denjenigen, die mit seinen Büchern bisher nicht allzu viel anfangen konnten. Denn obwohl sich der Film literarischer Stilmittel bedient, wird ein ganz eigener Kosmos geschaffen, der in der Gesamtkomposition und dem Aufbau mit der Vorlage genauso wenig zu tun hat, wie mit dem Großteil an Literaturverfilmungen.

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