Die Taschendiebin

Getäuschte Täuschungen. Park Chan-wook lässt sein Personal niederträchtig mit der Liebe spielen und verirrt sich einmal kurz in die Perspektive einer Vagina.

The Handmaiden 01

Das Anwesen, in das die junge und bis in jede Körperpartie hinein allzu zarte Sookee (Kim Tae-ri) als Dienstmädchen geschickt wird, besteht aus einem im viktorianischen Stil gehaltenen Hauptgebäude und einem japanischen Nebentrakt; außerdem gibt es – und mit diesem Raum wird über weite Strecken mehr gedroht, als dass er tatsächlich sichtbar würde – einen Keller: zwei denkbar verschiedene Oberflächendesigns und ein Untergrund, ein Raum, der die beiden anderen trägt, der ihnen zugrunde liegt und der allein architektonisch schon Abgründiges antizipieren lässt. In diesem Gebäude schreitet man nicht nur durch die unterschiedlichsten Dekors, sondern auch durch unterschiedliche Formationen, in denen die einzelnen Räume wiederum zueinander in Relation stehen. Manche Türen muss man aufschieben, manche aufsperren, manche zuschlagen, manche vom Boden heben – ein Gatter in der riesigen Bibliothek des Hausherren Kouzuki (Cho Jin-woong) lässt sich sogar durch einen Mechanismus bedienen. Von manchen Räumen aus kann man in andere blicken, manche Wände sind so dünn, dass das Geschehen im Nebenraum mitgehört werden kann, manche so dick, dass sich dahinter nicht erahnen lässt, was man ohnehin nicht erahnen will.

Die Liebe als Medium des Betrugs

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Mit diesem Gebäude legt Park Chan-wook bereits die Struktur seines Films offen – gewissermaßen als architektonisches Äquivalent: Brüche, Umkehrungen, doppelbödige Identitäten. Alles beginnt mit einem Schwindel: Ein angeblich japanischer Graf (Ha Jung-woo) möchte die betuchte Dame des Hauses Lady Hideko (Kim Min-hee) verführen und heiraten, reich werden und sie dann ins Irrenhaus abschieben. Sookee, die eigentlich eine gewöhnliche Taschendiebin ist, engagiert er für diesen Plan und verspricht ihr im Gegenzug den Schmuck der Lady, auf die sich bald auch ihr erotisches Interesse richtet. Im Grunde ist das alles sehr simpel; ein ganz gewöhnlicher Liebesbetrug, der, sobald die Liebe einmal gewonnen ist, ganz von alleine funktioniert. Aber diese Täuschung wird torpediert durch einen zweiten Betrug, der die Betrügenden selbst zu Betrogenen macht: Die Liebe als Medium des Betrugs ist in Die Taschendiebin (The Handmaiden) nicht nur listige Methode, sondern vor allem der Spielball, den sich das Personal dieses Films über zweieinhalb Stunden gegenseitig zuspielt.

Schauende Vagina

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Park legt es freilich auf sogenannte plot twists an. Die Richtung, die der Film einschlägt, erweist sich mit einem mal als Irreführung. Details und Konstellationen von früher werden überprüft, konterinszeniert, umperspektiviert. Irrte man sich in dem, was man hörte, in dem, was man sah? Wurde diese oder jene Liebe geliebt oder doch nur gespielt? Park geht mit der Inszenierung dieser Fragen eigentlich lähmend strukturiert vor. Ein erstes Kapitel entfaltet die eine Perspektive, ein zweites die andere. Das ist im Grunde aber auch egal, weil die hakenschlagende und zeitspringende Bewegung dieses Films weder sonderlich interessant noch sonderlich offen erscheint. Ob und zu welchen Gunsten dieses Ballspiel ausgehen wird, dürfte weit vor dem selbst wieder als Kapitel eingeführten Ende deutlich geworden sein. Spätestens mit einer Einstellung, die mehr oder weniger aus der Perspektive einer Vagina gefilmt ist und die derart das erregte Gesicht der jungen Sookee zentriert, ihren Mund, der sich leicht öffnet, die Zunge ein Stück weit nach draußen entlässt, hört die Frage, wer wen wie mit den Augen anblickt und wer von wem wie erblickt wird, fast auf zu interessieren. Die großperspektivisch angelegten Täuschungsmanöver sind Sache der Augen. Der Liebesblick der Vagina, möchte man meinen, kann doch gar nicht lügen.

Finger im Mund

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Als Literaturverfilmung – konkret geht es um Sarah Waters’ 2002 erschienenen Roman Solange du lügst, der im viktorianischen Zeitalter angesiedelt ist und mit diesem Film nach Korea umgesiedelt wurde – ist Die Taschendiebin klassischerweise äußerst bemüht um historische Kulisse, Kostüm und Dekor. Dabei ist der Film eigentlich immer dann am besten, wenn das Kostüm abgelegt oder das Dekor zertrümmert wird. Es geht indes noch nicht einmal um die lesbischen Sexszenen, die sich ganz besonders explizit geben. Oft genügt dem Film eine Nacktheit, die man gar nicht sieht, ein Körper in der Badewanne zum Beispiel. Sookee, die Hideko wäscht, wird von dieser angewiesen, ihren Zahnschmerz zu lindern. Dazu steckt Sookee ihren mit einem Fingerhut ausgestatteten Zeigefinger in Hidekos Mund. Sie reibt damit an ihrem Backenzahn, schiebt den Finger rein und zieht ihn raus – das ist sicherlich weder sonderlich implizit noch besonders subtil, aber es entfaltet in seiner ausladenden Dauer doch eine in den Exzess mündende Intensivierung erotischer Energien, die auf der einen Seite bereits angemessen ins Pornografische überschwappen und auf der anderen ins Absurde, und das, ohne dass dazu noch etwas ausgezogen werden müsste oder eine Bewegung beschleunigt würde. Je reduzierter Park die Inszenierung anlegt, desto schlagender ist sie. Die großen Umbrüche und perspektivischen Spielchen wirken dagegen eher wie mühsam angeschleppte Brocken, die sich diese romantische Geschichte selbst in den Weg rollt, um sich scheinbar umso stärker legitimieren zu können.

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