The Dinner

Berlinale 2017 – Wettbewerb: Eine Runde Familienpolitik: Hysterisch lachend lässt Oren Moverman sein weißes Bürgertum vom Dinnertable aufstehen, um in der Vergangenheit zu bohren, Gesetze auf den Weg zu bringen und Hate Crimes zu vertuschen.

Der Dinnertable ist ein Körper, der fortwährend abstößt, was sich zu lange in seiner Nähe aufhält. Ein familiärer Abend zu viert ist geplant; der Kongressabgeordnete Stan Lohman (Richard Gere) kommt für die Kosten des Essens in einem ultranoblen Restaurant auf, an dem noch seine zweite Frau Katelyn (Rebecca Hall) sowie sein Bruder Paul (Steve Coogan) mit Frau Claire (Laura Linney) teilnehmen. Nun gehen derartige Familienabende im Kino selten gut, aber Oren Movermans The Dinner ist nicht das übliche Kammerspiel, das seine Konflikte bei Tisch eskalieren lässt. Es brodelt hier so stark, dass der Film es kaum aushält, wenn tatsächlich mal alle vier beisammensitzen, und so schickt er wieder eine der Figuren nach draußen, die dann mit dem Handy am Ohr um Stimmen für ein Gesetzesvorhaben buhlt oder nach einem Streit die frische Luft aufsucht. Die über den Screen gelegte verschnörkelte Schrift, die die unterschiedlichen Gänge ankündigt, gibt dem Film vordergründig Struktur, aber es hilft nichts: Die schönsten und exquisitesten Dinge, die eine Küche so hergeben kann, werden dem Tisch zugeführt, und doch bleibt das Dinner eine ganz und gar zentrifugale Angelegenheit.

In stimmungsvollen Zwischenräumen

The Dinner

Klassische Situationskomik bestimmt den ersten Teil von The Dinner, aber dass es Moverman um mehr geht, wird schnell deutlich. Wie ist nun dieser Weg vom Komischen zum Ernsten beschaffen? Klassische Tragikomödien suchen ja meist eine gewisse Balance zu finden, die gewünschte Zuschauermiene ist ein wissendes Lächeln, das nicht allzu sehr ins ein oder andere Extrem kippen soll. Andere Filme täuschen das Komische vor, um einen nur umso stärkeren Stimmungs-Backlash zu produzieren: das berühmte Lachen, das im Halse stecken bleibt. Dann gibt es noch Provokateure (im besten Fall) und Zyniker (im schlechtesten), die erst gar keine Trennung vornehmen, die mit Witzen verletzen und beim Verletzen schallend lachen. Die Verschiebungen, die The Dinner in dieser Hinsicht vornimmt, lassen mitunter ein wenig ratlos zurück, weil der Film kein affektives Zentrum zu besitzen scheint, von dem er sich leiten lässt. Nicht ob man lachen oder weinen soll, ist hier die Frage, sondern ob der Film lacht oder weint, ob er nachdenklich oder fies ist, ob er zuspitzt oder ad absurdum führt – oder ob er sich vielleicht nicht doch ziemlich gemütlich einrichtet in diesen Zwischenräumen und mit dem größten Vergnügen jegliche von ihm provozierte Stimmung mitnehmen und als Kern der Sache ausgeben kann.

Der Zyniker und seine Fans

Doch ließe sich ihm eine solche Unentschlossenheit auch zugutehalten, schließlich identifiziert sich The Dinner von Anbeginn mit einem Gestörten, auch wenn wir das zunächst nicht wissen. Da steht Paul auf dem Balkon, blickt nach unten und sinniert per Voice-over über die Antike, in der die Welt noch in Ordnung war, bevor das Mittelalter, dann die beschissene Renaissance und schließlich natürlich die Moderne mit ihren Snapchats und Tumblrs alles kaputtgemacht haben. Während wir seinem rant folgen, dem ersten von vielen, begibt er sich vom Balkon in die Niederungen des eigenen Familienlebens und sucht bei Claire nach letzten Auswegen aus dem Dinner. Der sinnsuchende Ehemann, der nur Verachtung übrig hat für familiäre Verpflichtungen, die wohlmeinende ihn beruhigende Frau – eine Szene, schon tausendmal gesehen, und normalerweise bringt sie uns dazu, den Zyniker anzufeuern, auf dass er den Politbonzen von einem Bruder, der hier angekündigt wird, nach Strich und Faden fertigmacht.

