Conjuring - Die Heimsuchung

Verdammt, zu schützen und zu lieben. Saw-Regisseur James Wan zeigt sich diesmal nicht als Revoluzzer, sondern als Traditionalist des Horrors.

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Schöne deutsche Sprache: Das Wort „Heimsuchung“ (wie The Conjuring hierzulande wörtlich falsch, aber sinnhaft treffend untertitelt wird) kann man zweigleisig verstehen. Einerseits gibt es die naheliegende Definition des esoterischen Hausfriedensbruchs, im übertragenen Sinne des Schicksalsschlags: Ein Heim wird besucht; für gewöhnlich von Gott, in diesem Fall von allerlei türenknallenden, im Dunkel kichernden Dämonen. Aber der Auslöser dafür ist, bei Wan wie bei vielen anderen Vertretern des Haunted-House-Subgenres, eine ganz und gar weltliche Form der Heim-Suchung: Das offensichtlich hochfertile Ehepaar Perron (Lili Taylor, Ron Livingston) sucht sich mit seinen fünf Töchtern ein neues Heim. Der Umzug zu Beginn löst im Gruselgenre oft den Plot aus: die Bewegung in unbekannte, noch nicht heimelige Gefilde, aus gesellschaftlicher Perspektive so alltäglich wie aus kindlicher traumatisch.

Das in seiner Unbehaustheit ruhende, von wildwuchernder Natur umrankte Herrenhaus in Conjuring wird also von der siebenköpfigen Perron-Familie ebenso heimgesucht wie diese anschließend von dessen Gespenstern. Und wie sich im Fortschreiten der Handlung die Schrecken zwischen hohlen Wänden und spinnenverwebten Kellerräumen allmählich konkretisieren, so gewinnt auch, im Sinne eines Blickwechsels, das Grauen an Kontur, das sich hinter den Fassaden einer Familie ankündigt.

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In Conjuring – Die Heimsuchung sind es die Qualen des Mutterdaseins, die sich über die Bande der Zauberei und Körperbesessenheit Bahn brechen. Der Horror der Hausfrau. In Carolyn Perron (Lili Taylor) fährt eine Hexe, die Mütter dazu zwingen will, ihren Nachwuchs abzuschlachten. Und je unerbittlicher der paranormale Zugriff wird, desto klarer treten die ihn gebärenden, letztlich alltäglichen Schrecken hervor: Ist die Mutter dazu verdammt, ihre Kinder zu lieben? Wie viel Konditionierung und Verdrängung ist notwendig, um sich dem als unabänderlich, weil als biologisch hard wired verkauften Diktat der schützenden und kümmernden Glucke zu unterwerfen? Aus anderer Richtung nahm zuletzt Lynn Ramsay in We Need to Talk About Kevin (2010) eine ähnlich ungehörige, aber unumgängliche Frage ins Visier.

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Viel Zeit verwendet Wan darauf, das Familienidyll zu entwerfen: der hart arbeitende Trucker-Vater und die leicht hippieeske, sich still nach friedlichem Zusammenleben sehnende Mutter. Die fünf Mädchen, wie sie im Gruselhaus verstecken spielen. Der süße Collie, der sich nicht über die Türschwelle traut, weil sein tierischer Instinkt wohl die Gefahr spürt. Als es schlimm wird mit den nächtlichen Angriffen, dem wachsendem Dunkel, da wenden sich die Perrons an ein anderes perfektes Ehepaar: die Warrens (Vera Farmiga; Patrick Wilson), ihres Zeichens Dämonologen und Geisterjäger, selbst Eltern einer herzallerliebsten Tochter.

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Ed und Lorrain Warren sind, das trägt Conjuring stolz auf der Brust, historische Persönlichkeiten. Und der Perron-Fall soll ebenso Tatsachen entsprechen. Ob Wan diese pseudo-realistische Prämisse für seinen Film benötigt, sei dahingestellt. Sie dient ihm letztlich wohl vor allem als Vorwand, sich unter dem Deckmantel historischer Akkuratesse ganz und gar in die Bilder und Klänge der frühen 1970er Jahre zu schmiegen. Conjuring ist visuell eine nerdige Fanboy-Angelegenheit, die ihren filmischen Ahnherren ununterbrochen Reverenz erweist: von lange aus der Mode gekommenen Kamerazooms über schwer nach Der Exorzist (The Exorcist, 1974) schmeckende Typografien, katholische Mystik und Vulgärlatein brabbelnde Verrückte bis hin zum finalen Angriff wild gewordener Vogelscharen à la Hitchcock reichen die Verweise.

Andererseits kann die Detailversessenheit der Ausstattung in Conjuring noch in Richtung einer anderen, wesentlich spannenderen Bestimmung weitergedacht werden: In der Umbruchszeit nach dem Summer of Love und ’68 rangen amerikanische Mütter mit alten Rollenbildern und neuen Freiheitsversprechungen. Von den Schmerzen und Zweifeln dieses Umdenkens legt Conjuring Zeugnis ab. Es ist ein Period Picture des Wahns einer Epoche, Faktenbericht historischer Gefühlswelten.

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Das Geisterjägerpärchen gibt Wan dabei vor allem viele Möglichkeiten, ein paar Metaebenen in seinen dramaturgisch ausgesprochen klassischen Grusel einzuziehen. So rücken sie mit Mikrofonen, Foto- und Filmkameras an, um im heimgesuchten Heim ein engmaschiges Überwachsungsnetz zu installieren. Die Angst vor äußerlichem Eindringen schlägt sofort in Paranoia um – ein sehr amerikanisches Dilemma, das Wan sich wohl von seinem Kumpel Oren Peli (Paranormal Activity, 2005) abgeschaut hat. Aber zugleich handelt es sich um die alte Beschwörung technologischer Mächte: Das Unhörbare soll hörbar, das Unsichtbare sichtbar gemacht werden. Auf dem Magnettonband erklingt dämonisches Kreischen, die Fotoapparate fangen Geisterhände ein. Der Blick, das Gehör brauchen eine Vermittlung, eine Brechung, um das Wirkliche, weil Verborgene zu sehen oder zu hören. Im Spiegel erscheinen die Toten, und ebenso erscheinen die Schrecken der Normalität erst auf der Leinwand.

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Conjuring – Die Heimsuchung ist ein im engeren Sinne dialektischer Film, bei dem beständig komplexe, zweiseitige Verhältnisse ent- und verworfen werden: Innen und Außen in Körper und Haus, Schutzdiktat und Zerstörungswahn, Idyll und Grauen. Die Kamera fliegt durch die Gänge, um an der Türschwelle gleichsam zitternd innezuhalten, kippt zur Seite und über die Horizontlinie, dreht sich in halben Rotationen, stellt die Bilder auf den Kopf. Derweil frisst sich Wan, ohne je den Modus gediegener, klassischer Gruselei zu verlassen, immer weiter in die Agonien des Ewig-Mütterlichen hinein. Schon als Prolog dient ihm ein früherer Fall der Warren-Eheleute, bei dem es sich zwei Mädels mit einer Chucky-artigen Terrorpuppe verscherzt haben. „Warum haben Sie die Puppe von der Straße aufgesammelt und mit zu sich genommen?“, fragt Frau Warren. „Wir sind Krankenschwestern, wir können nicht anders“, kommt die Antwort. Die unentrinnbaren Muttergefühle, hier gebären sie Verderben.

Trailer zu „Conjuring - Die Heimsuchung“


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