Die Legende von Prinzessin Kaguya

Eine Herausforderung für unsere Fantasie. Isao Takahata bringt das vielleicht bekannteste japanische Märchen auf die Leinwand und überrascht dabei mit ästhetischem Wagemut.

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Schon seit einiger Zeit zeichnet sich ein Generationenwechsel im ehrwürdigen Animationsstudio Ghibli ab. So hat Hayao Miyazaki mit einem lauwarmen Lüftchen (Wenn der Wind sich hebt, Kaze Tachinu, 2013) seine Regiekarriere beendet und die Zukunft des japanischen Animationskinos in die Hände seines Sohnes Goro (Der Mohnblumenberg, Kokuriko-zaka kara, 2011) gelegt. Doch daneben feiert ein weiterer, immer ein wenig im Schatten von Miyazaki stehender Gründervater des Studios seinen großen Triumph. In Deutschland kennt man Isao Takahata vor allem als Regisseur von Fernsehserien wie Heidi (Arupusu no Shōjo Haiji, 1974) oder Niklaas, ein Junge aus Flandern (Furandāsu no Inu, 1975), später dann auch wegen seines niederschmetternd realistischen Kriegsdramas Die letzten Glühwürmchen (Hotaru no haka, 1988). Wenn sich Takahata nun der „Geschichte vom Bambussammler“, des ältesten noch erhaltenen japanischen Märchens, annimmt, überrascht es nicht, dass daraus ein im besten Sinne klassischer Film geworden ist, der gleichermaßen als fantastische Coming-of-Age-Geschichte, todtrauriges Liebesmelodram und höfische Komödie funktioniert. Erstaunlich bei dieser im gemächlichen Tempo, dabei aber stets mitreißend erzählten Geschichte ist vielmehr, dass Takahata zeigt, welche grenzenlosen visuellen Möglichkeiten selbst ein sehr kommerzieller Animationsfilm hat.

Nicht noch detaillierter und realistischer

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Im Gegensatz zu den Produktionen der großen amerikanischen Studios, die mit ihren möglichst lebensechten Animationen ästhetisch oft etwas unbefriedigend das Uncanny Valley umkreisen, gibt man sich im Studio Ghibli auch heute noch erfrischend old school. Die besondere Qualität der Filme besteht gerade darin, traditionsbewusst zu bleiben, sich nicht gierig auf jede technische Neuerung zu stürzen, nicht noch detaillierter und realistischer sein zu müssen. Die Legende von Prinzessin Kaguya (Kaguyahime no monogatari) geht in dieser Hinsicht noch deutlich weiter als viele andere, auch schon recht minimalistische Ghibli-Produktionen. Für ein Gesicht braucht es hier nur ein paar Pinselstriche, die eher andeuten als vollständig modellieren. Und auch die ursprüngliche Naturlandschaft mit ihren Wäldern und Bergen, in denen ein mittelloses altes Ehepaar eine winzige Prinzessin in einem Bambusrohr findet, behält immer etwas Skizzenhaftes, bleibt an den Rändern der pastellfarbenen Bilder ausgefranst und in den Einzelheiten diffus. Dabei stellt das Unfertige keinen Mangel dar, sondern eine Herausforderung an unsere Fantasie.

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Mit dem Begriff der Reduktion lassen sich die Bilder von Prinzessin Kaguya aber schon deshalb nicht greifen, weil Takahata sich nicht mit einer einheitlichen Ästhetik zufriedengibt. Wenn das ungewöhnlich schnell heranwachsende Mädchen durch großzügige Almosen von Mutter Natur ein eigenes Schloss in der Stadt bekommt und sich an ein neues Leben anpassen muss, weil es angeblich seine Bestimmung ist, greift der Film immer wieder auf unterschiedliche Techniken zurück, auf Tuschezeichnungen ebenso wie auf Aquarelle oder Radierungen. So genau konzipiert das Drehbuch von Takahata und Riko Sakaguchi ist, so experimentierfreudig zeigt sich der Film, wenn es um seinen Look geht. In einer der beeindruckendsten Szenen flieht die verzweifelte Prinzessin in wilder Raserei von ihrem goldenen Käfig zurück in den Schoß der Natur, während sich ihre Silhouette langsam auflöst und die Leinwand von fast abstrakten Flächen zitternder Schraffuren beherrscht wird.

Ein unnatürliches Leben

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Ähnlich wie in den Filmen von Miyazaki steht auch im Zentrum von Prinzessin Kaguya eine idealisierte Natur, die für die Protagonistin zum Sehnsuchtsort wird. Wo die Prinzessin hingehört, daran lässt Takahata keinen Zweifel. Als Kind kann sie sich noch frei entfalten, die Schönheiten und Gefahren der Natur entdecken, Lieder singen und mit den etwas groben Nachbarskindern spielen. Wenn ihr später am Hof von einer spaßbefreiten Anstandsdame gelehrt wird, wie sich eine Prinzessin zu verhalten hat, kann man dabei zusehen, wie das Leben aus ihr weicht. Von nun an wird ihre ungezügelte Energie, ihre Neugier aufs Leben von der eisernen Disziplin des höfischen Alltags unterdrückt, und wenn man Kaguyas neues Leben – in dem sie die Männer, die ihr vorgeschlagen werden, nicht lieben will und den Bauernjungen Sutemaru nicht lieben darf – mit einem Wort beschreiben müsste, so wäre das „unnatürlich“. Der einzige Hoffnungsschimmer, der ihr bleibt, ist ein Stück Garten und damit eine letzte Erinnerung an die glücklichen Tage von einst. Nur wenn am Himmel die Vögel ihre Runden drehen, hellt sich ihr Gesicht noch einmal kurz auf, denn sie stehen für die Freiheit, die sie selbst so schmerzlich vermisst. Das klingt vielleicht ein wenig abgedroschen, aber in der zauberhaften und doch so gar nicht infantil harmlosen Welt, die Takahata mit diesem Film geschaffen hat, wirkt es so aufrichtig, dass es einem das Wasser in die Augen treibt.

Trailer zu „Die Legende von Prinzessin Kaguya“


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