Kino und Klinik

Erst allmählich ahnen wir, dass Paul nicht nur rechtschaffener Augenroller ist, sondern es ein wenig an den Nerven hat. Die Woody-Allen-artigen Neurosen und Soziophobien werden endgültig zum klinischen Bild, wenn The Dinner sich schließlich einer Rückblenden-Logik ergibt, die ganz klassisch Figuren entblättert sowie Schicksalsschläge und vergangene Konflikte, von denen am Dinnertable zuvor nur die Schatten zu sehen waren, ins gleißende Licht holt. Und als wären Lungenkrebs und psychotische Episoden mitsamt Gewaltausbrüchen vor den eigenen Kindern nicht genug, schiebt sich langsam auch, eigentlich noch so ein Plotklischee, die tragische Begebenheit in den Vordergrund, derentwegen Sam den Familienabend überhaupt erst einberufen hat.

Denn wo schon bei den Eltern so viel los ist, sind die Kids natürlich erst recht nicht allright. Die Cousins Michael (Charlie Plummer) und Rick (Seamus Davey-Fitzpatrick) haben nach einer polizeilich aufgelösten Party eine Obdachlose in Brand gesteckt; Stans in Kenia gebohrener Adoptivsohn Beau (Miles J. Harvey) hat das Video, das die beiden während ihrer Tat angefertigt haben, gefunden und erpresst sie nun um Schweigegeld. Dass das Opfer wie der Denunziant der Tat schwarz sind, schafft einen rassen- und klassenspezifischen Unterbau, mit dem Moverman die Romanvorlage des niederländischen Autors Herman Koch amerikanisiert hat und der interessanter ist als die großen moralischen Fragen von Schuld, Verantwortung und Kindererziehung, die scheinbar im Zentrum stehen. Und auch Pauls wahnwitzige Obsession mit der Schlacht von Gettysburg ist angesichts des politischen Unbewussten, dem The Dinner auf den Grund geht, nicht nur eine willkürliche Idiosynkrasie.

Suburbane Gewalt

Dass Paul sich jedenfalls echauffiert, weil die Restaurantmitarbeiter ständig von Mr. Lohman sprechen und dabei nicht ihn, sondern seinen berühmten Bruder meinen, ist mehr als nur ein Running Gag: Trotz aller Konflikte zwischen „ungleichen Brüdern“ und den Generationen, die hier mehr zitiert als reproduziert werden, sind’s eben doch alles Lohmänner, die ein gemeinsames Projekt verbindet: die eigenen Kids vor rechtlichen Folgen jenes „tragischen Unfalls“ zu bewahren, als den Claire die Mordtat ihres Sohnes bezeichnet. Es ist ausgerechnet der Bürokrat aus Washington, der vom Todesopfer als einem Menschen spricht und schließlich sogar dafür plädiert, die Sache zuzugeben, während unser Held mit dem Dachschaden und dem lustigen Voice-over die Anregung seiner Frau, sich im Sinne des Sohnes um Beau zu „kümmern“, ziemlich radikal auslegen wird. Nicht die Politik, sondern das Volk ist hier das Problem, und zwar nicht das rurale, sondern gerade das suburbane. Der Film endet in dem Moment, wo Stans Gesetz auf den Weg gebracht ist. Es geht darin um die staatliche Übernahme von Behandlungskosten bei psychischen Krankheiten, aber Paul kann da nur hysterisch lachen. Und damit wäre dann vielleicht auch die affektive Haltung des Films selbst beschrieben, eine Haltung, die unheimlicherweise ziemlich angemessen erscheint.

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