The Messenger

Der Krieg der Gefühle auf den Gesichtern der Heimat: Oren Movermans The Messenger startet mit einiger Verspätung in den deutschen Kinos, hat aber trotz veränderter politischer Verhältnisse nichts an Aktualität eingebüßt.

The Messenger

Ist es verfrüht, mit Blick auf jene Filme, die sich der „neuen“ amerikanischen Kriege in Afghanistan und im Irak annehmen, von einer sich allmählich abzeichnenden charakteristischen Form zu sprechen? Denn schon jetzt lassen sich Tendenzen wahrnehmen, von denen eine als Zug zum „kleinen Kriegsfilm“ bezeichnet werden könnte. Filme, die ihre Perspektive explizit verengen, nicht die „großen“ Fragen nach Sinn und Tragik des Krieges, dem menschlichen Schicksal und seiner Herausforderung angesichts massenhaften Mordens stellen, sondern an isolierten Aspekten interessiert sind, Binnenschauplätzen eines Geschehens, das aus einer globalen Perspektive nicht mehr fassbar erscheint. Man mag darin die filmische Antwort auf eine neue Pluralität der Bedrohungen erkennen, eine Reaktion auf die Bedingungen jener häufig beschworenen „asymmetrischen Kriegsführung“, auf die Undurchschaubarkeit der Motivationen aller Beteiligten.

Oren Movermans The Messenger wäre dabei wohl einer der konsequentesten Vertreter dieser Bewegung, deren bisheriger Höhepunkt (wirtschaftlich wie künstlerisch) Kathryn Bigelows Tödliches Kommando (The Hurt Locker, 2009) ist. Dabei begibt sich The Messenger zu keinem Zeitpunkt an die unmittelbaren Schauplätze eines Krieges. Er kartographiert ein noch weitgehend unerschlossenes Kampfgebiet, die häufig zitierte „Heimatfront“. Jedoch behandelt er diesen meist metaphorisch verwendeten Begriff als Faktum und integralen Bestandteil kriegerischer Auseinandersetzung. Insofern ließe er sich in der Tradition von Rambo (First Blood, 1982) verstehen, eines früheren „kleinen Kriegsfilms“, der im Gefolge Vietnams die Frontlinie bis in die zerrüttete Heimat hin ausweitete.

The Messenger

Moverman etabliert ein geradezu klassisch organisiertes Handlungsszenario, in dem vertraute Strukturen der Kriegsfilmerzählung auf amerikanischem Boden Verwendung finden. Es gibt die Einheit, die Basis, das Gefüge militärischer Ränge und der daran gekoppelten Machtkonflikte, Missionen, Taktiken, protocol und procedures. Der Irakheimkehrer Sergeant Montgomery (Ben Foster) wird dem Captain Tony Stone (Woody Harrelson) zugeteilt, um, nach einem tödlichen Zwischenfall im Nahen Osten, seine verbleibende Dienstzeit damit zuzubringen, den Familienangehörigen gefallener Soldaten die tragische Botschaft vom Tode zu überbringen.

The Messenger

Moverman dehnt die Dimensionen des Schlachtfeldes weit über die amerikanische Landschaft, lässt sein Duo lange Strecken mit dem Auto zurücklegen, in verschiedenste soziale Milieus und familiäre Strukturen eindringen, vielfältige Formen des Schocks, der Wut, der Leugnung und Furcht erleben. Die Fronten verlaufen quer durch soziale Schichten, Volksgruppen, Familien und schließlich Individuen, sie reißen auseinander, trennen Heimat vom Ort des Todes, Vergebung von Zerwürfnis. Freilich wirkt dieser offen demokratische und humanistische Blick etwas fragwürdig, wird hier doch eine amerikanische Gesellschaft konstruiert, die es in dieser egalitären Verteilung des Schicksals wahrscheinlich nicht gibt.

Dabei bleibt die Kamera immer auf Augenhöhe mit ihren Figuren, mischt affektive Gesichtsbewegungen mit Momenten der Einsamkeit in Räumen und Fluren leerer Häuser. Anstatt seine Figuren in schräge Winkel und enge Bildkader zu drängen, reagiert Moverman auf das Spiel der Emotionen, nähert sich und gibt Raum frei. Zwischen den „Einsätzen“ bleiben Bilder meist statisch oder im ruhigen Fluss, im Einsatz springt und hüpft die Kamera in der Hand und auf der Schulter, sucht stimmige Bildkompositionen und verliert sie, zittert nach dem Drücken der Klingeln und vor dem Öffnen der Tür, rennt auf der Flucht vor zornigen Vätern. Die Nachrichtenübermittlungen sind inszeniert wie viele zeitgenössische Kriegsfilme, mobil, hektisch, nah am Geschehen. Moverman verlängert die Psychologie seiner Figuren bis in die Bildgestaltung, unterschiedliche Grade der Bewegtheit spiegeln sich in emotionalen Situationen der Verwirrung und zurückgezogener Verarbeitung.

The Messenger

Doch mehr noch als die Weiten Amerikas sind die Gesichter seiner Menschen der eigentliche Schauplatz dieses Krieges. Hier gelingt Moverman Bemerkenswertes, indem er das intensive Wirken der Gefühle und die Bewegungen dieses Wirkens mit scharfen Kontrasten zeichnet, das Spiel der Emotionen in ein Spiel mit Licht und Dunkelheit übersetzt. Licht wird in The Messenger in seine Extremwerte Schwarz und Weiß aufgespalten, mit teilweise minimalen Nuancen in den Graubereichen. Hell und Dunkel stehen einander gegenüber als Fluchtlinien der Sichtbarkeit und des Rückzugs in Isolation und Wahnsinn. Das Licht zeichnet in Gesichter und Räume die Bruchlinien des Krieges, seine Intensität und die Größe des Einsatzes. Hier offenbart Moverman einen Humanismus des Leidens, der im Kampf mit dem Trauma als einzigen Ausweg die intensive Erfahrung der Widersprüchlichkeit und Absurdität des Lebens erkennt. Wer seine Gefühle ausbrechen lässt, geht den notwendigen Kampf ein, ist mutig und ermöglicht Reaktion, Interaktion.

The Messenger

Der Krieg wurde, indem er sich fragmentierte, zerschlagen in eine Unzahl sich gegenseitig durchkreuzender, häufig widersprüchlicher oder gar voneinander isolierter Diskurse, die sich entlang wirtschaftlicher, politischer, religiöser und ethischer Achsen organisieren. Ist es in diesem Zusammenhang noch sinnhaft, von „einem Krieg“ zu sprechen? Wer trifft auf wen? Die kollektive Bindung von Konfliktparteien wird zerrieben zwischen ineinander verkeilten Handlungsgrundlagen, und in der Folge sticht das Individuum als Akteur und Protagonist dieser Auseinandersetzungen hervor. Wo wer wann steht und warum und wofür er kämpft, kann, wenn überhaupt, nur mehr auf individueller Ebene annähernd widerspruchsfrei und mit dem gebotenen Maße an Präzision und Einfühlungsvermögen beschrieben werden. Insofern entdeckt der aktuelle Kriegsfilm, allen voran The Messenger, den Einzelmenschen und sein Gesicht als den wirklichen Schauplatz des Krieges. Bleibt zu hoffen, dass seine Perspektive sich in Zukunft über amerikanische Schicksale hin ausdehnt, um auch die Individualität und Menschlichkeit der „Feinde“ gebührend zu würdigen.

Trailer zu „The Messenger“


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