King of Devil's Island

Vor düsterer Naturkulisse braut sich ein Aufstand zusammen. Die jugendlichen Insassen einer Besserungsanstalt wehren sich gegen sexuellen Missbrauch. 

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Mit Dramen über Jugendliche kennt sich Regisseur Marius Holst mittlerweile aus. Filme wie Cross my Heart and Hope to Die (Ti kniver i hjertet, 1995) und Mirush und sein Vater (Blodsbånd, 2007) erforschen die Gefühlswelt ihrer jungen Protagonisten und erzählen vom schmerzhaften Prozess des Erwachsenwerdens. Holsts neuer Film bleibt diesem Kurs treu, fällt aber eine deutliche Nummer größer aus. King of Devil's Island (Kongen av Bastøy) ist eine opulente Großproduktion und einer der bislang teuersten norwegischen Filme überhaupt. Schauplatz ist Bastøy, eine Gefängnisinsel in der Nähe von Oslo. Wir schreiben das Jahr 1915, als die Sitten noch rauer waren und sich auf der Insel eine Besserungsanstalt für Jugendliche befand.

Wegen Mordes wird Erling (Benjamin Helstad) nach Bastøy geschickt und muss gleich zu Beginn seine alte Identität hinter sich lassen. Hier ist jeder Insasse nur eine Nummer, Erling etwa die C19. Zunächst spielt der Neuling konsequent den harten Hund, unternimmt schon bald seinen ersten Fluchtversuch und bemüht sich nach einer Reihe von Rückschlägen und Schikanen, sich mit dem System zu arrangieren. Doch die ewigen Erniedrigungen lassen nicht nach, und labile Gefangene wie Ivar (Magnus Langlete) werden vom sadistischen Hausmeister Bråthen (Kristoffer Joner) sexuell missbraucht. Als sich Ivar schließlich das Leben nimmt, kommt es zum Aufstand.

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Die Gefängnisinsel inszeniert Holst als einen Ort voll düsterer Romantik. Das Meer wütet, der Himmel bleibt stets von Wolken verdunkelt und lässt nur hin und wieder einige grelle Strahlen Sonnenlicht auf die bleichen Gesichter der Jungen fallen. Aus den Bildern von John Andreas Andersen ist jegliche Farbe und damit auch das Leben gewichen. Mehrmals sind Aufnahmen eines Wals zu sehen, der in Zeitlupe aus dem Wasser auftaucht. Aus dem Off erzählt Erling, wie er dieses zähe Tier, das mit drei Harpunen im Körper noch immer weiterschwamm, einst jagte. Doch eigentlich ist er selbst dieser Wal. Je mehr sich seine Gegner auf ihn stürzen, desto entschiedener kämpft er gegen sie an. Die Meeresmetaphern ziehen sich durch den gesamten Film. In Briefen an eine zunächst noch Unbekannte, die von der Inhaftierung nichts wissen soll, beschreibt Erling seinen Aufenthalt etwa als Schiffsfahrt.

In der Anstalt gibt es eine klar definierte Hierarchie. Auf der einen Seite befinden sich Heimleiter Bestyreren (Stellan Skarsgård) und seine Untergebenen, die mit eiserner Faust regieren, auf der anderen die gebrochenen Jungen. Die größte Spannung zieht der Film aber aus jenen Figuren, die sich zwischen diesen Polen bewegen. So wie der Blockwart Olav (Trond Nilssen), der zwar mit dem rebellischen Erling sympathisiert, wegen seiner baldigen Entlassung aber nicht negativ auffallen will.

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Obwohl Erlings Wandlung vom Individualisten zum Kämpfer für die Gemeinschaft im Mittelpunkt der Handlung steht, scheint sich für Holst an der Entwicklung Olavs doch ein wichtigeres Anliegen abzuzeichnen: Wenn du ein Unrecht mitbekommst und nicht einschreitest, machst du dich auch schuldig. Da mag es kein Zufall sein, dass in den letzten Jahren immer wieder Missbrauchsfälle in staatlichen und kirchlichen Institutionen Europas ans Tageslicht kamen. Denn auch hier will niemand etwas mitbekommen haben. Dieser moralische Konflikt plagt gleich mehrere Figuren des Films, nicht zuletzt den Heimleiter, der den Missbrauch verschweigt, um seinen ausschweifenden Lebensstil nicht aufgeben zu müssen.

Neben diesem aktuellen Bezug erzählt King of Devil's Island im Grunde genommen dieselbe Geschichte, die es schon in unzähligen Filmen über Erziehungs- oder Jugendstrafanstalten zu sehen gab: das Zurechtfinden in einer neuen Gemeinschaft, die Unterdrückung durch andere und schließlich der Befreiungsschlag. Holst folgt diesem Muster auf ausgesprochen konventionelle, fast schon biedere Art und Weise. Mit Werken wie Lindsay Andersons If… (1968) oder Alan Clarkes Scum (1979), die mit denselben Motiven sowohl inhaltlich wie formal einen weitaus radikaleren Weg einschlagen, hat das alles nichts zu tun.

Doch radikal oder unkonventionell will King of Devil's Island auch gar nicht sein. Holst hat eine bewährte Geschichte auf bewährte Weise fürs breite Publikum inszeniert. Nimmt man diese nicht besonders hohen Ansprüche, die der Regisseur damit an sich selbst stellt, ist ihm durchaus ein schöner, in sich stimmiger Film gelungen: ein Coming-of-Age-Melodram vor historischem Setting, mit großen Emotionen und einem kämpferischen Aufruf zur Zivilcourage. 

Trailer zu „King of Devil's Island“


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