The Ides of March - Tage des Verrats

Die Rolle, die es gar nicht gab: George Clooney inszeniert sich selbst als Präsidentschaftskandidaten, der im Original nie zu sehen war. Dem hat er nichts hinzuzufügen.

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Dieser Mann brennt für seine Sache. Stephen (Ryan Gosling), Pressesprecher von Gouverneur und Präsidentschaftskandidat Mike Morris (George Clooney), lässt keinen Zweifel an seinem Engagement und seiner Gutgläubigkeit. Zu Beginn sitzt er Ida (Marisa Tomei), einer Journalistin der New York Times, im Restaurant gegenüber. Es ist eine dieser Szenen, die glaubhaft machen sollen, dass wir hier hinter die Kulissen der Politik blicken dürfen, wo Journalisten selbst Teil der Geschichte sind. Das Ende des Abends naht, da fragt ihn Ida geradeheraus, ob er denn wirklich an seinen Kandidaten glaube. Wirklich. Er müsse doch wissen, dass die einzige relevante Auswirkung von Erfolg oder Misserfolg der Kampagne seine eigene berufliche Zukunft sei. In ein paar schlichten Sätzen hat Ida das ganze thematische Spektrum des Films aufgefächert: Wie interagiert das Individuum mit dem Versprechen von Macht? Eine ehrliche Antwort kann sie von ihrem Gegenüber gar nicht erwarten. Doch der wirkt wie ein Kind, das Ironie nicht versteht, er lässt sich auf das Spiel nicht ein. Denn Stephen glaubt. Da ist kaum Koketterie um die eigene Doppelbödigkeit auszumachen, nein, jegliche Regung in Goslings Gesicht deutet darauf, dass seine Figur zu den Guten gehört, zu denen, die ihr Vertrauen an das Gute nicht aufgeben möchten. Um Stephens Wandel zum Zyniker geht es in The Ides of March - Tage des Verrats.

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Am Schluss blickt Ryan Gosling mit einem ganz offenen, leicht fragenden Blick in die Kamera. Dass die innere Transformation von Stephen an seiner Mimik nicht abzulesen ist, markiert einen der ganz seltenen Momente, in denen George Clooney in seiner vierten Regiearbeit eine Reibung zwischen Gezeigtem und Bedeutetem entstehen lässt. Es ist ein Glück für Clooney, dass er für seinen Film Gosling verpflichten konnte. Doch an seinem Spiel, das gerne Ambivalenzen auslotet, das Zerbrechliche und das Naive mit dem Arroganten und dem Verzweifelten verbindet, lässt sich auch recht deutlich ablesen, was dem Regisseur Clooney im Vergleich zu anderen fehlt. Erst kürzlich war in den Cannes-Beiträgen Drive (2011) und Blue Valentine (2010) wieder zu sehen, was aus Gosling herauszuholen ist, wenn Regisseure am Ruder sitzen, denen an der filmischen Inszenierung per se gelegen ist. Clooney hingegen geriert sich mehr denn je als reiner Message-Filmer. In der Reduktion kann zwar auch eine Kraft liegen: Good Night, and Good Luck. (2005) konnte vor allem als minimalistischer Beitrag zur Erinnerung an eine längst verschüttgegangene Fernsehära punkten. Doch hier wie dort bleiben bei Clooney die Figuren reine Vektoren, die eine Storyentwicklung bedingen, aber kaum über sie hinausweisen, außer eben auf die Message. Lang vergessen sind da die mäandernden Pfade seines ambitionierteren Regiedebüts Geständnisse – Confessions of a Dangerous Mind (Confessions of a Dangerous Mind, 2002) nach einem Drehbuch von Charlie Kaufman, eines Anti-Identifikationsfilms, der für Sympathie keine Empathie voraussetzt.

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Die Krux von The Ides of March liegt nun in zweierlei: Die filmische Inszenierung schlicht zu nennen wäre eine Untertreibung. Und die Dialoge eindimensional zu nennen träfe es auf den Punkt. Das wäre die Stelle, an der das Budget von nur rund 12 Millionen Dollar zu Gunsten von Clooney und Konsorten angeführt werden könnte. Tatsächlich sieht man recht deutlich, dass der unabhängig finanzierte Film unter dem Mittelmangel leidet, sich bis auf ganz wenige Ausnahmen scheut, offene Räume in den Blick zu nehmen, und an den Schauspielern klebt, als reiche die Kulisse nicht weiter als eine halbe Armeslänge. Die erste Szene war da noch vielversprechend: Stephen vor einem Rednerpult in einem großen leeren Veranstaltungssaal, er testet die Technik und spricht ein paar der später spontan wirkenden Ausdrücke des Gouverneurs ins Mikro. Erst nach und nach entfaltet sich die Szenerie, sukzessive wird der Zuschauer zum privilegierten Beobachter des Geschehens. Doch nach diesem Einstieg wechselt The Ides of March schnell in einen rein an den Dialogen orientierten Modus, der über den Verlauf des Films kaum mehr verlassen wird. Spätestens hier greift das Argument des niedrigen Budgets nicht mehr: Ein gutes Drehbuch ist viel weniger eine Frage des Geldes als es die Inszenierungsmöglichkeiten sein können. So oder so kann er selbst mit vielfach günstigeren Episoden von Fernsehserien nicht mithalten. Und wer heute Hintermänner der Politik für Film oder Fernsehen inszeniert, der muss sich an der von Aaron Sorkin kreierten Serie The West Wing (1999-2006) messen lassen. Die Fernseh-Referenz für die Darstellung amerikanischer Politik war nicht nur schlauer (und lies ihre Figuren auch schlauer sein), sondern vor allem sehr viel effektiver in der Vermittlung von politischen Idealen, die mit den persönlichen Biografien und Eigenheiten der Figuren verwoben wurden. Da wo Kritiker der Serie propagandistische Züge attestierten, mussten sie ihr gleichzeitig zugestehen, die eigenen Vorstellungen von richtiger Politik überaus glaubhaft und überzeugend wirken zu lassen.

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Clooney interessiert sich zwar ebenfalls in allen seinen Regie-Arbeiten für Macht, für Motive der Gewinnung von Einfluss und der Handhabe über das Leben anderer. In seiner Adaption des Theaterstücks Farragut North (2008) ist er nun allerdings nicht in der Lage, seinen Figuren für ihren Glauben an Politik mehr als ein paar Stichworte (Loyalität, Bürgerrechte, Demokrat sein) mitzugeben. Sein Präsidentschaftskandidat ist ein charismatischer Strahlemann, Eigenschaften hat er keine, Ideale, auch vorgebliche: Fehlanzeige. Die eigentlichen Inhalte von Politik sind vollkommen austauschbar. Der Zynismus, der den Protagonisten Stephen letztlich übermannt, hat von Anfang an gewonnen.

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